Strukturveränderung

Die Post nimmt Abschied vom klassischen Briefträger

dpa

Von dpa

So, 22. Mai 2022 um 18:40 Uhr

Wirtschaft

Das Briefaufkommen bei der Post nimmt stark ab, dagegen verschicken die Deutschen immer mehr Pakete. Daher werden Verbundzusteller immer wichtiger, die sowohl Pakete als auch Briefe liefern.

"Wenn die gute alte Post nicht wär, ja wo kämen dann die vielen Briefe her?" Zu dieser Filmmusik ging Heinz Rühmann als Briefträger Müller in den 50er Jahren seines Weges - auf der Leinwand verteilt er Briefe in einer Kleinstadt, deren Bewohner er freundlich grüßt. Gäbe es eine Neuauflage, so könnte die Rolle anders ausfallen. Denn klassische Briefträger gibt es immer weniger. Stattdessen werden Verbundzusteller wichtiger, die im Transporter Pakete und Briefe dabei haben.

Der Strukturwandel fing zur Jahrtausendwende an und nahm im Digitalzeitalter rasch Fahrt auf – die Menschen schreiben weniger Briefe und kommunizieren verstärkt mit E-Mails und über soziale Medien miteinander. Zugleich beflügelte der boomende Online-Handel das Paketgeschäft. Die Folge: Die Briefmenge sinkt und die Paketmenge schnellt nach oben.

Auf acht versendete Briefe kommt etwa ein Paket

So änderte sich das Mengenverhältnis zwischen den beiden Post-Sparten: Kamen im Jahr 2010 in Deutschland noch 21 Briefe auf ein Paket, so lag dieses Verhältnis 2015 nur noch bei 15 zu 1 und 2020 bei 8 zu 1. Tendenz weiter sinkend: Im Jahr 2025 rechnet die Deutsche Post damit, dass fünf Briefe auf ein Paket kommen. 2030 dürfte das Verhältnis nur noch bei drei zu eins liegen.

Man sei "mit einem sich verschärfenden Strukturwandel von immer weiter abnehmenden Briefvolumina und steigenden Paketmengen konfrontiert", sagt Tobias Meyer, Vorstand Post & Paket Deutschland. Man weite daher die Verbundzustellung dort aus, wo es "sinnvoll und machbar ist" – und zwar "um unseren Beschäftigten auch weiterhin sichere Arbeitsplätze mit auskömmlichen Löhnen bieten zu können". Die Logik dahinter: Würde man bei der Briefzustellung weitermachen wie bisher, wäre das Zustellnetz angesichts sinkender Briefmengen irgendwann nicht mehr bezahlbar.

"Wir sind mit einem sich verschärfenden Strukturwandel von immer weiter abnehmenden Briefvolumina und steigenden Paketmengen konfrontiert." Tobias Meyer
Tatsächlich kommt die vor gut zwei Jahrzehnten begonnene Umstrukturierung voran. Von den rund 55.000 Zustellbezirken in Deutschland sind bereits 55 Prozent auf die Verbundzustellung umgestellt – den klassischen Briefträger gibt es dort nicht mehr. 2017 lag der Anteil noch unter 50 Prozent,

In Teilen der Belegschaft wird das Vorgehen mit Bedenken registriert. Maik Brandenburger von der Kommunikationsgewerkschaft DPV weist darauf hin, dass die körperliche Belastung für Beschäftigte, die bisher nur Briefe ausgetragen haben, in der Verbundzustellung steigen dürfte – schließlich müssen die dann auch schwere Pakete schleppen. "Viele Zustellerinnen und Zusteller arbeiten schon am Limit und mitunter darüber hinaus – eine zusätzliche Belastung wird den ohnehin schon hohen Krankenstand noch weiter nach oben treiben."

Keine längere Wartezeit auf Briefe

Thorsten Kühn von der Gewerkschaft Verdi räumt ein, dass der Strukturwandel nicht wegzudiskutieren sei. "Da ist es naheliegend, dass man nicht in allen Zustellbezirken weitermacht wie immer." Der Wandel vom Briefzusteller zum Verbundzusteller trage auch dazu bei, Jobs auf lange Sicht zu sichern. Grundsätzlich stehe man dem Thema offen gegenüber, sagt Kühn. "Allerdings müssen wir die Belastung genau im Blick haben – es sind Hilfsmittel nötig, um auch schwere Pakete transportieren zu können, etwa Sackkarren oder andere spezielle Geräte." Zudem dürfe es keinen Zwang geben, sagt er.

Und was bedeutet das für Verbraucher? Eine längere Wartezeit auf die wenigen Briefe, die man noch bekommt, wird es nicht geben. "Das Paketnetz ist auf Effizienz getrimmt – wenn Briefe auch vom Paketboten zugestellt werden, dürften sie gleich schnell ankommen wie bisher", sagt der Frankfurter Logistikprofessor Kai-Oliver Schocke.

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