Im Auge des Hurrikans

Ein Freiburger Auswanderer erlebte den Tropensturm Dorian hautnah mit

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Di, 10. September 2019 um 18:47 Uhr

Freiburg

Henning Gembalies ist in Freiburg geboren und aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren auf den Bahamas. Er hat den Tropensturm Dorian miterlebt – sein Haus und seine kleine Firma wurden dabei zerstört.

Vor gut einer Woche zog Hurrikan "Dorian" über die Bahamas, unter anderem über die nördliche Insel Grand Bahamas, wo er fast zum Stillstand kam. Dort lebt seit 20 Jahren der Ex-Freiburger Henning Gembalies. Durch den Hurrikan ist sein Haus sowie seine Firma massiv beschädigt worden.

Im Wohnhaus fehlt eine ganze Holzwand, auf dem Boden liegt Schutt, von der Decke hängen Kabel, das Dach hat große Löcher. "Ich lebe seit 1999 auf der Bahamas-Insel Grand Bahama und das ist das Schlimmste, was ich und meine Familie bis jetzt erlebt haben", sagt Henning Gembalies. Der 42-Jährige ist in Freiburg geboren, hat die Emil-Thomas-Realschule besucht. 1999 beschloss seine Mutter, auf die Bahamas auszuwandern, er, damals 21 Jahre alt, und seine Schwester gingen wenig später mit. Durch den Hurrikan Dorian, der vor knapp einer Woche über den Inselstaat zog und dem mindestens 50 Menschen zum Opfer fielen, wurde Gembalies’ Haus und sein kleiner Autoreifenhandel fast völlig zerstört.

"In den 20 Jahren, die ich hier lebe, habe ich sicherlich schon ein Dutzend Hurrikans miterlebt." Gembalies
Für Gembalies war es nicht der erste Hurrikan, aber der Schlimmste. "In den 20 Jahren, die ich hier lebe, habe ich sicherlich schon ein Dutzend Hurrikans miterlebt", erzählt er per Facebook-Anruf. Kurz bevor Dorian die Insel Grand Bahamas am 1. September erreichte, präparierten Gembalies und seine Familie das Haus im Norden der knapp 30.000 Einwohner zählenden Stadt Freetown. Die Fenster wurden mit Holz verbarrikadiert, Möbel nach drinnen geräumt. Da es heißt, dass der Hurrikan vor allem die Nordseite der Insel mit voller Wucht treffen würde, verbrachten Gembalies und seine Familie die drei Tage im Sturm mit der restlichen Familie im Haus der Schwester auf der Südseite der Insel. Denn auch Gembalies’ Schwester lebt mit ihrer eigenen Familie inzwischen auf Grand Bahama. "Wir haben bisher alle Wirbelstürme zusammen in dem Haus verbracht, weil es stabiler gegen Hurrikane gebaut ist als meins und nicht so nahe am Wasser liegt", sagt er.

Hurrikan Dorian rast mit mehr als 200 Kilometer pro Stunde über die Insel

Drei Tage wartet die Familie auf den Sturm. "In dieser Zeit kann man nichts machen, nur kurz raus, um eine zu rauchen", sagt Gembalies. Besonders schlimm seien die Geräusche. "Es pfeift, es bläst – die Geräusche sind irgendwie unheimlich", erzählt Gembalies. Unter den Wartenden ist auch der zehnjährige Sohn der Schwester. Mehrere Tage harren er, seine Schwester und die Familien der beiden im Haus aus.

Als der Tropensturm mit teils mehr als 200 Kilometer pro Stunde über die Insel weggezogen ist, wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Gembalies fährt Ende vergangener Woche zum ersten Mal zum Haus neben dem Flughafen, der nach Dorian zerstört ist, ganz in der Nähe liegt auch sein kleiner Autoreifenhandel. "So schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt", sagt er. In seinem Haus liegt alles tagelang unter Wasser. Die Wandverkleidungen sind weggeschwemmt. In seinem Autoreifengeschäft sieht es nicht ganz so schlimm aus, aber auch nicht gut. Am Mittwoch wollte der Auswanderer mit seinen fünf Angestellten dort wieder arbeiten. "Die Leute verdienen ja sonst nicht, auf den Bahamas gibt es kein Arbeitslosengeld wie in Deutschland", sagt er.

Versicherungen gegen Hochwasser sind keine Selbstverständlichkeit

Der Auswanderer macht sich keine Hoffnung, dass ihm eine Versicherung etwas rückerstattet. In Inselgegenden, die sehr wahrscheinlich von Überflutungen bei Stürmen betroffen sind, gebe es keine Versicherungen gegen Hochwasser. Lediglich gegen Windschäden oder Feuer könne man sich absichern.

"Ein Großteil der Insel ist zerstört, es wird geplündert und geraubt", sagt er. Viele Geschäfte seien geschlossen, viele werden keine Arbeit finden. Er sammelt nun Spenden über eine Crowdfunding-Kampagne, um das Leid in seiner Wahlheimat zu lindern. Wie lange Henning Gembalies mit seiner Frau und der 17-jährigen Tochter noch auf den Bahamas zu Hause ist, weiß er nicht. Er hat, sagt er, noch ein Haus auf der Insel Hispaniola in der Dominikanischen Republik. Vielleicht ist das seine nächste Station. Mehr zum Thema: