Blick ins Elsass

Der Straßburger Hauptbahnhof wird in drei Phasen modernisiert

teli

Von teli

Sa, 30. April 2022 um 17:45 Uhr

Straßburg

Er ist der zweitgrößte Regionalbahnhof Frankreichs: Der Straßburger Bahnhof soll künftig seiner Funktion als multimodale Drehscheibe gerechter werden. Und auch innerhalb der Stadt tut sich einiges.

Es ist nur ein Katzensprung von der Ortenau ins Elsass und in die Europastadt Straßburg. Was sich jenseits des Rheins so alles tut, beleuchtet unser "Blick ins Elsass".

Große Umbau- und Modernisierungsarbeiten stehen am Straßburger Hauptbahnhof an. Die dafür zuständige Firma der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF Gares & Connexions kündigt Bauarbeiten in drei Phasen an, die sich bis zum Sommer 2024 erstrecken werden. Der zweitgrößte Regionalbahnhof Frankreichs mit seinem Fahrgastaufkommen von jährlich rund 20 Millionen Reisenden soll im Bezug auf Funktionalität und Aufenthaltsqualität verbessert werden.

Bei seiner Einweihung 1883 war der Bahnhof, der im Baustil der Neo-Renaissance errichtet wurde, einer der modernsten seiner Epoche – komplett elektrifiziert und beheizbar. Seit 1984 steht das Bahnhofsgebäude unter Denkmalschutz. Als Straßburg 2007 an das französische Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen wurde und damit klar war, dass eine deutlich höhere Zahl von Reisenden Platz finden müssten, wurde das Bahnhofsgebäude durch eine gewölbte Glashalle in Richtung Bahnhofsvorplatz erweitert.

Die damals komplett erneuerte Fahrgastinfrastruktur ist inzwischen wieder veraltet und soll nun so modernisiert werden, dass der Bahnhof seiner Funktion als multimodale Drehscheibe noch besser gerecht werden kann. In der ersten Bauphase, bis zum Frühjahr 2023 dauern soll, wird die nördliche Halle umgebaut. Dort wird ein den Bedürfnissen von Menschen mit Beeinträchtigungen angepasster Bereich mit behindertengerechten Toiletten entstehen. Außerdem wird der VIP-Bereich in diesen Hallensektor verlegt und so gestaltet, dass er von den Quais aus zugänglich ist. Zusätzlich sind dort laut Angaben der SNCF mehrere sogenannte Themen-Restaurants geplant.

Im zweiten Bauabschnitt wird von Frühjahr bis Herbst 2023 die zentrale Bahnhofshalle einer Verjüngungskur unterzogen: Hier sollen vor allem die Besonderheiten der historischen Architektur, die Fenster, die Decken und die Statuen ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Reisenden und Besuchern gerückt und mit LEDs entsprechend beleuchtet werden. In diesem Teil der Halle sollen alle Servicebereiche für die Reisenden konzentriert werden. In den historischen Kaisersalon, der bisher als VIP-Salon genutzt wird, soll ein Restaurant einziehen, so dass der prächtige Saal für die breite Öffentlichkeit zugänglich wird.

Im Frühjahr 2023 werden außerdem die Arbeiten in der Südhalle beginnen. Die SCNF hat vor, die abgehängte Decke zu entfernen und ein Betongewölbe einzuziehen, um die jetzt verdeckten Glaselemente wieder sichtbar zu machen. In der Südhalle kann dann ein neuer Einkaufsbereich mit 15 Geschäften entstehen; die Fläche für Läden wird von 1840 auf 2600 Quadratmeter vergrößert.

Straßburg will 2024 Buch-Welthauptstadt werden

In diesem Jahr trägt Guadalajara in Mexiko den Titel und 2023 Accra in Ghana: 2024 will Straßburg die nächste Welthauptstadt des Buches werden. Die Kandidatur der Europastadt hat Oberbürgermeisterin Jeanne Barseghian dieser Tage bereits bekannt gegeben. Aus Frankreich erwächst Straßburg keine Konkurrenz, welche anderen Städte der Welt mit der Europastadt wetteifern, ist noch nicht bekannt. Der Titel Welthauptstadt des Buches wird von der Unesco vergeben, Geld gibt es dafür allerdings nicht.

Und es geht auch nicht darum, die eigene Stadt für Touristen interessanter zu machen, wie beispielsweise bei der Kulturhauptstadt, Ziel ist es vielmehr, die eigene Bevölkerung stärker zum Lesen zu motivieren und Werbung für das Buch zu betreiben. Denn über den Zugang zu Büchern für alle Schichten sollen Ungleichheiten beseitigt werden. Unabhängig davon, ob Straßburg im Titelkampf reüssiert oder nicht, gibt die Stadt schon jetzt eine Menge Geld aus: 2022 und 2023 fließen jeweils eine Million Euro in Aktionen rund ums Lesen, um Bücher und Bibliotheken, von April 2024 bis April 2025 sollen es dann 2,5 Millionen Euro sein.

