Ein Mann für Zerreißproben

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 17. Februar 2019

Freiburg

Der Sonntag Zum Tod von Freiburgs ehemaligem Oberbürgermeister Rolf Böhme.

Freiburgs Alt-Oberbürgermeister Rolf Böhme ist am vergangenen Dienstag im Alter von 84 Jahren gestorben. In seiner Amtszeit musste der Sozialdemokrat große grundsätzliche Konflikte der Stadtgesellschaft bewältigen, der Raum, Freiburg an vielen Stellen weiterzuentwickeln, blieb ihm dennoch.

Rolf Böhme war kein Visionär, sondern gegenwartsbezogener Pragmatiker, trotzdem haben Auszüge aus seinem 1994 erschienenen Buch "je mehr wir haben, desto mehr haben wir zu wenig" Wiedererkennungswert im Freiburg des Jahres 2019. Die entscheidenden Passagen hat Böhmes Stuttgarter Amtskollege Manfred Rommel in einer Rezension des Buches im Spiegel zusammengefasst: "In den Universitätsstädten ist die Kommunalpolitik besonders aufgeregt und verwirrend. (...) Die Stadt hat zwar einen vom Volk gewählten Bürgermeister und einen Gemeinderat. Aber deren Legitimität wird angezweifelt von einer starken, Druck ausübenden Minderheit." Dafür träten Bürgerinitiativen auf, die nur gebündelte Eigeninteressen verfolgen und sich als Volk missverstünden, hinzu komme die Forderung nach Teilhabe der Nichtgewählten an den Kompetenzen der Gewählten. Böhme konnte nicht ahnen, was später noch soziale Medien in dieser Gemengelage anrichten würden. Nein, Freiburgs Oberbürgermeister sorgte sich schon angesichts der vergleichsweise übersichtlichen Situation Anfang der 1990er Jahre darum, wie lange eine Kommunalpolitik unter solchen Bedingungen noch handlungsfähig bleiben könne.

Tatsächlich bewältigte Böhme in seiner Amtszeit von 1982 bis 2002 so manche für Städte bis dato unbekannten Extremsituationen. Durch die Beruhigung der Hausbesetzerszene der 1980er Jahre beispielsweise, die auf der Formel beruhte, alternative Nischen zu tolerieren, aber keine weiteren Gesetzesbrüche. "Rolf Böhme hat die Oberbürgermeisterwahl 1982 gewonnen, weil er eine Befriedung der Stadt versprochen hat", sagt Grünen-Stadträtin Maria Viethen, damals selbst Teil jener Hausbesetzerszene. "Und das Versprechen hat er gehalten, indem er auch alternative Einrichtungen unterstützt hat."

Dann wäre da der Umgang mit dem die Stadt spaltenden Megaprojekt B 31-Ost, der Ausbau der Schnellstraße durch die Stadt, der 60 Jahre lang geplant und 20 Jahre lang unter ständigen Protesten umgesetzt wurde. Dass das Projekt durchgebracht werden konnte, ohne die Stadtgesellschaft völlig zu zerreißen, war auch Böhmes Verdienst – auch wenn viele Gräben von dereinst noch heute nicht geschlossen sind. Gegen die B 31-Debatte ist der aktuelle Streit in der Stadt um den geplanten Stadtteil Dietenbach bislang Kleinkram.

Rolf Böhme wurde 1934 in Konstanz geboren und zog während seines Jurastudiums erstmals nach Freiburg. 1968 eröffnete er hier eine Anwaltskanzlei, drei Jahre später wurde er für die SPD in den Freiburger Gemeinderat gewählt. 1972 ging es bereits weiter in den Bundestag. Unter Kanzler Helmut Schmidt wurde Böhme später Staatssekretär im Finanzministerium von Hans Matthöfer. Bereits hier stellten sich erste Weichen für die Freiburger Stadtpolitik: 1978 wurde Bernd Dallmann Böhmes persönlicher Referent in Bonn, 1984 holte Böhme ihn dann nach Freiburg als Organisator der Landesgartenschau, bald wurde Dallmann oberster Wirtschaftsförderer der Stadt und blieb das bis Ende des Jahres 2017.

Umgekehrt halfen auch Böhmes Kontakte zu Helmut Schmidt zum Einstieg in die Kommunalpolitik: Die OB-Wahl 1982 nämlich war kein Selbstläufer wie später bei seinem Nachfolger Dieter Salomon. Böhme musste gegen seinen Kontrahenten Sven von Ungern Sternberg in den zweiten Wahlgang und ein eilends herbeigerufener Ex-Kanzler warb vor 15 000 Zuhörern in Freiburg für den SPD-Mann.

Trotz des nur knappen Wahlerfolgs saß Böhme die 20 Jahre seiner Amtszeit fest im Sattel, als pragmatischer Machtpolitiker, der in Stuttgart und Berlin für Anliegen werben konnte und zuhause die notwendige Sicherheit auf dem Weinfest- und Dorfhock-Parkett besaß. Wer die Tatkraft von Oberbürgermeistern an Beton und Großprojekten misst, wird fündig. Böhme setzte den Bau des Konzerthauses gegen die erstarkenden Grünen und einen Bürgerentscheid durch, brachte mit Vauban und Rieselfeld neue Stadtteile auf den Weg und auch die Straßenbahnlinien dorthin. Die Landesgartenschau hinterließ dem Freiburger Westen den Seepark und führte zu einer massiven Aufwertung des am Reißbrett entstandenen Lückenschlusses zwischen dem Stadtteil Stühlinger und den Siedlungen im Westen. "Das Ost-West-Gefälle war eine Frage, die das Rathaus lange beschäftigte", sagte Böhme zu seinem 80. Geburtstag gegenüber dem Sonntag .

Gebrochenes Versprechen?

Der Freiburger Hauptbahnhof entwickelte sich vom Kleinstadtbahnhof zu einem Großkomplex, an dem – auch dank ausgebauter Breisgau-S-Bahn – heute täglich 70 000 Pendler ein- und aussteigen. Die Messe zog vom zu kleinen alten Messplatz in großzügige Hallen an den Flugplatz um. Sogar das umkämpfte Mammutprojekt B 31-Ost wurde 2002 eröffnet, allerdings spuckt die Strecke bis heute alle Autos mitten in der Stadt aus – der fehlende Stadttunnel wurde Böhme lange als gebrochenes Versprechen angelastet.

"Solche grundsätzlichen Konflikte gibt es heute nicht mehr", sagte Böhme gegenüber der Badischen Zeitung zu seinem 80. Geburtstag. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das stimmt. Oder ob beispielsweise die Wachstumskritik die nächste gesellschaftliche Zerreißprobe wird. Ob Böhmes Sorge vor der unregierbaren Stadt neue Nahrung finden wird, weil jene Konflikte in den Filterblasen von Facebook, Twitter und Co. ausgetragen werden, während Medien und Regierungen unter generellen Verschwörungsverdacht gestellt werden.

Rolf Böhme wird es nicht mehr erfahren. Vergangenen Dienstag starb er nach schwerer Krankheit, die Trauerfeier findet kommenden Freitag statt.