Westliche Wirtschaftssanktionen

Die Festung Russland kapituliert nicht so schnell

Wolfgang Mulke

Von Wolfgang Mulke

Mo, 23. Mai 2022 um 10:37 Uhr

Wirtschaft

Die Sanktionen schwächen die russische Wirtschaft, diese bricht aber nicht zusammen. Die Polster reichen für einen längeren Krieg.

Die russische Bevölkerung ist Sorgen gewöhnt, und nun verteuert die Inflation ihre Lebenshaltung erheblich. Insbesondere Importprodukte sind teuer geworden, wenn es sie überhaupt noch gibt. Denn in den Einkaufszentren stehen die Läden vieler ausländischer Ketten leer. Neue Autos werden derzeit mangels Material nicht mehr produziert, die Preise für Gebrauchtwagen schießen durch die Decke. Aber es gibt weiter ausreichend Grundnahrungsmittel.

Das Land ist durch die Sanktionen des Westens in eine heftige Rezession geschlittert. So schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF), dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 8,5 Prozent zurückgehen wird. Das ist zwar ein massiver Einbruch, doch in die Knie gezwungen wird das Riesenreich dadurch nicht. "Russland hat Reserven angehäuft und die Bevölkerung ist leidensfähig", stellt Ökonom Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) fest.

"Russland hat Reserven angehäuft und die Bevölkerung ist leidensfähig." Rolf Langhammer

Das Polster wurde nach der Annexion der Krim und den daraufhin ausgesprochenen Sanktionen angelegt. Auch nach 2014 gab es steigende Lebensmittelpreise und Sanktionen gegen russische Banken. Russland intensivierte daraufhin die Produktion heimischer Nahrungsmittel und installierte ein nationales Bezahlsystem, die Geldkarte "Mir".

Auch finanziell ist das Polster dick, wenngleich die Notenbank an manche im Ausland aufbewahrten Gelder derzeit nicht herankommt. Noch rollt der Rubel kräftig. Allein Deutschland überwies für Importe, vor allem für Gas und Öl, im März 4,4 Milliarden Euro nach Moskau. Die russische Staatsverschuldung ist niedrig. Selbst den zu Kriegsbeginn starken Kursverfall des Rubels konnte die Notenbank stoppen. Die Währung hat sich wieder stabilisiert. "Der Westen wird langes Durchhaltevermögen zeigen müssen", glaubt Langhammer daher.

"Putin wird versuchen, die Inflation zu unterdrücken und einen Schwarzmarkt zu verhindern." Rolf Langhammer

Spürbar wird der Exportstopp wichtiger Vorprodukte für die Industrie, etwa für Halbleiter. Deshalb ruht die Autoproduktion. Doch auch diesen Malus kann Russland einige Zeit ertragen, weil er teilweise umgangen werden kann. "Das Sanktionssystem ist löchrig, weil viele wichtige Staaten wie China, Türkei und Indien nicht mitmachen", erklärt der IfW-Experte. Das würde sich ändern, wenn die Amerikaner ihr schärfstes Schwert zücken würden: Ein Exportverbot für alle Güter, in denen amerikanische Vorprodukte stecken.

Solange die Bevölkerung nicht aufbegehrt und dies das politische Überleben des russischen Präsidenten Wladimir Putin gefährdet, wird er nach Ansicht vieler Fachleute nicht nachgeben. "Putin wird versuchen, die Inflation zu unterdrücken und einen Schwarzmarkt zu verhindern", schätzt Langhammer. Beides dient dazu, das Volk bei Laune zu halten.

"Wir haben es mit einem sehr langsamen Versinken in die Krise zu tun."Nicolaj Kulbaka

Der Moskauer Ökonom Nicolaj Kulbaka schätzt in einem Interview mit dem Spiegel die Inflationsrate in diesem Jahr auf 22 Prozent. Putin werde versuchen, den Staatsbediensteten einen Inflationsausgleich zu gewähren. Die Wirtschaftsstruktur mit einem gewaltigen Staatseinfluss und einem geringen privaten Dienstleistungssektor kommt dieser Strategie entgegen. Sie sorgt auch dafür, dass es so schnell keine Massenarbeitslosigkeit geben wird. Allerdings räumen westliche Beobachter auch ein, dass eine genaue Beurteilung der wirtschaftlichen Lage Russlands nur eingeschränkt möglich ist. Es fehlt an verlässlichen Daten.

Langhammer glaubt nicht, dass die Sanktionen kriegsentscheidend sein werden. "Der Konflikt wird nicht wirtschaftlich entschieden, sondern politisch-militärisch", ist sich Langhammer sicher. Aber die Schwächung wird Kulbaka zufolge lange nachwirken. "Wir haben es mit einem sehr langsamen Versinken in die Krise zu tun", glaubt der Ökonom.