Ein überraschend mildes Urteil

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Sa, 27. Juni 2020

Kultur

Der Theaterregisseur Kirill Serebrennikow wird von einem Moskauer Gericht als kapitaler Betrüger verurteilt – aber auf Bewährung.

Gegen 15.40 Uhr brach unter den 400 Leuten, die gestern vor dem Meschtschansker Bezirksgericht in Moskau ausharrten, Jubel aus: Bewährung, drei Jahre Bewährung für Kirill Serebrennikow. Vorher hatte das Gericht den Theater- und Filmregisseur, seine früheren Mitarbeiter Alexei Malobrodski und Juri Itin als kapitale Betrüger schuldig gesprochen.

Aber obwohl die Staatsanwaltschaft für Serebrennikow und seine Schicksalsgenossen zwischen sechs und vier Jahren Gefängnis verlangt hatte, kamen alle auf Bewährung frei, das Verfahren gegen Sofia Alfenbaum, eine frühere Beamtin des Kulturministeriums wurde eingestellt. "Ein Schuldspruch, der praktisch einem Freispruch gleicht", sagt der Politologe Juri Korgonjuk. Tatsächlich fällen russische Richter nur 0,36 Prozent Freisprüche, auch Bewährungsstrafen sind die Ausnahme. Fünfeinhalb Stunden hatte die Urteilsbegründung gedauert, die Worte der Richterin deuteten auf viele Jahre Gefängnis hin. Sie betrachtete es als erwiesen, dass Serebrennikow und seine Kollegen zwischen 2011 und 2014 als Leiter der Theatergruppe "Siebtes Studio" 129 Millionen Rubel Staatssubventionen (nach den damaligen Wechselkursen knapp drei Millionen Euro) für das Veranstaltungsprogramm "Platforma" gestohlen hatten. Von drei vorliegenden Gutachten wählte die Richterin das neueste und für Serebrennikow ungünstigste aus: Danach wäre "Platforma", vom Kulturministerium mit 216 Millionen Rubeln (knapp fünf Millionen Euro) unterstützt, auch mit 87,5 Millionen Rubel (knapp zwei Millionen Euro) zu finanzieren gewesen.

Moskaus Intelligenzija betrachtete das Verfahren von Anfang als politischen Schauprozess: Serebrennikow, für Nacktszenen, Popenschelte und andere Provokationen berühmt, solle als Symbolfigur des liberalen Experimentaltheaters abgeurteilt werden. Oder wie er selbst in seinem Schlusswort gesagt hatte: "Man reagiert auf unsere Arbeit mit Verfolgung, Festnahmen und Prozessen."

Umso überraschter reagierte die Szene auf den milden Richterspruch. "Noch gestern schien klar, dass sie Kirill plattwalzen", erklärte der Filmregisseur Andrei Swjaginzew dem Sender TV-Doschd, "so gut sie können." Vor Gericht hatte Serebrennikow selbst zugegeben, in der Buchhaltung habe wirklich Chaos geherrscht. Übliches russisches Theater-Chaos in den vergangenen Jahren. Wer Bühnenhandwerker, Komparsen oder Kostüme bezahlte, der musste bar bezahlen, musste Geld abheben, erhielt als Quittung formlose Papierchen oder gar keine, nach den kleinlichen Regeln der vaterländischen Finanzbuchhaltung durchaus kriminelle Lücken. "Die Theater brauchen Cash", erklärt der Anwalt Sergei Badaschmin der BBC, "und das ist fatal."

"Ein Schuldspruch,

der praktisch einem

Freispruch gleicht."

In der Urteilsbegründung warf die Richterin den Angeklagten vor, sie hätten 132 Millionen Rubel mittels fiktiver Verträge durch von ihnen kontrollierte Firmen abheben lassen und zum Großteil "nach ihrem Ermessen ausgegeben". Sie verwarf die Worte Serebrennikows, er habe sich nicht mit Finanzen beschäftigt, sondern für "Platforma" am laufenden Band Veranstaltungen auf die Beine gestellt, insgesamt 340, manchmal eigenes Geld vorgeschossen.

Und offenbar hatte er einflussreiche Feinde. Aus seiner Umgebung heißt es, er rätsele, wer hinter seinem Prozess steht. Viele in Moskau glauben, Exkulturminister Wladimir Medinski, dem seine Experimente ein Dorn im Auge waren. Es ging sogar das Gerücht, ein FSB-General räche sich, weil der schwule Serebrennikow seinen Sohn verführt habe.

Aber Korgonjuk glaubt, die politische Konjunktur habe zur Serebrennikows Rettung beigetragen. Zum einen stehe nächste Woche die Abstimmung über Wladimir Putins Verfassungsreform an, zum anderen fielen dessen Popularitätsraten. "Eine reale Gefängnisstrafe für Serebrennikow hätte heftige Unruhe im gesamten Internet und der Kulturszene hervorgerufen." In dieser Situation ziehe es auch die Staatsmacht vor, sich keine neuen Feinde zu schaffen.

Als wirkliche Strafe für Serebrennikow und seine Leute bleibt die Tilgung einer Schadensersatzklage des Kulturministeriums von umgerechnet immerhin noch 1,5 Millionen Euro. Die Verteidigung will in Berufung gehen.