59 Mediatheken und Bibliotheken zählt die Europastadt, darüber hinaus laut einem Bericht der Straßburger Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace 25 Buchhandlungen und 40 Verlage, sie alle sind für die Kandidatur ebenso Partner wie Vereine, Organisationen und die Universität; rund 150 Akteure haben in vier Workshops die Strategie für 2024 definiert, wenn die Europastadt auch Welthauptstadt des Buches sein möchte.

Straßburg beruft sich bei der Bewerbung natürlich auf Johannes Gutenberg und Johann Wolfgang von Goethe sowie auf Sébastien Brandt, Gustave Doré und Jean Arp. Als weitere Pluspunkte sieht die Stadtverwaltung den Umstand, dass die Europastadt mit dem Tomi-Ungerer-Museum und der Kunsthochschule gleich zwei Schwergewichte in Sachen Buchillustration aufzuweisen hat. Rund 200 Veranstaltungen soll es 2024 geben und die, so heißt es bislang, sollen auch dann stattfinden, wenn die Unesco einer anderen Stadt auf der Welt den Titel zuerkennen sollte.

Neuer Rummel-Standort

Seit 15 Jahren, seit mit dem Bau des europäischen Geschäftsquartiers im Stadtteil Wacken in unmittelbarer Nachbarschaft des Europaparlaments begonnen wurde und der Vergnügungspark Saint Jean seinen angestammten Platz verloren hat, sucht die Stadt Straßburg nach einem neuen Standort für die dreiwöchige Großveranstaltung. Drei Jahre lang war die Foire Saint Jean auf das Areal des ehemals deutschen Schießstands am Rande des Gartens der zwei Ufer ausgelagert – die Schausteller waren unzufrieden, weil sie die Entfernung zum Stadtzentrum als zu groß empfunden haben.

Inzwischen waren der Parc de l’Etoile im Gespräch, eine Fläche im Stadtteil Koenigshoffen, bei der Veranstaltungshalle Zénith sowie beim alten Güterbahnhof in Cronenbourg. Die 2020 gewählte grüne Stadtregierung hatte die Idee, den Vergnügungspark auf verschiedene Plätze in der Innenstadt aufzuteilen – keiner der Pläne fand die Zustimmung der Schausteller.

Überraschend steht jetzt ein ganz anderer Vorschlag im Raum: Die Stadtspitze möchte die Fläche des städtischen Bauhofs und des Abschleppdienstes in der Plaine des Bouchers für rund sieben Millionen Euro herrichten und weitere fünf Millionen für die Zufahrtsstraßen ausgeben, um damit einen Festplatz einzurichten. Dort sollen dann neben der Foire Saint Jean auch andere Freiluftveranstaltungen stattfinden können - offenbar stellt man sich im Straßburger Verwaltungsgebäude ein eigenes Bierfest vor.

Ende April und Ende Mai will sich OB Barseghian laut einem Bericht der Tageszeitung DNA mit den Schaustellern treffen, um die neuen Pläne zu erörtern. Man darf gespannt sein. Sicher ist derzeit nur eines: Die 609. Foire Saint Jean wird vom 17. Juni bis zum 18. Juli – wieder letztmals – in Wacken stattfinden.
Kulturtipps
  • Rock, Pop, Jazz: Seasick Steve kommt mit einer Mischung aus dreckigem Blues, Folk und Rock am Samstag in die Laiterie. Die abwechslungsreichen Songs des alten Cowboys sind von 19.30 Uhr an zu hören. Am Donnerstag ist 1000Mods in der der Laiterie zu Gast und macht im großen Saal deutlich, dass Rock auch in Griechenland zu Hause ist. Aus dem Elsass stammt die Elektro-Swing-Band Lyre le Temps, die am Samstag, 7. Mai, einen Mix aus Retro-Swing, Elektro, HipHop und Scratches in der Laiterie präsentiert. Reservierungen für alle Konzerte in der Laiterie unter bz-ticket.de.
  • Klassik: L’Orfeo ist eine musikalische Fabel von Claudio Monteverdi, die am Dienstag von 20 Uhr an in der Straßburger Rheinoper in Szene gesetzt wird. Reservierungen: Tel. (0033368)987593.
  • Theater: In seiner Inszenierung von "Dans la mesure de l’impossible" (Im Rahmen des Unmöglichen) setzt sich der portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues mit dem Thema Engagement auseinander und bringt ein mehrsprachiges Theaterstück auf die Bühne des Maillon-Theaters. Das Material für das Stück lieferten ihm Interviews mit Mitarbeitern des Roten Kreuzes, die von ihren Hilfseinsätzen berichten. Die Übertitelung erfolgt in französischer und englischer Sprache. Zu sehen ist das Stück von zweistündiger Dauer von Mittwoch bis Freitag (6. Mai), jeweils von 20.30 Uhr an. Reservierungen unter Tel. (00033388)276181.