Der Pianist und die Nationalsozialistin

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Di, 07. Februar 2023

Literatur & Vorträge

Oliver Hilmes verwebt in seinem Buch "Schattenzeit" viele Geschichten aus dem Deutschland des Jahres 1943. Eine ist die Tragödie des Pianisten Karlrobert Kreiten. .

Es ist populär geworden, Geschichte in Form von Geschichten zu erzählen und sie so aus dem Regal für Fachliteratur ins Bestsellerregal zu befördern. Wichtig dabei ist es, dass die Autoren historisch akkurat bleiben und gut recherchieren, weil sie sonst in der problematischen Doku-Fiction-Ecke landen. Dem Bestsellerautor Oliver Hilmes, selbst Historiker, gelingt dieses Format vortrefflich. In seinem neuen Buch "Schattenzeit" geht er zurück ins Deutschland des Jahres 1943 – als die militärische Lage im Zweiten Weltkrieg für die Deutschen längst aussichtslos war, auch wenn größenwahnsinnige Nazis der Bevölkerung noch das Gegenteil vorgaukelten.

Hilmes spiegelt das große Geschehen in den Geschichten bekannter und unbekannter Menschen, erzählt von Regime-Größen und Regime-Gegnern, von ihren Erfahrungen im Krieg. Ihre Erlebnisse schildert er nicht jeweils für sich abgeschlossen, sondern als Collage, permanent wechseln Orte und Personen.

Eine Geschichte durchzieht aber das gesamte Buch. Es sind die letzten Monate des Pianisten Karlrobert Kreiten. Der 26-Jährige tritt in der Berliner Philharmonie auf, wird in den Medien als "junger Wundermann am Flügel" gefeiert. Weil er seine neue Berliner Wohnung noch nicht beziehen kann, kommt Kreiten im Frühjahr ’43 bei einer Freundin seiner Mutter unter. Er kennt diese Ellen Ott-Monecke nicht gut und findet sie auch nicht sonderlich sympathisch, aber es sind ja nur ein paar Tage. Warum also fährt er eines Morgens dermaßen aus der Haut? Ein Fehler, der sich als fatal erweisen wird.

Dass die überzeugte Nationalsozialistin Ott-Monecke den Völkischen Beobachter liest, provoziert ihn. Kreiten lästert: "Was lesen Sie denn da für einen Mist? Das ist ja alles Lug und Trug." Über die Hitler-Bilder in der Wohnung seiner Gastgeberin sagt er: "Nehmen Sie doch den Psychopathen von der Wand da weg." Während Churchill "sehr vornehm und ruhig" spreche, schreie Hitler "in seinen Reden und drücke sich in einer Weise aus, die sich einem Staatsoberhaupt nicht gezieme". Das ist zu viel für Ellen Ott-Monecke. Sie denunziert ihren Gast. Kreiten wird vor einem Auftritt in Heidelberg von der Gestapo verhaftet.

Auch der Sänger und Kabarettist Robert Dorsay riskiert viel, als er in einem Berliner Restaurant einen Führer-Witz zum Besten gibt: "Bei Hitlers Einzug in eine Stadt hält ein Mädchen ihm ein Büschel Gras entgegen. Hitler: ‚Was soll ich damit?‘ Das Mädchen: ‚Alle sagen, wenn der Führer ins Gras beißt, kommen bessere Zeiten.‘" Die Nazis haben Dorsay im Visier, weil er der NSDAP partout nicht beitreten will – Engagements bleiben aus, seine Karriere geht den Bach runter.

Hilmes schreibt über Kulturschaffende, die sich dem NS-System zu verweigern versuchen, aber auch über jene, die sich vereinnahmen lassen wie der Stardirigent Wilhelm Furtwängler oder Götz Georges Vater Heinrich, der bei Goebbels’ "Wollt ihr den totalen Krieg?"-Rede im Berliner Sportpalast vor Ort ist und jubelt. Weiter berichtet Hilmes von Juden, die wie Victor Klemperer als Zwangsarbeiter schuften müssen, die sich verstecken oder in den Fängen der Nazis ums Überleben kämpfen. Er erzählt von "Hansi", der sich in einer Gartenlaube versteckt – in einem brenzligen Moment sitzt ein Gestapo-Mann über ihm auf dem Bett. Nach dem Krieg wird "Hansi" Rosenthal eine Fernsehberühmtheit als Moderator der TV-Show "Dalli Dalli".

Seine Geschichten hat Hilmes aus vielen anderen Büchern geschöpft: aus Lebenserinnerungen, Berichten und geschichtswissenschaftlichen Werken. Er hat aber auch viel Archivarbeit gemacht. Auf diese Weise hat er etwa die Geschichte Karlrobert Kreitens rekonstruiert.

Hilmes blickt auf tapfere Widerstandskämpfer, fokussiert aber nicht nur auf diese Helden. Er schaut auch auf ihre Kontrahenten: auf Jakob Schmid, Typ "Ordnung muss sein" und eine Art Hausmeister an der Münchner Universität, der Sophie und Hans Scholl an die Gestapo verrät, auf den tobenden Volksgerichtshofpräsidenten Roland Freisler, der kurz vor Kriegsende die gerechte Strafe erhält – eine Bombe tötet ihn – , oder auf Wilhelm Röttger, der im Gefängnis in Berlin-Plötzensee massenweise tötet; des Geldes wegen, es ist sein Beruf, er ist Scharfrichter.

Bei der Bombardierung der Haftanstalt geht die Guillotine zu Bruch. Ist das die Rettung für den zum Tode verurteilten Karlrobert Kreiten in seiner Zelle? Nein. In der teilweise zerstörten Haftanstalt ist plötzlich weniger Platz, also muss welcher geschaffen werden. Es kommt scharenweise zu Hinrichtungen, die ganze Nacht hindurch, Karlrobert Kreiten ist unter den Ausgewählten. Hier schont Hilmes die Leserinnen und Leser nicht, kalt schildert er die Hinrichtung: "Augenblicklich lassen die Henkersknechte Karlroberts Körper fallen. (...) Nach etwa zehn Sekunden wird Karlrobert bewusstlos, während krampfartige Zuckungen seinen Körper ergreifen. Das Sterben dauert fünf bis zehn Minuten, dann erst tritt der Tod ein."

Oliver Hilmes: Schattenzeit. Deutschland 1943: Alltag und Abgründe. Siedler, München 2023. 300 Seiten, 24 Euro.