Die Elektromobilität alleine wird nicht zu einem CO2-freien Verkehr führen

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Sa, 03. August 2019 um 18:35 Uhr

Wirtschaft

Bis 2030 möchte die Bundesregierung zehn Millionen E-Autos auf Deutschlands Straßen bringen. Der zusätzliche Strombedarf wäre enorm.

Der Spott ließ nicht lange auf sich warten: Kaum hatte die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) verkündet, Hamburg sei "eine Vorreiterstadt in Sachen Elektromobilität", lästerten Kritiker über die "Kohleautos" der Hansestadt. Zwar gibt es dort laut AEE die meisten E-Autos (gemessen an der gesamten Pkw-Flotte), doch stammen 94 Prozent des Stroms aus fossilen Energien. Noch fällt der Stromverbrauch der Elektroautos kaum ins Gewicht, weil zu wenige davon herumfahren. Sollten jedoch eines Tages alle Autos in Hamburg Strom tanken, ergäbe sich ein zusätzlicher Verbrauch von rund zwei Milliarden Kilowattstunden jährlich – fast 20 Prozent der heute dort erzeugten Menge.

Wollte Hamburg den Strom aus erneuerbaren Energien bereitstellen, müsste die heimische Erzeugung aus Wind, Sonne und Biomasse mehr als vervierfacht werden. Und es wäre damit noch keine einzige Kilowattstunde aus fossilen Energien ersetzt. Auch bundesweit wäre der zusätzliche Strombedarf riesig: 630 Milliarden Kilometer sind die in Deutschland zugelassenen Pkw 2018 in Summe gefahren. Führen alle künftig elektrisch, stiege der deutsche Stromverbrauch – bei einem Bedarf der Fahrzeuge von 18 bis 20 Kilowattstunden für 100 Kilometer – um etwa 120 Milliarden Kilowattstunden. Das sind rund 23 Prozent des aktuellen Nettostromverbrauchs des Landes.

Das Bundesumweltministerium betont zwar: "Es gibt bei Weitem ausreichend erneuerbare Energien, um die gesamte deutsche Pkw-Flotte zu elektrifizieren." Das stimmt rein rechnerisch, denn 2018 wurden in Deutschland 226 Milliarden Kilowattstunden aus Erneuerbaren erzeugt. Doch auch der Strom aus Wind und Sonne kann nur einmal genutzt werden – entweder als Ersatz für Atom- und Kohlestrom oder zur Deckung des Mehrverbrauchs durch Elektroautos.

Man kann auch auf andere Weise rechnen: Eine Umstellung der gesamten deutschen Pkw-Flotte würde den Zubau an erneuerbaren Energien von acht Jahren benötigen, sofern man das Ausbautempo der Vergangenheit zugrunde legt. Der Lkw-Verkehr bräuchte weitere Kontingente an Strom.

In Baden-Württemberg sieht es noch trüber aus: Hier werden aktuell gut 16 Milliarden Kilowattstunden im Jahr aus erneuerbaren Energien erzeugt. Eine Umstellung der 6,6 Millionen Pkw würde rund 18 Milliarden Kilowattstunden im Jahr benötigen. Sie aus zusätzlichen Windkraft- und Solarstromanlagen bereitzustellen, würde – das Zubautempo der vergangenen zehn Jahre vorausgesetzt – rund 30 Jahre dauern. Der Südwesten muss aber auch noch andere Lücken füllen: Wenn die Atomreaktorblöcke Philippsburg und Neckarwestheim vom Netz gehen, müssen 19 Milliarden Kilowattstunden Strom ersetzt werden. Danach sollen die Kohleblöcke folgen. Schon heute importiert Baden-Württemberg pro Jahr im Saldo zehn Milliarden Kilowattstunden Strom.

Die Zahlen zeigen, dass alleine mit dem Austausch des Antriebs eine Umstellung auf CO2-freien Verkehr nicht gelingen kann. Das Wuppertal-Institut benennt als zentrales Element einer "Dekarbonisierung von Mobilität und Verkehr" die "systematische Senkung des Personenverkehrsaufwands". Soll heißen: weniger Autoverkehr. Die Menschen müssten "dort, wo es möglich ist, Personen- und Güterverkehr reduzieren und auf effizientere Verkehrsmittel wie Bus, Bahn und Fahrrad umsteigen", heißt es in der Studie im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Bereits 2016 hatte das Umweltbundesamt (UBA) dargelegt, dass ambitionierter Klimaschutz nur mit einer deutlichen Verringerung des motorisierten Individualverkehrs möglich ist.