Auszeichnungen

Deutscher Buchpreis für "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 18. Oktober 2021 um 19:52 Uhr

Literatur & Vorträge

Es war keine ganz große Überraschung. Den Deutschen Buchpreis für den besten Roman des Jahres erhält "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel. Eine gute und richtige Entscheidung.

Es war keine ganz große Überraschung. Vieles sprach im Vorfeld dafür, dass der Roman "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhalten würde. Zu allererst die literarische Qualität des Romans, der auf vielfach verschlungenen, aber kontrollierten Wegen die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs nachzeichnet. Und dann, natürlich, das Thema: Die von der Justiz für wahr befundenen Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein haben 2017 eine in der MeeToo-Bewegung mündende Lawine losgetreten. Unzucht mit Abhängigen nannte man das früher. Heute steht die politische und strukturellen Macht von (alten weißen) Männern im Fokus, die ihre Stellung ausnutzen, um Frauen sexuelle Gewalt anzutun.

Genauso ein Fall ist der der jungen Adina, der Protagonistin von "Blaue Frau", die schwer traumatisiert durch halb Europa nach Helsinki flieht – um dort erneut auf ihren Peiniger zu treffen. Die "fragile Gegengewalt der Literatur" brachte die siebenköpfige Jury des Buchpreises bei der gestrigen Verleihung der Auszeichnung im Frankfurter Römer in Anschlag. Die Selbstermächtigung der jungen Frau liegt in der Sprachkraft der Autorin, die laut Jury die Leser "einsaugt" und dabei viele "Dunkelstellen" im Gefälle zwischen Männern und Frauen wie zwischen West und Ost aufhelle.

Rávik Strubel, die nach einem Moment freudiger Fassungslosigkeit schnell wieder sehr kontrolliert und reflektiert wirkte, hatte neben dem Dank an einige Menschen – besonders an ihre vor vier Jahren gestorbene Mentorin Silvia Bovenschen – auch einige Überlegungen mit ans Rednerpult gebracht: Über die Sprache als ästhetischen Spielplatz in "zänkischen Zeiten", ihre Fähigkeit zu Irritation und Wagnis und Wandelbarkeit – wider den Krieg von Beziehungen und Benennungen, wider den "bedrohlichen Hass". Strubel berief sich auf Virginia Woolf und Ilse Aichinger, große Vorgängerinnen, und nahm für ihre seit je zwischen den Geschlechtern schillernden Figuren "Schlupflöcher" in der sogenannten Normalität in Anspruch.

Antje Rávik Strubel ist zweifellos eine Buchpreisträgerin im richtigen Moment, in dem der Streit um die Identitätspolitik mit großer Erbitterung geführt wird. Literatur aber ist von ihrem Wesen her selbst immer schon "divers", vereint eine Vielfalt von Stimmen und Identitätsmodellen in sich. Dafür steht auch und ganz besonders Strubels Roman "Blaue Frau" – wegen seiner literarischen Qualität.

Daneben mussten die anderen Kandidaten für die vom Deutschen Börsenverein verliehene Auszeichnung zurückstehen. Allen voran der Roman "Eurotrash" von Christian Kracht, der bereits auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse gestanden hatte. Aber auch der vielschichtig hintersinnige Roman "Der zweite Jakob" von Norbert Gstrein, die anarchische Sprachlust von Thomas Kunst in "Zandschower Klinken" und Monika Helfers Annäherung an einen fremden Vater. Und wenn Mithu Sanyals Roman "Identitti", der auf seine Weise ebenso auf die aktuelle Debatte um Identität und Diversität eingeht, leer ausging, so deshalb, weil "Blaue Frau" das ästhetisch ungleich schwergewichtigere Buch ist. Acht Jahre hat die Autorin daran gearbeitet. Nun darf sie gestärkt durch öffentlichen Rückenwind sagen: Diese Arbeit hat sich gelohnt.