Der Verzicht auf Exzentrik

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 23. April 2019

Klassik

Der Pianist Lang Lang im Festspielhaus Baden-Baden.

Er trägt kein Glitzeroutfit und keine besonders gestylte Frisur. Lang Lang kommt mit schwarzem Anzug und Seitenscheitel auf die Bühne des Festspielhauses Baden-Baden. Eine kurze Verbeugung – dann setzt er sich an den Flügel und lauscht der Orchesterintroduktion des zweiten Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven, die die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko mit einem Weichzeichner versehen.

Fünfzehn Monate musste der chinesische Pianist wegen einer Sehnenscheidenentzündung pausieren. Im Juli 2018 erfolgte dann das Comeback beim Tanglewood Festival mit Mozarts c-Moll-Klavierkonzert. Das große Virtuosenrepertoire rührt er erst einmal nicht an. Kein Tschaikowsky, kein Rachmaninow, kein Prokofiew. Auf seinem neuen Album "Piano Book" präsentiert der Klassikstar Stücke, die er schon als Kind gespielt hat. Und auch Beethovens zweites Klavierkonzert in B-Dur, das eigentlich sein erstes ist, braucht wenig Kraft und viel Fingerspitzengefühl. Musikalisch verzichtet Lang Lang ebenfalls auf jede Exzentrik.

Kein Showgehabe, keine Effekthascherei, keine Zuspitzung von Kontrasten. Extreme sucht er höchstens im Leisen. Schön sein sprechender Anschlag und die genaue Artikulation. Nur ein paar Details passen nicht ins Bild, wenn Lang Lang im ersten Satz den Sechzehntel-Abgang vor der Reprise mit viel Pedal verunklart oder am Ende der Kadenz mit dem Fuß stampft, um den Taktbeginn zu markieren. Dirigent Kirill Petrenko hätte den Tuttieinsatz garantiert auch ohne Lang Langs rustikale Mithilfe punktgenau geben können.

Im zweiten Satz hat die geradezu zelebrierte Pianokultur des Interpreten etwas Manieriertes, das die Balance der Dynamik in Schieflage bringt. Dafür glänzt Lang Lang im schnell genommenen Schlussrondo mit einer virtuosen Leichtigkeit, die den Charakter trifft und selbst die waghalsigsten Läufe transparent macht. Dass er jeden Triller noch mit einem verzückten Kopfschütteln garniert, ist verzichtbar, tut aber dem guten Eindruck des Satzes keinen Abbruch.

Das Spinnerlied von Felix Mendelssohn-Bartholdy spielt Lang Lang dann als Zugabe spektakulär filigran und zeigt neben seiner Geläufigkeit auch viel Musikalität.