Die verrückteste Aufholjagd

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

Mo, 08. März 2021

EHC Freiburg

Wie der EHC Freiburg gegen die Dresdner Eislöwen aus einem 1:6-Rückstand einen 9:6-Sieg machte.

. So ein Eishockey-Spiel hätte eine ausverkaufte Halle verdient: In der Echte-Helden-Arena besiegte der EHC Freiburg am Samstag die Dresdner Eislöwen mit 9:6 (0:3, 4:3, 5:0). Die Wölfe lagen in der 36. Minute mit 1:6 zurück, ihre fulminante Aufholjagd hätte die EHC-Fans – wären diese pandemiebedingt nicht ausgesperrt – auf den Rängen in Begeisterung versetzt.

Man wäre gerne ein Mäuschen gewesen in dem Bus, der die Eislöwen nach dem Spiel auf einer langen nächtlichen Fahrt nach Dresden gebracht hat. Hätte man dort hitzigen Debatten zwischen den Knackstedts, Huards und Trupps gelauscht, oder war den Eishockey-Profis aus der sächsischen Landeshauptstadt nur danach zumute, still vor sich hin brütend zu verdauen, was sie an der Ensisheimer Straße an diesem denkwürdigen Abend erlebt haben? Wenn man in einem Spiel 24 Minuten vor Schluss 6:1 führt, kann man dieses eigentlich nicht mehr verlieren, dachte auch der EHC-Trainer Peter Russell. Seine Spieler und auch ein paar Dresdner waren jedoch anderer Ansicht. Und so kam es zu einer fast verrückt anmutenden Chronologie.

Sie begann damit, dass sich die Wölfe anfangs verunsichern ließen. Russell hatte die gute Leistung seines Torhüters Enrico Salvarani in Heilbronn honoriert und ihm den Vorzug vor Ben Meisner gegeben. Als es 0:3 stand, wurde Meisner ins Tor und die EHC-Spieler mit dem aufmunternden Hinweis aufs Eis geschickt, noch sei nichts verloren.

Doch die Eislöwen hatten sich in Spiellaune gebracht, im Mittelabschnitt kassierte auch Meisner drei Treffer, und als es aus EHC-Sicht 1:6 stand, glaubte auch Russell wohl nicht mehr an eine Wende. Wahrscheinlich auch nicht, als in der 37. Minute Chad Bassen seinen jungen Kollegen Luca Trinkberger frei spielte und diesem das 2:6 gelang.

Die Freiburger Spieler hingegen müssen wohl den Hauch einer Chance gewittert haben: Denn die drei Minuten EHC-Offensive vor der letzten Drittelpause hatten es in sich. Bassen fälschte eine Pageau-Schuss ins Dresdner Tor, der unermüdliche Wölfe-Kapitän Simon Danner vollendete mit einem Treffer einen sehenswerten Spielzug über Marc Wittfoth und Nikolas Linsenmaier.

Erinnerungen aus Landshut wurden wach

Das Unfassbare dieses Matches bündelt sich eigentlich in dieser Phase zwischen der 37. und 40. Minute: Hier trumpfte die Moral der Wölfe auf, hier begann das Dresdner Nervenflattern. Als der Eislöwen-Coach Andreas Brockmann nach dem Danner-Tor in die Kabine ging, ahnte er, was nun auf sein Team zukommen konnte, das jüngst in Landshut 4:2 führte – und am Ende verlor. In der Freiburger Kabine, so berichtet es Co-Trainer Philip Rießle, hätte bereits Siegeszuversicht geherrscht: "Wir wussten, dass wir dieses Spiel nun sicher gewinnen."

Das nach dem Spiel viel zitierte "Momentum", der geschrumpfte Rückstand, die lange Anfahrt der Dresdner, die nur drei Reihen aufbieten konnten – dies alles sprach für den EHC. Aber noch stand es 4:6. Als Linsenmaier auf nur noch ein Tor den Freiburger Rückstand verkürzte, verlor einer der besten Dresdner, Evan Trupp, die Contenance und attackierte ebenso wütend wie fatal den Freiburger Frontmann Danner (49.): Spieldauerstrafe für den Übeltäter und eine Fünf-Minuten-Unterzahl für die Dresdner, die bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Mann auf der Strafbank hatten.

Vor dem Tor des Dresdner Schlussmanns hatten die Freiburger nun Zeit und Geduld, ihre Schusspositionen herauszuspielen, bis Gregory Saakyan und Scott Allen ihr Ziel gar nicht mehr verfehlen konnten. Weil beim Stand von 6:7 aus Dresdner Sicht auch noch Nick Huard und Jordan Knackstedt partout auf die Strafbank wollten, geriet das Finale dieses Matches zu einer komfortablen Angelegenheit für die Wölfe. Ein Versuch der Eislöwen, das Spiel zu drehen, war unmöglich gemacht: Chris Billich traf für den EHC in der Schlussphase noch zwei Mal – zum 8:6 und 9:6.

Mit noch breiterer Brust erwarten nun an diesem Montag, 19.30 Uhr, die Wölfe den EC Bad Nauheim, der am Samstag Heilbronnn mit 6:3 bezwang. "Wir sind gewarnt, die gleichen Fehler wie gegen Dresden nicht mehr zu machen", verspricht Rießle.

Tore: 0:1 Knackstedt (3.), 0:2 Flade (10.), 0:3 Ranta (16.), 0:4 Knackstedt (26.), 0:5 Knackstedt (30.), 1:5 Danner (34.), 1:6 Lavallée (36.), 2:6 Trinkberger (37.), 3:6 Bassen (40.), 4:6 Danner (40.), 5:6 Linsenmaier (46.), 6:6 Saakyan (51.), 7:6 Allen (54.), 8:6 Billich (57.), 9:6 Billich (59.). Strafminuten: 6 – 13 (plus Spieldauerdisziplinarstrafe für Trupp).