Regionale Wirtschaft

"Die Stimmung ist absolut im Keller"

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Fr, 12. Februar 2021 um 12:00 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Bundesfinanzminister Olaf Scholz stellt sich der Kritik aus Reihen der regionalen Wirtschaft im Raum Freiburg. Anträge für neue Corona-Hilfen sollen ab kommender Woche möglich sein.

Das Internet macht es möglich. Bundesfinanzminister Olaf Scholz stand anderthalb Stunden lang regionalen Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft Rede und Antwort – bei einer Online-Gesprächsrunde. Die SPD-Landtagskandidatinnen Gabi Rolland (Wahlkreis 47), seit 2011 Mitglied im Landesparlament, und Jennifer Sühr (Wahlkreis 46) moderierten – und erhofften sich sicher auch Schützenhilfe im Rennen um die Landtagssitze.

Der oberste Hüter des Bundeshaushalts sah sich mit Hilferufen aus der Freiburger Wirtschaft konfrontiert. Etwa 110 Menschen verfolgten die Veranstaltung live mit. Rolland und Sühr hatten eine ganze Palette an Themen vorgesehen – Corona-Hilfen für Unternehmen, was lässt sich aus Corona für den Gesundheits- und Pflegesektor lernen, wie könnte es weitergehen mit Freiburg als Wissenschaftsstandort? Besonders eindrücklich waren die sorgenvollen Appelle von Wirtschaftsvertretern.

"Die Lage ist in manchen Bereichen katastrophal."

Johannes Ullrich, Präsident der Handwerkskammer
"Die Lage ist in manchen Bereichen katastrophal", sagte etwa Johannes Ullrich, Präsident der Handwerkskammer Freiburg und Inhaber eines Malerbetriebs. Das gelte besonders für Friseure und Kosmetikbetriebe. "Wir haben da eine unglaublich negative Resonanz", so Ullrich – besonders weil die sogenannte Novemberhilfe erst jetzt zur Auszahlung komme.

Die Erwartungen im Handwerk allgemein seien so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr. "Die Stimmung ist absolut im Keller", sagte Ullrich. Er kritisierte auch, dass der Unternehmerlohn bei den bisherigen Hilfen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurde. Die Hilfsprogramme deckten zwar im Idealfall die Betriebskosten, nicht aber den Unterhalt des Unternehmers. "Das zwingt manchen Unternehmer, der ja unverschuldet in diese Krise geraten ist, in die Grundsicherung", sagte Ullrich.

"Wir werden zwar insgesamt durch die Krise kommen, auch wegen der Kurzarbeitsregelungen, aber große Probleme gibt es natürlich im Handel." Steffen Auer, IHK-Präsident
Auch Steffen Auer, Metallbauunternehmer und Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, übte Kritik. "Wir werden zwar insgesamt durch die Krise kommen, auch wegen der Kurzarbeitsregelungen, aber große Probleme gibt es natürlich im Handel." Gerade in Innenstädten seien vom Lockdown betroffene Geschäfte hart getroffen. Dasselbe gelte für Gastronomie und Hotellerie. Ullrich und Auer forderten einen klaren Plan zur Wiederöffnung der Betriebe.

Beide forderten zudem, dass die geplante Überbrückungshilfe III unkomplizierter gestaltet sein müsse als die jüngsten Hilfsprogramme und schnell ausgezahlt werden müsse. Scholz versprach, zumindest die zweite Forderung zu erfüllen. Die Anträge sollen ab nächster Woche gestellt werden können, Abschlagszahlungen seien dann im Umfang von bis zu 100 000 Euro pro Monat möglich – viel mehr als bisher. Sie sollen zudem für mehrere Monate auf einmal fließen können. Scholz: "Das bringt den Betrieben Liquidität." Offenbar ist die Software-Programmierung ein Engpass, wie er darlegte. Man habe nun aber genug Personal, damit die Antragstellung starten könne.

Das Gespräch im Internet: mehr.bz/scholz-gespraech21