Schmier im Interview

Destruction-Sänger: "Wir haben einen extrem großen Kulturaustausch mit der ganzen Welt"

Klaus Riexinger , Falko Wehr

Von Klaus Riexinger (Interview), Falko Wehr (Video)

Sa, 20. Juni 2020 um 16:39 Uhr

Rock & Pop

In der Krise greifen auch Thrash-Metal-Musiker auf Staatshilfe zurück: Schmier, Sänger und Bassist der südbadischen Band Destruction, über Existenzängste, Hoffnungen und eine Botschafter-Rolle.

Wo Schmier (53) auftaucht, zieht er alle Blicke auf sich: großgewachsen, schulterlange, schwarze Haare, Piercing über der Nase, die Arme voller Tätowierungen, darunter zahlreiche Totenköpfe und eine Jeans-Jacke, auf deren Rückseite in großen Buchstaben "Destruction" steht. Das ist die Band, in der Marcel Schirmer, den alle nur Schmier nennen, seit seinem 16. Lebensjahr spielt. Thrash nennt sich die extreme Spielart des Heavy Metal, der die Band zugeordnet wird. Früher eckte die Band, die ursprünglich aus Efringen-Kirchen kommt, mit Texten über Tod, Teufel und Gewalt an. Im Lauf der Jahre kamen immer häufiger sozialkritische Texte hinzu. Schmier setzt sich mit der sozialen Ungerechtigkeit in der Welt auseinander und er gedachte in einem Lied auch schon mal den Opfern des KZ Auschwitz. Ihrem Musikstil ist die Band in 37 Jahren aber treu geblieben. Destruction gehören nicht nur zu den Pionieren ihres Genres, sie sind eine der Szenegrößen mit Fans in aller Welt.

Doch es war schon einfacher, von der Musik zu leben. Der Markt für CDs ist fast vollständig eingebrochen, Streamingdienste können die Einnahmeausfälle nicht annähernd ersetzen. Schmier schätzt, dass Destruction für eine halbe Million gestreamter Titel einmalig 6 000 Euro bekommen. Davon kann kein Musiker leben. Was bleibt, ist das Touren. Damit lässt sich noch Geld verdienen. Entsprechend hart hat die Band das Auftrittsverbot wegen der Corona-Pandemie getroffen. Zum Interview im Brauhaus in Lörrach erschien Schmier dennoch bestens gelaunt.

BZ: Ihr konntet drei Monate lang nicht mehr auftreten. Was habt ihr in der Zeit gemacht?
Schmier: Wir haben eine Liveplatte produziert. Wir hatten das große Glück, dass wir die letzten Sommer auf einem Festival aufgenommen haben und jetzt kurzfristig rausbringen konnten. So ein Erfolgserlebnis tut gut in dieser Zeit. Über die Streamingportale bieten wir "Born to Thrash" schon an. Am 17. Juli kommt die Platte dann auch in die Läden.

"Am schlimmsten waren die ganzen Fehlinformationen und das Unwissen." Schmier
BZ: Ihr seid also von der Epidemie nicht kalt erwischt worden?
Schmier: Wir hatten was zu tun – das ist richtig. Die Einnahmen sind uns aber weggebrochen. Wir hatten noch mindestens 100 Konzerte vor uns – darunter auch einige Festivals, die besser bezahlt sind. Das tut richtig weh. Aber was können wir dagegen tun? Letztendlich mussten wir weiter arbeiten. Das machen wir.

BZ: Was ging dir durch den Kopf, als du vom Veranstaltungsverbot gehört hast?
Schmier: Ich habe es erwartet. Unser letztes Konzert vor der Coronakrise haben wir in der Schweiz gegeben. Unser nächster Auftritt wäre in Mailand gewesen – also dort, wo sich das Virus massiv ausbreitete. Mir war klar, dass wir als Künstler betroffen sein werden.

BZ: Hattet ihr Existenzängste?
Schmier: Natürlich. Am schlimmsten waren die ganzen Fehlinformationen und das Unwissen. In den USA hieß es, es werde keine Konzerte mehr geben, bis es einen Impfstoff gibt. Das Ergebnis einer Umfrage lautete, dass 60 Prozent der Amerikaner erst wieder auf Konzerte gehen, wenn es Impfmittel gibt.

BZ: Ihr habt staatliche Soforthilfe beantragt und bekommen. War das eure finanzielle Rettung?
Schmier: Die hat auf jeden Fall geholfen. Wir haben ja auch laufende Kosten, die beglichen werden müssen. Die Hilfe war die Grundvoraussetzung, dass die Band weiter existieren kann.



BZ: Habt ihr mal hochgerechnet, was euch an Einnahmen verloren gegangen ist?
Schmier: Nein, das ist nur frustrierend. Unsere Europa-Tour haben wir verschoben. Die kann jetzt hoffentlich im November oder Dezember stattfinden. Die komplette Touren in Japan, USA und Kanada, Südamerika und Australien wurden verschoben. Das haut schon rein.

