Erfahrungsbericht

Die vermeintliche Grippe war doch Covid-19

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Do, 09. April 2020 um 07:33 Uhr

Freiburg

BZ-Redakteur Joachim Röderer hat sich Mitte März mit dem Sars-Cov-2 Virus infiziert. Es war ein langer Weg bis zum positiven Test – und glücklicherweise ein milder Krankheitsverlauf.

Jeden Morgen informiert das Landratsamt darüber, wie viele Menschen sich in Freiburg und dem Landkreis mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert haben. Viele Male habe ich daraus eine Meldung gemacht – jetzt tauche ich selbst in dieser Statistik auf. Vor drei Wochen begann es mit Halskratzen und Kopfschmerzen. Erst zwölf Tage später folgte der Test und die Bestätigung: Es ist – oder war – Covid-19.

Tag 0
Mittwoch, 18. März, der zweite Termin in dieser Woche im Amtsgericht: Urteilsverkündung im Haid-Prozess. Es wird spät an diesem Abend, der mit einem Kratzen im Hals endet. Ist eine Grippe im Anflug?

Tag 1
Der Tag beginnt mit Kopfschmerzen. Ich habe nie Kopfschmerzen. Ich fühle mich matt, habe keinen Appetit beim Frühstück. "Ich bleibe im Homeoffice", melde ich der Redaktion. Zwei kleine Texte strengen mich ungemein an, habe ich Fieber? Meine Frau Alexandra misst die Temperatur: "Nur ein bisschen erhöht."

Tag 2
Es sticht in meinem Kopf, ich friere, obwohl es warm in der Wohnung ist. Immer wieder messen wir Fieber. Alles im grünen Bereich. Zwischendurch google ich alles zu Covid-19. Wenn das Fieber kommt, kommt es schnell, steht da. Eine Tabelle vergleicht Symptome: Kopfschmerzen seien bei Covid-19 selten, bei Grippe häufig. In der Nacht schwitze ich wie verrückt. "Du bist männlich und über 50 – gehörst also schon zur Gruppe mit erhöhtem Risiko", stellt die Ehefrau fest.

Tag 3
"Wie geht es Dir gesundheitlich?" fragt ein Kollege am Samstagmorgen per Whatsapp. Er war mit mir am Montag und Mittwoch beim Haid-Prozess. Er selbst habe Kopfschmerzen und leichtes Fieber. Haben wir uns beide bei Gericht angesteckt? Gefühlt haben wir auf ausreichend Abstand geachtet, doch es waren viele Menschen über einen langen Zeitraum im Saal. Ich rufe die Corona-Hotline 116117 an. Ich berichte einem Arzt von meinen Symptomen, verweise auf den parallel erkrankten Kollegen. "Alles spricht für eine Grippe", sagt der Arzt. Sein Rat: viel trinken, Aspirin nehmen. Sollte ich hohes Fieber bekommen, soll ich mich noch einmal melden. Ein Test sei nicht möglich, weil ich in keinem Risikogebiet war und keinen Kontakt mit einem positiv Getesteten hatte. Das Aspirin wirkt, ich trinke viel Tee. Es ist wohl doch eine Grippe.

Tag 4
Mein Geruchs- und Geschmackssinn sind weg. Ich nehme eine Dose mit Curry aus dem Gewürzregal und halte meine Nase rein. Niente! Gar nichts. Ein seltsames Gefühl. Patienten in Heinsberg, habe ich gelesen, habe vom weggefallenen Geruchssinn berichtet, hatte ich in den Tagen irgendwo gelesen.

Ein Freund ruft an und wundert sich: "Du hast doch sonst nie Grippe."

Tag 5
Ich bleibe vorsichtshalber weiter daheim. Ich habe nach wie vor kein Fieber, die Kopfschmerzen lassen nach, aber ich bin unglaublich matt und gerädert. Abends beim Kinder-ins-Bett-bringen, schlafe ich vor dem Vierjährigen und der fast Zweijährigen ein. Wie die Abende danach auch.

Tag 6
Der erkrankte Kollege meldet sich: Seine Ärztin tippe auf Corona. Ich rufe in der Praxis bei meinem Hausarzt an. Mit einem Test sei es schwierig. Die Symptome reichten nicht aus. Alles deute auf Grippe hin. Man rät mir, trotz allem sicherheitshalber bis zum Wochenende in der Wohnung zu bleiben.

Tag 7
Nachfrage in der Redaktion: Keiner hat Symptome. Bei einer Coronainfektion ist man in den zweieinhalb Tagen vor den ersten Symptomen besonders ansteckend, heißt es. Ich überlege, wo ich überall in der Zeit war: zum Interview im Rathaus mit OB Martin Horn in Begleitung seiner Sprecherin, bei Gericht. Sollten jetzt alle in Isolation? Bei Verdacht auf Grippe?

