Der Mathelehrer half, die Krise zu überwinden

Susanne Kerkovius

Von Susanne Kerkovius

Mo, 18. Januar 2021

Offenburg

Die Offenburgerin Nergiz Candan wird als Schülerstipendiatin wie schon ihre beiden Geschwister von "Talent im Land" gefördert .

. Dass Nergiz Candan, 17, die jüngste Tochter der neunköpfigen kurdischen Familie Candan, einmal Schülerstipendiatin des Landes Baden Württemberg werden würde, wurde durch mehrere Faktoren möglich gemacht: die Verhinderung der Abschiebung ihrer Familie im Jahr 2005, ihren eigenen Fleiß und Ehrgeiz und das Vorbild ihrer Schwester Cicek, ebenfalls Stipendiatin und heute nach erfolgreich absolviertem Jurastudium im Referendariat.

Nergiz ist in Offenburg geboren und hat im Gegensatz zu ihrem ältesten Bruder Sedat die Flucht der Familie nach Deutschland nicht miterlebt. Nach den Gründen für die Flucht befragt, erzählt die Schülerin:" Damals herrschten politische Konflikte zwischen dem kurdischen und dem türkischen Volk, es gab Chancenungleichheit. Verschiedene Umstände machten eine Flucht für meine Eltern notwendig." Dennoch gab es keine Asylanerkennung, und nach 14 Jahren, 2004, drohte der inzwischen neunköpfigen Familie die Abschiebung. Die evangelische Kirchengemeinde und vor allem Pfarrer Ulrich Epperlein halfen mit Kirchenasyl und einer großangelegten Unterschriftenkampagne, und tatsächlich durfte die Familie bleiben."Ich war damals noch klein, aber ich erinnere mich noch gut an die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, an die Feste und die tolle Atmosphäre."

Die Familie hat aus der Chance viel gemacht: "Meine Eltern haben immer viel gearbeitet und waren sich für nichts zu schade, um uns durchzubringen. Obwohl sie selber wenig Bildungsmöglichkeiten hatten, vor allem meine Mutter nicht, die aus einem armen Bergdorf stammt und schon als Kind für ihre Geschwister sorgen musste, geben sie alles, damit wir weiter kommen. Sie haben uns vermittelt, dass Zugang zu Bildung etwas ist, das man sehr schätzen sollte." Und an Begabungen fehlt es in der Familie anscheinend nicht – neben Schwester Cicek hat auch Bruder Harun ein Studium abgeschlossen, und zwar in Maschinenbau.

Wie klappt so etwas in einer Familie mit wenig Geld und ohne Netzwerk? Gute Schulen und aufmerksame Lehrer sind neben der Einstellung der Eltern ebenfalls wichtige Mitspieler: "Meine Schwester Cicek war eine Superschülerin und wurde von Pfarrer Epperlein auf das Schülerstipendium Talent im Land aufmerksam gemacht, das sie, ebenso wie Harun, dann auch bekam. Bei mir war es eher so, dass ich in der Grundschule sehr gut war, dann auf der Realschule nach einer Klassenaufteilung aber in die Krise kam und erst durch meinen anspruchsvollen, aber sehr fördernden Mathelehrer, Herrn Zeferer, auf meine Mathebegabung aufmerksam wurde." Der Erfolg in Mathe habe sie auch in anderen Fächern beflügelt, und so konnte Nergiz Candan in der 10. Klasse als Jahrgangsbeste mit 1,3 Durchschnitt abschließen und auf das Berufliche Gymnasium in Lahr wechseln, Sozialpädagogischer Zweig, wo sie derzeit in der 12. Klasse ist."Im November 2020 sollte ich in einer großen Feier in Stuttgart von Kultusministerin Susanne Eisenmann die Urkunde bekommen, dass ich zu den unter 300 Bewerbern ausgewählten 50 Schülerstipendiaten von TiL gehöre, aber wegen Corona gab es nur eine Urkunde per Post", bedauert die 17-Jährige.

Was tut die Stiftung für ihre Stipendiatinnen? "Ich bekomme 150 Euro im Monat und einen einmaligen Zuschuss von 800 Euro für einen Laptop, dazu gibt es viele kostenlose und anregende Workshops mit tollen Spezialisten aus allen möglichen Bereichen, und mein Berater, Herr Germann, ist immer für mich da, wenn ich Fragen oder Probleme habe."

Und so wird Nergiz auch nach dem Abitur Unterstützung bei der Wahl ihres Studienfachs haben – ob es nun Medizin, Mathematik auf Lehramt oder etwas anderes sein wird. Gut, dass Nergiz nach der 4. Klasse nicht auf ihre Klassenlehrerin gehört hat, die sie auf die Hauptschule schicken wollte, sondern auf Schwester Cicek, die das im Beratungsgespräch empört abgelehnt hatte.