Spendenbereitschaft

Die Suche nach Blutspendern in Südbaden wird zäher

Michael Saurer

Von Michael Saurer

So, 19. Juni 2022 um 14:52 Uhr

Südwest

In den letzten Wochen ist die Spendenbereitschaft der Deutschen eingebrochen – auch in Südbaden. Das liegt nicht nur an Corona. Dabei werden Bluttransfusionen dringend gebraucht.

Schwere Unfälle, Krankheiten – schnell kann man in die Situation kommen, dass das eigene Überleben von einer Bluttransfusion abhängt. Doch Blutkonserven werden immer rarer, weil immer weniger Menschen zu den Blutspendediensten des Roten Kreuzes und der Unikliniken kommen. So extrem wie jetzt war es noch nie in den vergangenen Jahrzehnten, sagen Experten.

"Im Moment haben wir kaum noch Puffer. Das Blut geht raus, wie es reingekommen ist." Patric Nohe
Der 14. Juni ist ein bedeutender Tag. An besagtem Tag des Jahres 1868 wurden von dem österreichisch-amerikanischen Forscher Karl Landsteiner die Blutgruppen entdeckt. Um ihn zu ehren, wird seit 2004 an jedem 14. Juni der Weltblutspendetag begangen. Dieser soll die Menschen daran erinnern, dass auch ihr Leben nach einem Unglück oder einer Erkrankung von der Spendenbereitschaft anderer abhängen kann.

In diesem Jahr aber scheint der jährliche Gedenktag wichtiger denn je in den vergangenen Jahrzehnten. Denn bundesweit ist die Zahl der Blutspender drastisch eingebrochen. Dabei gebe es weder ein Ost-West-, noch ein Nord-Südgefälle, sagt Patric Nohe, Sprecher des DRK-Blutspendedienstes. "Im Moment haben wir kaum noch Puffer. Das Blut geht raus, wie es reingekommen ist", betont Nohe.

Südbaden ist da keine Ausnahme, wie Alexander Sieber zu berichten weiß. Seit 30 Jahren ist Sieber für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) tätig, seit über vier Jahren ist er als Referent für Blutspenderbindung und -gewinnung direkt für den Blutspendedienst des DRK im Einsatz. Es hätte immer Auf und Abs beim Spenderaufkommen gegeben. "Aber so extrem habe ich das noch nicht erlebt", sagt er. Selbst Kollegen, die seit mehr als 25 Jahren für das Thema verantwortlich sind, könnten sich an eine solche Situation nicht erinnern, sagte Sieber vor wenigen Tagen in einem Interview auf Badische Zeitung Online.

Normalerweise, so Sieber, halten die Blutbanken Spenderblut für drei bis vier Tage auf Vorrat. Derzeit sind es aber flächendeckend nur 1,2 bis 1,4 Tage. Das bedeute, so Sieber, dass nach einem Wochenende die Vorräte praktisch aufgebraucht seien. Für Notfälle sei zwar immer noch genug da, doch manche nicht lebenswichtige Operation hätte man schon auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen.

Die Leute machen vermehrt Ausflüge, fahren in den Urlaub und genießen ihre Freiheit

Die Gründe dafür seien vielfältig, betonen sowohl Sieber wie auch Nohe. Sicher sei aber, dass es nicht an der Pandemie liege, zumindest nicht daran, dass potentielle Spender aus Angst vor einer Infektion den Blutspendeterminen fernbleiben. Während der Hochzeit der Pandemie 2020 seien die Hallen der Spendedienste sogar voll gewesen, sagt Alexander Sieber. "Die Leute hatten ja sonst keine Möglichkeit, raus zu gehen. Dann sind sie halt Blut spenden gegangen", sagt Sieber. Indirekt, so glauben es sowohl Sieber wie auch Patric Nohe, habe die Pandemie doch etwas mit dem Einbruch der Spendenbereitschaft zu tun. Denn durch die weitgehenden Lockerungen und dem Rückgang der Inzidenzzahlen im Vergleich zum Winter sei eine generelle Sorglosigkeit verbunden mit dem Wunsch auf Unternehmungen eingetreten. Sprich: Die Leute machen vermehrt Ausflüge, fahren in den Urlaub und genießen ihre Freiheit. Die Wichtigkeit von Blutspenden gerate dabei schnell in Vergessenheit. Außerdem hinterlasse der demographische Wandel eine Lücke. Traditionell sind eher die Älteren bereit, sich den halben Liter Blut abzapfen zu lassen. Dadurch, dass die Zahl der Jüngeren immer weiter abnimmt, käme auch immer weniger Nachwuchs nach.

Wie kann man nun gegensteuern? Im Blutspendezentrum der Freiburger Uniklinik setzt man auf Spontanspenden. "Wir spüren schon auch einen Rückgang an Spendern", sagt Markus Umhau, der Leiter der Blutspendezentrale. Dieser sei aber nicht gar so dramatisch wie der beim Roten Kreuz. Einen Grund dafür sieht Umhau auch in der Tatsache begründet, dass man in der Uniklinik die Möglichkeit hat, spontan – ohne Termin – zu spenden. Das würde die Hemmschwelle reduzieren, glaubt Umhau. Beim Roten Kreuz hingegen setzt man auf Termine, um das Aufkommen und die notwendigen Kapazitäten vorab besser planen zu können.

Bei der Uniklinik erhält man eine Aufwandsentschädigung

Ein Grund könnte aber auch die Aufwandsentschädigung von 25 Euro sein, die man beim Spenden in der Uniklinik bekommt, wohingegen man beim DRK an das Verantwortungsgefühl der Bevölkerung appelliert. "Wir setzen darauf, dass jemand aus altruistischen Motiven zu uns kommt", sagt Patric Nohe.

Wie kann man gegensteuern? Beim DRK versucht man über Soziale Medien und Influencer neue Spender zu gewinnen, womit aber nicht nur die Jungen angesprochen werden sollen. Erstspender seien bis zu einem Alter von 64 willkommen, sagt Alexander Sieber.

Doch nicht jeder, der Blut spenden möchte, kann das auch tun. Vorab wird eine komplexe Anamnese aufgenommen, bei der Spender auch intime Fragen, etwa zum Sexualleben oder zu Reiseländern beantworten müssen. Sieber empfiehlt deshalb, vor der Terminvereinbarung den Spende-Check auf www.blutspende.deauszufüllen. Dort wird Spendewilligen sofort gesagt, ob sie derzeit für eine Spende in Betracht kommen oder nicht.

Sieber appelliert an die Menschen, sich für eine Spende bereit zu erklären. "Unser Blut kann nicht künstlich hergestellt werden. Und jeder kann schnell in die Situation kommen, in der er Blut braucht, um den Kampf gegen den Tod zu gewinnen. Auf diese Weise kann ich für die Gesellschaft auf ganz einfache Art und Weise einen positiven Beitrag leisten."