Digitalisierung

Deutschland führt Katastrophen-Kurznachrichten fürs Handy ein

Patrick Siebenrock

Von Patrick Siebenrock

Mi, 18. August 2021 um 21:36 Uhr

Deutschland

Mit Cell Broadcast kann seit den 90ern eine Nachricht an alle Geräte in einer Funkzelle gesendet werden. Deutschland führt das jetzt für Katastrophen ein – entsprechend einer EU-Richtlinie von 2018.

Infolge der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Juli macht die Bundesregierung mit einem Änderungsvorschlag des Telekommunikationsgesetzes den Weg für Katastrophenwarnungen auf das Handy frei. Mit einer einzigen Nachricht sollen künftig alle Bürger eines gefährdeten Gebiets, die ein Handy besitzen, per Textnachricht erreicht werden.

Damit setzt die Regierung eine EU-Richtlinie vom Dezember 2018 um und verpflichtet Mobilfunknetzbetreiber dazu, die technischen und organisatorische Vorkehrungen für die Aussendung von Warnungen mit der sogenannten Cell-Broadcast-Technologie zu treffen. "Die Warnung der Bevölkerung muss klappen, auf allen Kanälen. Die Einführung von Cell Broadcast wird Sirenen, Apps und den Rundfunk ergänzen", so Innenminister Horst Seehofer (CSU).
So funktioniert Cell Broadcast

Obwohl immer wieder von SMS-Warnungen gesprochen wird, funktioniert die Cell-Broadcast-Technologie anders: Die Nachrichten werden nicht an bestimmte Nummern gesendet, die dem Absendern bekannt wären, sondern an alle Geräte, die in einer Funkzelle eingebucht sind. Da die Kommunikation nur in einer Richtung erfolgt, ist Cell Broadcast von der Netzauslastung unabhängig, was besonders bei Katastrophen wichtig ist. Die Funktion war seit 1999 Teil des GSM-Mobilfunkstandards (2G) und dürfte in Deutschland auf praktisch allen Funktelefonen funktionieren.

Aus Reihen der Grünen und der FDP war schon vergangenes Jahr die Prüfung der Technologie gefordert worden. "Spätestens nach dem desaströsen Warntag 2020 hätte die Bundesregierung energischer und schneller die Warninfrastruktur in Deutschland verbessern müssen", kritisiert Mario Brandenburg, technologiepolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. "Konkret wurde die Ergänzung bestehender physischer Warnsysteme und digitaler Möglichkeiten durch einen dritten mobilfunkbasierten Pfeiler wie Cell Broadcast sträflich verschlafen", rügt er.

Franziska Brantner, europapolitische Sprecherin der Grünen, begrüßte die Pläne der Regierung: "Wir hinken hier im europäischen Vergleich hinterher und haben die Technologie immer wieder eingefordert. Die europäische Sache haben wir ganz gut koordiniert – jetzt müssen vor allem die Ebenen im föderalen Staat überprüft werden und der Bund eine verstärkt koordinierende Rolle einnehmen."

Laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom wünschen sich 83 Prozent der Bevölkerung eine Warnung per Kurznachricht auf ihr Handy. Schon heute können Warn-Apps wie Nina vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe oder Katwarn vom Fraunhofer-Institut vor Gefahrenlagen warnen. Das Problem: Die Apps sind nur bei wenigen Nutzern installiert und für den Empfang der Warnung ist teilweise eine Internetverbindung notwendig.