"Die Kirche hat keine Sonderstellung"

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Sa, 13. Juli 2019

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit Angelika Büchelin aus Weingarten und Markus Binder aus Opfingen, die nach neun Jahren in ihren Gemeinden als Pfarrerin und Pfarrer aufhören.

FREIBURG. Mit Angelika Büchelin aus der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Weingarten und Markus Binder von der Bergkirche in Opfingen verabschiedet die evangelische Kirche in Freiburg gleich zwei Pfarrer. Fabian Vögtle sprach mit beiden Theologen über die vergangenen Dienstjahre, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Wirkungsorte und die Zukunft der Kirche.

BZ: Sie haben beide 2010 begonnen. Jetzt hören sie gleichzeitig auf. Doch ihr Wirkungsort hätte kaum unterschiedlicher sein können. Weingarten mit seinen vielen Hochhäusern bezeichnen manche als sozialen Brennpunkt. Opfingen als Ort am Tuniberg ist sehr ländlich geprägt.
Büchelin: Weingarten ist eben ein Stadtteil, der in den 1960er Jahren entstanden ist und keine gewachsene Struktur hat wie das benachbarte Haslach und schon gar nicht wie Opfingen. Das ist natürlich ein sehr großer Unterschied. Von einem Brennpunkt würde ich nicht sprechen, aber viele einkommensschwache Familien leben hier schon. Dennoch ist Weingarten gemischt: Es gibt neben den Hochhäusern auch Bungalows oder Einfamilienhäuser Richtung Haid; insgesamt sind viele Kulturen und Religionen vertreten.
Binder: Wir haben natürlich eine ganz andere Struktur in Opfingen. Es gibt hier zwei Gruppen, die Alteingesessenen und die Neuzugezogenen. Und die haben leider nicht viel miteinander zu tun. Aber als wir vor ein paar Jahren 80 Geflüchtete in der Turnhalle und eine Gruppe von Jesidinnen im alten Gasthaus Adler aufgenommen haben, durfte ich erleben, wie wir als Kirche mit der Kommune und den Vereinen an einem Strang gezogen haben, um alle willkommen zu heißen. Da sind viele persönliche Kontakte und ein Bewusstsein für den Islam entstanden. Inzwischen hat unsere Gemeinde leider kaum noch Kontakt zu den Muslimen.

BZ: Das dürfte bei Ihnen anders sein in Weingarten, Frau Büchelin.
Büchelin: Das kann man wohl sagen. Das Spannende ist ja, dass hier damals keine Kirche im engeren Sinne gebaut wurde, sondern im Kinder- und Jugendzentrum nur ein Gottesdienstraum entstanden ist. Daher war die Bonhoeffer-Gemeinde von Anfang an stark im Stadtteil integriert, ökumenisch geprägt und offen für andere Religionen. Sehr viele der Schülerinnen und Schüler aus der benachbarten Adolf-Reichwein-Schule haben Migrationshintergrund, viele kommen zur Nachmittagsbetreuung.

