Wie ein Wohnheim die Tötung der Mitbewohnerin verarbeitet

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mi, 02. November 2016

Freiburg

Wie ein Wohnheim die Tötung der Mitbewohnerin verarbeitet.

Der Tod einer 19-jährigen Studentin an der Dreisam erschütterte die ganze Stadt. Die junge Frau, die am 16. Oktober vergewaltigt und getötet worden war, wohnte seit einem Jahr im katholischen Studierendenwohnheim Thomas-Morus-Burse in Littenweiler. Pastoralreferent Jörg Winkler und Pfarrer Bruno Hünerfeld sind die Hochschulseelsorger in Littenweiler und begleiteten die vielen trauernden Studierenden in den letzten zweieinhalb Wochen.

"Wir tun das, was wir auch in anderen Fällen tun, wenn wir in unseren Wohnheimen mit Tod und Trauer konfrontiert sind", sagt Jörg Winkler. Er und Hünerfeld sind dann, wenn möglich, sofort zur Stelle. "Die unmittelbare Trauerarbeit vor Ort ist unsere Aufgabe", sagt Pfarrer Hünerfeld. Auch eine Psychologin aus dem Team der Katholischen Hochschulgemeinde wird eingeschaltet. "Wichtig ist, da zu sein und zuzuhören" und in diesen schweren Momenten die Gemeinschaft zu stärken, erklärt Winkler. Das gelte für die unmittelbar Betroffenen in der Wohngruppe des Wohnheims, aber es seien auch die im Blick zu behalten, die nur scheinbar am Rande mit der Verstorbenen in Berührung standen. Wichtig sei, dass man dies unaufdringlich und behutsam mache, sagt Jörg Winkler.

"Neben den persönlichen Gesprächen ist von Bedeutung, einen Ort der Trauer und des Abschieds zu gestalten", sagt Bruno Hünerfeld. Studierende und Hochschulseelsorger richten einen Raum der Stille ein – mit Kerzen, einem Foto der Verstorbenen und der Möglichkeit, ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. "Wichtig ist, als Seelsorger auch dort anwesend und ansprechbar zu sein. Wir wollen unsere Studierenden in dieser Situation wirklich als Begleiter zur Verfügung stehen," sagt Hünerfeld. Was ihm und Winkler auffällt: Die Studenten sorgen füreinander und stützen sich. "Das ist eine enorme Hilfe", sagt Hochschulpfarrer Hünerfeld. Dass man sich gegenseitig helfe, entspreche dem Selbstverständnis des Hauses, erklärt Wohnheimleiter Andreas Braun.

Die Religion steht für Bruno Hünerfeld und Jörg Winkler zunächst nicht im Vordergrund: "Theologische Floskeln wären falsch", findet Winkler. In der Thomas-Morus-Burse, einem Wohnheim der Erzdiözese an der Kappler Straße, wohnen zurzeit 250 Studierende aus 40 Ländern, die Mehrheit sind Christen, es gibt aber auch Studentinnen und Studenten, die keiner Religion angehören, sowie Gläubige anderer Religionen. "Wir sind sehr vorsichtig mit dem Einspeisen von Religion", erläutert Winkler. "Das ist nichts, was wir forcieren in so einem Moment." Wenn, dann gehe das von den Studierenden selbst aus. "Wir spüren aber die Kraft des Glaubens, wenn wir durch Beten und Singen unserer Trauer Ausdruck verleihen können und zugleich neue Hoffnung schöpfen", sagt Pfarrer Hünerfeld.

Die richtigen Worte gibt es in solchen Momenten nicht, wissen die beiden Theologen. Tod und Trauer gehören zu ihrem Beruf. "In diesem Fall sind wir aber genauso sprachlos gewesen – und sind es immer noch", sagt Winkler. Natürlich sei die Frage aufgekommen, die stets bei schlimmen Ereignissen aufkommt: "Warum lässt Gott das zu?" Das sei eine zutiefst menschliche Frage, findet Winkler. Alle Reaktionen seien zulässig, auch Wut und Hass, man müsse sie nur einordnen.

Studierende gestalten

den Trauergottesdienst mit

In den Tagen danach bereiten Bruno Hünerfeld und Jörg Winkler gemeinsam mit Studierenden einen Trauergottesdienst vor. "Wir sitzen zusammen, erzählen uns, was uns bewegt, und suchen nach Symbolen, die wir mit dem Verstorbenen verbinden", sagt Hünerfeld. Wie die BZ berichtete, kamen vier Tage nach dem Verbrechen 600 Menschen in die Kirche St. Barbara in Littenweiler.

Der Gottesdienst sei ein ganz wichtiger Moment in der Trauerarbeit. Ein Innehalten. Er solle helfen, wieder einen Schritt ins Leben zu machen, sagt Bruno Hünerfeld. Der Pfarrer möchte in seiner Traueransprache die Emotionen in Worte fassen und der Hoffnung Raum geben. "Mir ist wichtig, unserer Trauer, aber auch unserer Dankbarkeit, dass uns dieser Mensch geschenkt war, Ausdruck zu verleihen." Eine Woche nach dem Gottesdienst in Freiburg fand die Trauerfeier für die getötete Studentin in Brüssel, dem Wohnort ihrer Familie, statt; mehr als 1000 Menschen nahmen daran teil.

Dass viele Menschen, auch wildfremde, im Internet, mit Kerzen am Tatort oder vor dem Spiel des SC Freiburg Anteil nehmen, finden die Geistlichen ein angemessenes Zeichen. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass da etwas zur Schau gestellt wurde", sagt Winkler. Die Menschen vergewisserten sich gemeinsamer Werte, glaubt Hünerfeld. Und für Angehörige sei es in der Regel hilfreich, Anteilnahme und Solidarität zu spüren.