Tag 10
Ich fühle mich gut, aber noch matt. Wir gehen einkaufen, dann – wir sind gerade erst losgefahren – ploppt auf dem Handy eine Whatsapp vom Kollegen auf: "Bin positiv getestet. Sorry for the bad news." Ich bleibe im Auto und das Wochenende über in der Wohnung.

Tag 13
Endlich zum Corona-Test! Nach dem Hinweis auf den positiven Kollegen bestellt mich mein Hausarzt ein. In der Einfahrt zur Praxis macht er im Outbreak-Outfit durch das offene Autofenster einen Rachenabstrich und einen zweiten durch die Nase: "Da müssen die Tränen kommen, sonst war es nicht richtig", sagt er. Wir lachen. Alexandra wird auch getestet, seit dem Wochenende kratzt es im Hals. Alles nur Einbildung? Die Kinder staunen von der Rückbank. Sie sind fidel. Wir lassen sie nicht testen.

Tag 14
Kurz nach 8 Uhr: "Sie sind positiv, Ihre Frau negativ", gibt der Arzt am Telefon die Ergebnisse wieder. Es ist der 1. April, aber leider kein Scherz. Das Gesundheitsamt werde uns kontaktieren und alles weitere besprechen. Alexandra wundert sich: Negativ – wie kann das nur sein? Wie auch immer: Jetzt befinden wir uns alle in häuslicher Isolation.

Tag 19
Das Gesundheitsamt meldet sich, nachdem wir uns gemeldet hatten. Es habe Probleme bei der Benachrichtigung übers "Infektionsfax" gegeben, heißt es. Bis zum 14. April verordnet die Dame in der Leitung Quarantäne, dann sind 14 Tage seit dem Test vergangen. Das wird für mich Quarantänetag 27 sein – aber immerhin Covid-19 mit mildem Verlauf. Das Glück haben die allermeisten Infizierten, aber leider nicht alle. Ich müsse keine Kontaktpersonen mehr nennen, seit meinem letzten außerfamiliären Kontakt seien schließlich schon zwei Wochen vergangen. In der Redaktion sind zum Glück alle gesund geblieben, im OB-Büro auch.
Was sagt der Experte?
Covid-19 sei wie ein Chamäleon – diese Einschätzung Schweizer Ärzte teilt Stephan Sorichter, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am St. Josefskrankenhaus. "Das ist eine Krankheit mit ganz unterschiedlichen Symptombildern." Manche hätten Fieber, andere Kopfschmerzen, viele klagten über Geschmacksverlust, wieder andere über Durchfall. Am Josefs würden Patienten mit solch unterschiedlichen Symptomen sofort auf Covid-19 untersucht.

Wenn ich mich im Gericht infiziert habe, dann wahrscheinlich über Tröpfcheninfektion, über husten, niesen – oder miteinander sprechen. Für unwahrscheinlich hält es Sorichter, dass ich meine Ehefrau nicht angesteckt habe. "Das wäre ein Zufallsglück." Im Josefs gebe es mehrere Ehepaare auf Station. Möglich, dass Alexandra die Infektion zum Zeitpunkt des Tests schon abgeschüttelt hatte oder das Virus so weit in die Lunge gerutscht war, dass der Rachenabstrich es nicht erwischen konnte. "Mehr wird man wissen, wenn es Antikörpertests gibt."

Die schwierigste Frage: Hätten die Kollegen und Kontaktpersonen schon beim bloßen Grippeverdacht in Isolation gehört? "Das wäre besser gewesen", sagt Professor Sorichter. Und wie weiß ich, dass ich wieder gesund und keine Gefahr mehr für andere bin? Der Chefarzt verweist auf die 14-Tage-Frist ab Test. Bin ich dann seit zwei Tagen symptomfrei, ist es überstanden. "Dann haben sich genug Antikörper gebildet."

Mehr zum Thema:
Wer hilft mir, wenn ich Krankheitssymptome habe?
  • Wenn Sie bei sich selbst Symptome feststellen, rufen Sie ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt an.
  • Gehen Sie keinesfalls unangemeldet direkt in eine Praxis oder in ein Krankenhaus. Gehen Sie auch nicht direkt zu einem lokalen Abstrichzentrum – sie werden dort nur getestet, wenn ihre Hausärztin oder ihr Hausarzt dies angeordnet hat.
  • Sollten die Symptome am Wochenende auftreten, kontaktieren sie die 116 117 des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Er ist freitags von 16 bis 22 Uhr sowie samstags und sonntags von 8 bis 22 Uhr erreichbar.

Regionale Infoangebote bei Fragen zum Coronavirus

Uniklinik Freiburg
0800/1827266
täglich von 6 bis 22 Uhr

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg
0711/90439555
täglich von 9 bis 18 Uhr

Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald:
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