BZ: Wer kommt ansonsten zu Ihnen und wie stark sind Sie im Stadtteil unterwegs?
Büchelin: Im Kinder- und Jugendbereich sind hier mehr Muslime als Christen. Auch eine Gruppe von der Sinti-Siedlung ist oft bei uns. Uns ist es aber auch wichtig, im Stadtteil präsent zu sein. Seit 2015 gehen wir einmal in der Woche ins Flüchtlingswohnheim zum Dietenbach-Park. Die "Bonpiraten" sind eine Kooperation der Bonhoeffer-Gemeinde mit den Stadtpiraten. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Mit unserer interreligiösen Friedens-Zeit, zu der wir andere Gruppen eingeladen haben an verschiedenen Orten mit Lichtern für den Frieden zu beten, wollten wir auch in die Stadt hineingehen. Da sind wir an Grenzen gestoßen. Es hat nicht die Kreise gezogen, die wir uns gewünscht haben. Aber die Begegnungen mit Ahmadiyya, Buddhisten, Bahai und Menschen aus jüdischen Gemeinden waren bereichernd. Und in Weingarten besteht die Friedens-Zeit weiter.
Binder: Ich gehe oft raus aus der Bergkirche, vor allem zu alten, kranken und einsamen Menschen. Was ich gerne noch mehr gemacht hätte: Die neu zugezogenen Familien besuchen. Das habe ich nur geschafft, wenn eine Taufe anstand. Bei uns im Dorf ist es wichtig, dass ich mir Zeit für Gespräche nehme, auch wenn ich einkaufen gehe oder Menschen im Eiscafé begegne. Da komme ich unter einer halben Stunde selten weg, aber es wird total wahrgenommen, der Pfarrer ist präsent und nimmt sich Zeit.
Büchelin: Oh da beneide ich dich sehr. Ich halte es für unumgänglich, dass Kirche noch viel mehr im Gemeinwesen andockt. Wir sind seit sechs Jahren mit einem mobilen ökumenischen Stand auf dem Markt und nehmen uns da Zeit für Gespräche. Ansonsten habe ich oft nicht das Gefühl,wirklich viel Zeit für die Menschen zu haben und strahle das, glaube ich, auch aus. Trotzdem entstehen zwischen Tür und Angel oft tiefe Gespräche.
Binder: Ich bin sehr dankbar für die gute ökumenische Zusammenarbeit und die gemeinsamen Angebote am Tuniberg. Bei unseren ökumenischen Gottesdiensten auf dem Sportplatz, dem Hundedressurplatz oder dem Winzerschopf haben wir das Gefühl: Hier gehört Kirche hin. Was die Ökumene im weiteren Sinn betrifft, haben wir auch mit den Menschen zu tun, denen wir nicht fromm genug sind. Bei unseren spirituellen Angeboten wie Exerzitien oder Taizé-Gebeten dürfen wir aber auch immer wieder eine geschwisterliche Verbundenheit erfahren.
Büchelin: Der Austausch ist sehr wichtig, aber letztlich müssen wir uns auch Gedanken machen, wie wir unser evangelisches Profil rüberbringen und zugleich unsere Toleranz und Offenheit, die es im Stadtteil braucht und die wir wollen, aufrechterhalten. Die Kirche hat keine Sonderstellung in Weingarten; sie ist eine Akteurin unter vielen anderen.

BZ:
Wie gehen Sie mit dem fast überall bemerkbaren Schwund und den Austrittszahlen um? Immer weniger rücken in der Gemeindearbeit nach – ist dieses Problem noch stärker im Dorf als in der Stadt?
Binder: Ich weiß nicht, ob das Problem bei uns größer ist. Aber wir spüren zum Beispiel gerade beim Besuchsdienst, dass wir kaum noch Leute finden, die sich auf solch eine Aufgabe einlassen. Die jungen Familien sind meist mit ihrer Karriere beschäftigt. Und Jugendliche, deren Terminplan oft voll ist, können wir allenfalls noch für einzelne Projekte gewinnen.
Büchelin: Bei uns platzt die Kirche auch nicht vor Kindern und Jugendlichen. Im Zentrum sind natürlich viele, aber in der Gottesdienstgemeinde haben wir nicht wahnsinnig viele junge Familien. Trotzdem halte ich die Bonhoeffer-Gemeinde für eine sehr "lebendige" Gemeinde mit einladender Atmosphäre.

