Die Entdeckung der Langsamkeit

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mi, 21. April 2021

Ski Alpin

Weltklasse-Skicrosserin Daniela Maier arbeitet nach verheiltem Kreuzbandriss bei Skitouren bergauf an ihrem Comeback und setzt talwärts auf den Skidoo.

. Sie klingt wie immer. Fröhlich, unbeschwert, energisch, voller Lebenslust. "Ja, superrr", sagt Daniela Maier, aufgewachsen in Furtwangen, seit vier Jahren als rasante Rennfahrerin des SC Urach in der Skicross-Weltspitze. Das "R" rollt sie wie Rosi Mittermeier, dass die dynamische Polizeimeisterin in Rosenheim bayerische Lebensart lebt und liebt, ist gut zu hören. Und doch hat die Heimat Vorrang. "Ich bin Schwarzwälderin, durch und durch", sagt die 25-Jährige. Direkt wie die radikalen Linien, die sie bei der Rangelei auf den Skicross-Pisten der Welt in den Schnee zieht, sind ihre Antworten. Sie vertraut ihrem Schutzengel, obwohl der jetzt schon zweimal "ein bisserl gepatzt" hat, beim Versuch, mit der Kurventechnik der Bregtälerin Schritt zu halten.

Vor vier Jahren hatte sich Daniela Maier beim Training für den Skicross-Heimweltcup auf dem Feldberg eine Knochenstauchung im rechten Knie zugezogen. Der Traum von Olympia in Südkorea platzte, 18 Monate nach der fatalen Verletzung auf dem Feldberg kehrte die Furtwangerin in den Weltcup zurück. Mitten in der Pandemie feierte Daniela Maier drei Tage vor Heiligabend im Dezember 2020 mit Rang zwei beim Skicross-Weltcup im französischen Val Thorens den bisher größen Erfolg ihrer Karriere – und träumte an Silvester vom Sprung aufs oberste Treppchen beim Weltcup im schwedischen Idre Fjäll. Doch die Hoffnung trog. Souverän gewann die Furtwangerin das Europacup-Rennen auf der österreichischen Reiteralm – und flog am Tag danach bei einem Trainingssturz ungebremst ins Fangnetz (die BZ berichtete). "Mich hat’s brutal ausgehebelt, ich hab’ den Ski in einer Kurve verschnitten", erinnert sich Maier, "ich hatte keine Chance. Es war einfach Pech." Die Diagnose war niederschmetternd. Kreuzband ab. Wieder im rechten, vorgeschädigten Knie. Und dennoch gab es Hoffnung, "weil es ein isolierter Bandriss war", sagt Maier und atmet hörbar durch, "der Knorpel hatte nix abgekriegt".

"Peking, das ist

schon ein Ziel."

Maier über ihren Olympia-Traum
Die Weltcupsaison war vorbei, kaum dass sie richtig begonnen hatte. Die Operation verlief ohne Komplikationen. "Ich hab’ mich gefreut, dass es nur eine isolierte Verletzung war", sagt Maier, "halt Band ab, fertig". Gefreut? Pause im Whatsapp-Chat. "Superrr war das nicht", sagt Daniela Maier mit einem Lachen, das ihr nicht so recht über die Lippen kommen will, "natürlich war ich down. Fertig. Niedergeschlagen. Ja klar, ich fand das richtig Sch....". Aber so sei nun mal das Leben. Murphys Gesetz gelte für jeden und im besonderen Maße für Leistungssportler: "Shit happens." Was schief gehen könne, passiere halt irgendwann – und halt auch ihrem Schutzengel.

Zweieinhalb Monate nach dem Sturz auf der Reiteralm ist Daniela Maier zurück auf den Brettern, die ihr die Welt bedeuten. Mit Rucksack, Trinkflasche, und Fellen unter der Gleitzone der breiten Latten. Statt rasant bergab ging es für die Furtwangerin steil bergauf – bei Skihochtouren im Berchtesgadener Land. Behutsam setzte sie Schritt für Schritt, am Roßfeld, am Götschen und bei freiem Tourengehen am Sudelfeld. Es war die Entdeckung befriedigender, befreiender Langsamkeit. Ein ruhiges und doch stetes Vorankommen, das so gar nicht zur forschen Gangart der Weltklasse-Skicrosserin zu passen scheint. Eine Notlösung? "Nein", sagt Maier, "ein Geschenk". Skitouren gehen, diese Winter-Spielart des Bergsteigens, sei so anstrengend wie belebend. Ganz bei sich habe sie sich bei ihren, wenn auch noch kurzen Touren gefühlt. Und das beste: "Das Knie hält." Das operierte Kreuzband ist verheilt, "ich bin beschwerdefrei", freut sich Daniela Maier.

Die Belohnung für die Stapferei bergauf, das eigentliche Ziel einer Skihochtour, muss sie sich allerdings noch verkneifen. Vom Gipfel abwärts schwingen durch den Frühjahrsschnee, schlimmstenfalls Bruchharsch und im Idealfall hüpfthoher Pulverschnee? "Nö, ist nicht", sagt Maier lachend, "vom Arzt strengstens verboten". Zurück ins Tal ging es mit dem Skidoo.

Glücklich sei sie, "dass ich so glimpflich davongekommen bin", erklärt Maier, die Stabilisierung des lädierten Knies machen rasche Fortschritte. Ihre Zuversicht ist ungebrochen. "Im Herbst will ich wieder auf Skicross-Skiern stehen", sagt sie mit fester Stimme "und natürlich will ich dann runterrauschen". Die erste Reha-Phase ist abgeschlossen, nun gehe es darum, das Knie für die Belastungen der Skicross-Zukunft fit zu machen. Jetzt, da sich der Winter, wenn auch zäh verabschiedet, setzt sie auf Mountainbike und Rennrad. Pässe fahren will Daniela Maier. Bei voller Belastung auf dem Ergometer bringt sie aktuell rund 300 Watt Tretleistung aufs Pedal, "mehr wäre für’s Knie noch nicht gut".

Kurbeln will sie rund um Rosenheim, in den Alpen und daheim im Schwarzwald. Tretarbeit voller Lust an der Bewegung. Die Frage der Übersetzung ist für sie zweitrangig. Ob sie eine Kompaktkurbel fährt mit 50/34-Blättern vorne und einem 11/30er-Ritzelpaket? "Keine Ahnung", sagt Daniela Maier, "ich tret’ das, was drauf ist." Einfach machen, statt zögern. An sich glauben, statt hadern. Vorwärts denken. Rückschläge hinnehmen, verkraften und als Chance begreifen. All das kann die 25-Jährige. Im kommenden Winter soll er endlich gelingen, ihr erster Weltcupsieg. Und es gibt den Traum von Olympia. "Peking, das ist schon ein Ziel", sagt Daniela Maier. "Das wär’ superrr".