Nachruf

Ein deutsches Leben: Zum Tod von Richard von Weizsäcker

Hermann Rudolph

Von Hermann Rudolph

Mo, 02. Februar 2015 um 00:00 Uhr

Deutschland

Richard von Weizsäcker wirkte mit der Macht seiner Worte, in seiner Biografie spiegelt sich ein Jahrhundert deutscher Geschichte – am Samstag ist er gestorben. Ein Nachruf.

Ein Mensch, der in einem Alter stirbt, das weit hinausreicht über die 80 Jahre, die die Bibel dem Menschen im besten Fall zubilligt, ist in dem meisten, was seine Existenz ausmachte, Vergangenheit. Doch im Fall von Richard von Weizsäcker, dem langjährigen Bundespräsidenten und früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, rührt sie an das Ganze der Bundesrepublik, an ihr äußeres und ihr inneres Dasein als historische Erscheinung und politisches Gemeinwesen. Denn das Leben, das am Sonnabend im Alter von 94 Jahren zu Ende gegangen ist, war ein Jahrhundertleben.
Ohne ihn hätte die Bundesrepublik anders ausgesehen. Das Deutschland, das wir geworden sind, verdankt sich auch Richard von Weizsäcker. Natürlich sind es vor allem die zehn Jahre, in denen er das Amt des Bundespräsidenten bekleidet hat, die ihn zu einer eindrucksvollen Größe der deutschen Nachkriegsgeschichte gemacht haben. Denn er war ein vorzüglicher Präsident, die Erinnerung daran ist noch gegenwärtig: die einprägsame Physiognomie, die Eleganz seines Auftretens, die Überzeugungskraft seiner Rede. Ein Hauch von idealer Präsidentschaft umwehte ihn, und ungeachtet der guten und sehr guten Präsidenten, die die Bundesrepublik gehabt hat, war er der herausragendste Vertreter des Amtes seit Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten.
Auch weil es Weizsäcker gelang, den eigentümlichen Charakter dieses Amtes – den Mangel an Kompetenzen, dem Fehlen an exekutiver Macht – in einer Weise in Einfluss auf das politisch-moralische Klima des Landes zu verwandeln, die realer Macht schon fast gleichkam. Mit seinen Reden und Anstößen, mit seinen Auftritten und Staatsbesuchen hat Weizsäcker das Bild der Republik geformt. Er war der seltene Fall eines Politikers, der vor allem mit der Entwicklung von Gedanken an Einfluss gewann.
Weizsäcker hat Themen zur Sprache gebracht, die sonst das Forum der Öffentlichkeit kaum erreicht hätten. Wo die Regierungen wichtige Entscheidungen scheuten oder sie ganz schuldig ...

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