BZ: Auf die Kirche werden in den nächsten Jahren viele Veränderungen zukommen – auch in der Organisation. Können Sie beide mal skizzieren, wie sie ihre Gemeinde in zehn Jahren sehen oder die evangelische Kirche insgesamt?
Binder: Kirche wird irgendwann nicht mehr Volkskirche sein, sondern eine kleine Gemeinschaft, die nicht mehr von den Steuern lebt, die der Staat kassiert, sondern von der Verkündigung der Liebe Gottes und von ihrem davon abgeleiteten gemeinwesenorientierten, ökologischen und sozialkritischen Engagement. Ich denke, dahin muss sich Kirche entwickeln. Und ich denke, es geht auch um eine Frage, die wir uns immer wieder stellen, die uns aber nicht weiterführt. Es geht um die Frage, wie wir wieder mehr Leute in die Kirche kriegen. Wir sollten eher fragen, was wir anzubieten haben, denn wir haben Wertvolles anzubieten.
Büchelin: Da stimme ich dir zu. Ich denke, die Kirche muss künftig noch mehr im Gemeinwesen präsent sein und der Ökumene muss noch eine größere Bedeutung zukommen – das gilt nicht nur für eine engere Zusammenarbeit mit den Katholiken, sondern wie schon gesagt, auch im interreligiösen Bereich. Für den neuen Stadtteil Dietenbach würde ich mir ein Gebäude wünschen, das wie eine Blüte aussieht. In der Mitte ist Raum für gemeinsame Dinge, in den Blütenblättern sind dann die einzelnen Religionen untergebracht. Das wäre mal zukunftsweisend.

BZ: Inwiefern waren ihre früheren Berufe für die Arbeit im Pfarramt wichtig, was hat Ihnen das gebracht?
Binder: Meine Erfahrung als Psychologe kommt mir in der Arbeit als Gemeindepfarrer sehr zu Gute. Ich denke, ich habe ein Gefühl dafür, wie die Menschen ticken. Auch beim Schreiben von Predigten helfen mir meine Erfahrungen, die ich als Psychologe machen durfte.
Büchelin: Der Beruf als Buchhändlerin hat mir in dem Sinne was gebracht, dass ich Menschen auf einer ganz anderen Ebene begegnet bin. Und die Arbeit beim Verlag hat den Zugang zu literarischen Texten gesteigert. Oft lasse ich Texte von Kurt Mari, Dorothee Sölle oder Rainer Maria Rilke im Gottesdienst einfließen.
Binder: Das ist ja schön. In meinem ersten Beruf war ich auch Buchhändler und ziehe, wenn ich eine Predigt schreibe, gerne Bücher aus dem Regal. Die Nähe zu Marti, Sölle und Rilke, das haben wir definitiv gemeinsam.
BZ: Herr Binder, Sie gehen in den verdienten Ruhestand; sind Sie dennoch weiter in Opfingen präsent?
Binder: Ich gehe mit viel Freude und ein bisschen Wehmut. Zwei, drei Jahre wären schon noch gegangen, aber es war stimmig, jetzt aufzuhören. Ich werde ab September ein halbes Jahr lang nicht als Pfarrer in Erscheinung treten und keinerlei Verpflichtungen übernehmen. Ich will herausfinden, wie ich meine Zukunft als Rentner gestalten will und werde meiner Nachfolgerin in ihrer ersten Zeit hier auf keinen Fall dazwischenfunken. Nach einer gewissen Zeit werde ich, in Absprache, gerne wieder für die eine oder andere Aufgabe zur Verfügung stehen. Jetzt freue ich mich aber auf meinen Garten im Ortsteil St.Nikolaus und aufs Kochen. Und ab und zu werde ich den Rucksack packen und ein paar Tage losziehen.

BZ: Und bleiben Sie Weingarten treu, Frau Büchelin?
Büchelin: Ich gehe erstmal ins Sabbat-Jahr und muss mich neu sortieren; mal runterkommen. Wieder Freundschaften pflegen, wandern gehen und auch mehr Zeit für die eigene Spiritualität haben. Ich wohne zwar im Rieselfeld, werde aber in Weingarten schon als präsent wahrgenommen. Mein Herz schlägt im Gemeindepfarramt, und es fällt mir echt wahnsinnig schwer, hier wegzugehen. Ich habe das Gefühl, dass ich angekommen bin. Es ist toll zu sehen, wie sich Jugendliche entwickeln. Mal schauen, was sich nach dem Jahr ergibt. Ich würde gerne weiter an der Basis arbeiten. Ich sehe mich in der Gemeinde vor allem als jemand, der in einer Weggemeinschaft mit anderen unterwegs ist.