Bezirk Schwarzwald

Die große Leerstelle: Was bleibt von der Fußballsaison?

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Do, 15. April 2021 um 11:09 Uhr

Landesliga Staffel 3

Was bleibt, wenn nichts bleibt? Eine Fußballsaison, die als Nichtigkeit annulliert wird, ist es wert, in Erinnerung zu bleiben. BZ-Redakteur Johannes Bachmann über das Jahr der Schwarzwald-Kicker.

Was bleibt, ist das Gefühl alles verloren zu haben. Es ist ein Tiefpunkt, dem ganz unten ein Aufschwung folgen soll. Irgendwann. Am Ball. Mit Lust und Leidenschaft, mit Gerangel dicht an dicht, mit Tricks an der Kugel, Haken, Ösen und Finessen, mit denen man den Gegner austanzt und sich selbst fühlt, als wäre man Fußball-König. Die Amateurkicker zwischen Schwarzwald und Baar müssen einen Schmerz verkraften, der sich hinter einem fiesen Wort verbirgt: Annullierung.

Ein Begriff, der nichts übrig lässt. Dass die Saison abgebrochen, irgendwie doch mit einer Quotientenregel gewertet und mit Aufsteigern zumindest ein bisschen gerettet wurde, erlebten die Fußballer am Ende der Spielzeit 2019/20. Corona zum Trotz. Es gab eine Wertung. Immerhin. Jetzt, in einer Leerstellenzeit zwischen Winter und Frühling, in der verwaiste Bolzplätze nur gähnend leere Tristesse bieten, bleibt nach dem finalen, mit verständlichem Zaudern und Zagen immer wieder hinausgeschobenen Beschluss des Südbadischen Fußballverbands etwas, was König Fußball in seinem Herrschaftsgebiet nicht vorsieht: das absolute Nichts. Es gibt keine Meister, keine Aufsteiger, keine Absteiger und Tabellen, die gelöscht werden: Aus der Erinnerung, aus den Statistiken, aus dem Herzen.

Ein unvollendetes Fußballepos als tabellarischer Friedhof

Annullierung!? Es ist ein Jammer, der aus Sicht der Funktionäre nicht betrauert werden soll. Weil wo nichts ist, ja nichts zu bewerten, zu beanstanden, herauszuheben oder für die Nachwelt zu bewahren ist. Annullierung? Auf keinen Fall! Apropos nichts: Diese Fußballsaison, so kurz, so rudimentär sie war, ist es wert, in Erinnerung zu bleiben, als Unvollendete, festgemacht an einem Zahlenwerk.

Ein unvollendetes Fußballepos als tabellarischer Friedhof, zementiert für die Ewigkeit, bewahrt für Digital-Archäologen, die dereinst, bei ihrer rückwärtsgewandten Suche eine in Lettern und Ziffern gepresste Epoche ergründen werden, beglückt über den Fund einer enormen Leerstelle, die eben nicht nichts, sondern gelebte Leidenschaft konserviert hat. Etwa dort, wo gewisse "Rothosen" zeigten, was sie können. In der gefühlten Bundesliga des Schwarzwalds. Das Team von Trainer Jörg Klausmann, der nach Corona-Saison Nummer eins gekommen war, um in Corona-Saison Nummer zwei alle Kritiker zu widerlegen, feierte in neun Spielen fünf Siege und landete in der Lndesliga stolz auf Rang sechs. Die Löffinger verschoben Kräfteverhältnisse, ließen die Neustädter Fußballer, die sich in "ihrer" Liga mehr als ein halbes Jahrhundert lang als die Schwarzwälder Nummer eins begriffen, in zweieinhalb Monaten Ballarbeit locker hinter sich.

"Wir wollten Meister werden und wir wären Meister geworden."Hinterzartens Trainer Ardiclik über Sehnsüchte
Doch es ging noch besser: Die Fußballköniginnen waren in der scheinbar unbeschwerten Zeit zwischen Anfang September und Ende Oktober 2020, als Corona ein fast gebändigtes Hintergrundrauschen schien, in Titisee einsame Spitze. Trainer Frank Furtwängler, der sein strategisches Können und das Gespür für Talente taktisch klug umsetzte, ohne sich je in den Mittelpunkt zu stellen, feierte mit den Landesligakickerinnen des SV Titisee sechs fulminante Siege ohne Leerstelle. 18 Punkte, 33:5 Tore, die Seemerinnen waren, als die noch so junge und allzu früh verschiedene Saison in der letzten Oktoberwoche 2020 abgebrochen wurde, auf dem direkten Weg zum Meisterstück. Unvergessene Momente am Ball gab es in der Bezirksliga, dieser Staffel der vollendet Unvollendeten aus Königsfeld, Bonndorf und Grafenhausen und einer Mannschaft mittendrin, die den Tanz am Ball virtuos beherrschte, um ohne Umweg auch mal im Chaos zu versinken – dem SV Hölzlebruck.

Dort, wo Höhenflüge das Alltagsgeschäft der weltbesten Weitenjäger sind, gab es im Herbst 2020 einen Meisterformer: Nurhan Ardiclik. Aufgewachsen in der Türkei, längst Schwarzwälder bis in die Stutzen, baute der Motivationskünstler aus erfahrenen Haudegen und jungen Talenten ein Team, das unter Ardiclik im Training das Malochen lernte – und auf dem Platz das Siegen. Als die sich zu einer Endlos-Leerstelle weitende Pause mit einem "Lockdown light" Ende Oktober begann, standen die Hinterzartener ganz oben. "Wir wollten Meister werden", erinnert sich Ardiclik. "Wir wären Meister geworden", fügt er leise hinzu. Doch jetzt bleibe nur das Nichts. "Das ist eine Leerstelle, die uns allen wehtut", sagt der HSV-Übungsleiter.