Festival

Die Todtnauberger Literaturtage bringen Vergangenes in die Gegenwart

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 02. Dezember 2019 um 07:33 Uhr

Todtnau

Den höchsten Sympathiebonus sicherten sich an den Todtnauberger Literaturtagen in diesem Jahr die Frauen unter den Lesenden. Zum Beispiel Kathy Zarnegin und Simone Lappert.

Den höchsten Sympathiebonus sicherten sich an den Todtnauberger Literaturtagen in diesem Jahr die Frauen unter den Lesenden, allen voran Simone Lappert. Sie zählte mit ihrem Roman "Der Sprung" vor wenigen Wochen noch zu den Nominierten des Schweizer Buchpreises und war für den kurzfristig erkrankten Mitinitiator Hansjörg Schneider eingesprungen, der bisher traditionell die Auftaktlesung übernommen hatte. Die 34-Jährige hat mindestens zwei Begabungen, das Schreiben und das Lesen, was nicht notwendigerweise zusammengehört. Sie sorgte schon deshalb am Freitagnachmittag für einen hoffnungsfrohen Einstieg ins Festival, das in diesem Jahr seine 15. Auflage erlebte.

Eine bisher im sonnigen Schwarzwaldhochtal in dieser Form noch unbekannte Rolle führte Artur Becker ein, der hoch oben auf dem Radschert so etwas wie den Poltergeist gab. Der 1968 in Masuren als Sohn polnisch-deutscher Eltern geborene Erzähler las aus "Drang nach Osten" Episoden einer verstörenden Familiengeschichte – seiner eigenen. Alles darin schien ein einziger Strudel zwischen Nazitum und Stalinismus zu sein, zwischen Mord und Vergewaltigung, Antisemitismus, Deutschenhass und überlebensnotweniger Verstellung auf beiden Seiten, die jeden zum Opfer und jeden zum Täter macht und Muttersprache und Herkunft tunlichst vergessen ließ. Harter Tobak.

Weder strahlende Sonne noch blauer Himmel über dem verschneiten Todtnauberger Hausberg noch die zeitweise aufscheinende Alpensicht vermochten da alle bei der Stange zu halten und es setzte eine ungewöhnlich frühe Wanderbewegung ein zurück ins Tal.

Geschichte reimt sich

Wer hieraus schließen wollte, das Publikum bei "Lesen auf dem Berg" goutierte wohl ausschließlich vergnüglich Versöhnliches, läge gleichwohl falsch. So war etwa die Lage eine ganz andere bei Lukas Hartmann, der am Abend im Kurhaus las. Der 1944 in Bern geborene Autor stellte seinen auf historischen Tatsachen beruhenden, aber auch mit Fiktion durchmischten Roman "Der Sänger" vor, der die Geschichte des einst hochberühmten jüdischen Tenors Joseph Schmidt erzählt. Der Sänger flieht vor der Naziverfolgung durch halb Europa und schafft es schließlich nur mit bezahltem Fluchthelfer in die Schweiz, wo er zwei Jahre zuvor noch ein umjubeltes Konzert in der Zürcher Tonhalle gegeben hatte.

Die Zeiten haben sich indes auch in der Schweiz geändert und er landet auch hier in einem Internierungslager, in dem ihn zwar Leidensgenossen unterstützten und sich für ihn einsetzten, so etwa der Schriftsteller und Philosoph Manès Sperber. Dem an der Welt und am Schicksal verzweifelten Sänger konnte das indes nicht mehr helfen. Moderator Gerwig Epkes schlug hier naheliegenderweise den Bogen zu den Fliehenden von heute : "Es ist ein Roman, der sowohl historisch ist, als auch die Gegenwart beschreibt." Lukas Hartmann antwortete mit dem Mark Twain zugeschriebenen Zitat: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich."

Ein Verfolgter war Hölderlin nicht

Am Samstagmorgen hatte es zuvor – auch das ist Tradition – eine Doppellesung im Berggasthaus Stübenwasen und im Pfarrsaal unter der Todtnauberger Kirche gegeben. Auf dem Stübenwasen las die 1964 in Teheran geborene und seit ihrem 15. Lebensjahr in der Schweiz lebende Kathy Zarnegin aus ihrem Debütroman "Chaya", der die Geschichte einer jungen Iranerin aufblättert, die nach Europa kommt.

Unten im Dorf unterhielten sich derweil wiederum Gerwig Epkes und der Literatur- und Kulturwissenschaftler Thomas Knubben über dessen 53-tägige zu Fuß zurückgelegte Winterreise auf den Spuren Friedrich Hölderlins, der im Winter 1801/1802 genau dieselbe Route von Nürtingen nach Bordeaux gewandert war. Ein Verfolgter war Hölderlin nicht, sehr wohl aber ein Getriebener im Umfeld des deutschen Pietismus.