"Es macht uns stolz, dass wir als Botschafter Deutschlands in der Welt unterwegs sind – auch wenn vielen Heavy Metal zu laut oder zu peinlich ist." Schmier

BZ: Noch mal zur Staatshilfe. Ihr habt als nietenbehangene Rockmusiker angefangen, die mit provozierenden Texten über Hölle und Satan...
Schmier: (lacht) Wir sind eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts und wir zahlen in Deutschland Steuern. Wir haben noch nie einen Pfennig Arbeitslosengeld bekommen, haben immer solide gearbeitet. Am Anfang dachte ich, das sei komplizierter mit der Staatshilfe. Wir waren unter den Ersten, die sie beantragt haben. Das ging schnell und unbürokratisch. Dass wir eine GbR sind, hat es bestimmt einfacher gemacht.

BZ: … und jetzt seid ihr quasi staatlich anerkanntes Kulturgut – was macht das mit einem? Kriegt man da einen anderen Blick auf seine Rolle?
Schmier: Was viele normale Leute nicht akzeptieren, ist, dass wir als deutsche Heavy-Metal-Band einen extrem großen Kulturaustausch mit der ganzen Welt haben. Seit den Scorpions ist deutscher Heavy Metal weltweit bekannt. Wir tun sehr viel für die Völkerverständigung. Es macht uns stolz, dass wir als Botschafter Deutschlands in der Welt unterwegs sind – auch wenn vielen Heavy Metal zu laut oder zu peinlich ist.

BZ: Ist das noch so?
Schmier: Bei uns läuft ja gerade auch eine Diskriminierungsdiskussion. Da könnte ich Bücher darüber schreiben, was ich mir schon anhören musste.

BZ: Wegen deines Aussehens?

Schmier: Ja, genau.

BZ: Haben Bands aus eurem Umfeld auch Staatshilfe bekommen?
Schmier: Ich habe das befreundeten Musikern weiterempfohlen. Ich denke, die haben das auch beantragt. In den meisten anderen Ländern hat es so etwas nicht gegeben. Deutschland war hier schon vorbildlich. Was ich lustig fand: Als es publik wurde, gab es diverse Presseartikel. In den Leserkommentaren konnte man dann Statements lesen wie: Die sollen doch mal arbeiten gehen. In den USA hieß es: McDonalds stellt noch ein. Das Vorurteil, dass Musiker nichts arbeiten und ihr Geld im Schlaf verdienen, hält sich hartnäckig.

BZ: Wie haben die Bands im europäischen Ausland und in den USA überlebt?

Schmier: Die versuchen es mit "Go fund me", einer Art Crowdfunding. Die Bands bitten auf ihren Online-Seiten um Geldspenden. Dafür gibt es Poster, T-Shirts oder Autogrammkarten. Das soll gut angelaufen sein. Das "Go fund me" wird in den USA häufig eingesetzt, wenn jemand ohne Versicherung in ein Krankenhaus muss. Der wird dann mit Spenden finanziert, weil das Sozialsystem dort so beschissen ist.

"Wir spielen am 4. Juli im Z 7 in Pratteln. Allerdings gibt es riesige Auflagen mit nur 300 Zuschauern." Schmier
BZ: Wie geht es bei euch jetzt weiter?
Schmier: Die ersten Konzerte kommen jetzt wieder. Wir spielen am 4. Juli im Z 7 in Pratteln. Allerdings gibt es riesige Auflagen mit nur 300 Zuschauern. Finanziell wird sich das nicht lohnen.

BZ: Wie muss man sich das vorstellen? Ihr spielt und die Fans sitzen auf Stühlen und geben nach jedem Lied artig Applaus?
Schmier: (lacht) Der Laden ist ja groß und die Bühne hoch. Eigentlich hat es eine Kapazität von 1 500 Gästen. Wenn da 300 Leute reinkommen, kann jeder Abstand halten. Wer gar kein Risiko eingehen will, kann Abstand halten und sich eine Maske anziehen. Social Distancing ist grundsätzlich genauso möglich wie beim Einkaufen. Das sind die ersten Schritte. Demnächst soll es Konzerte für bis zu 500 Leute geben. Ab dieser Größe wird es langsam wieder wirtschaftlich.

"Das schlimme an Corona ist nicht Corona, sondern das, was Corona mitgebracht hat: der allgemeine Wahnsinn mit Verschwörungstheorien und solche Sachen." Schmier
BZ: Das Experiment kann auch schief gehen. Ihr könntet dann in einer Reihe mit den Seuchenherden Ischgl und Heinsberg genannt werden.
Schmier: Das ist möglich. Wenn man aber keine Hoffnung hat und probiert, dann geht’s nicht voran. Wenn sich alle vernünftig verhalten, ist das Risiko einer Ansteckung aber überschaubar. Das schlimme an Corona ist nicht Corona, sondern das, was Corona mitgebracht hat: der allgemeine Wahnsinn mit Verschwörungstheorien und solche Sachen.