Eine Auszeit für die Seele

Christa Schaupp (Forst BW)

Von Christa Schaupp (Forst BW)

Fr, 09. Dezember 2022

Lahr

Jugendliche Flüchtlinge aus Lahr engagieren sich für den Artenschutz. Ermöglicht wird das Waldprojekt in Gengenbach durch eine Kooperation mit Forst Baden-Württemberg. .

Ein letzter Blick in die Wetter-App bestätigt David Hennegriff darin, seinen Plan leicht abzuändern. Der junge Mann mit den Locken steht neben seiner Kollegin Wiltrud Kiefer, Waldpädagogin im Forstbezirk Mittleres Rheintal, mitten im Wald bei Gengenbach und wartet auf einen Bus voller Schülerinnen und Schüler der Maria-Furtwängler-Schule aus Lahr.

Die 15- bis 18-jährigen Sprachschüler, überwiegend Flüchtlinge, werden im Wald mit anpacken und sich im Rahmen ihres Schulprojekts an der Biotoppflegeaktion für das Auerhuhn beteiligen. Es regnet leicht und Nebelschwaden ziehen durch den herbstlichen Wald. "Der Schwarzwald zeigt sich heute Morgen nicht von seiner schönsten Seite", bemerkt Hennegriff. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Aber vielleicht von seiner stimmungsvollsten." Hennegriff, seines Zeichens Geograph, ist im Forstbezirk für die Pflege und den Erhalt der Lebensräume für das Auerwild zuständig.

Leises Motorengeräusch nähert sich. Der vollbesetzte Reisebus aus Lahr quält sich um die letzte Biegung der Waldstraße. Ein bisschen aufgeregt sind die beiden Forstmitarbeitenden jetzt schon. "Die Jugendlichen kommen überwiegend aus der Ukraine. Es sind aber auch noch andere Nationalitäten vertreten", verrät die Waldpädagogin. "Ob alle Jugendlichen Deutsch verstehen, wissen wir nicht." Durch die unerwartete Unterstützung einer ukrainischen Schülerin als Dolmetscherin gelingt es den beiden Forstbezirksmitarbeitenden jedoch gut, die Gruppe mit einer Mischung aus Deutsch und Englisch auf den anstehenden Arbeitseinsatz einzustimmen.

Hierzu hat Hennegriff zwei Tierpräparate mitgebracht: einen Auerhahn und eine Auerhenne. "Ihr dürft ruhig näherkommen und euch die Vögel genau anschauen", ermutigt die Waldpädagogin die Jugendlichen. Der Urvogel, wie das Auerhuhn auch genannt wird, ist im Schwarzwald in seinem Bestand stark gefährdet.

"Die Gefährdung hat vielfältige Ursachen", erklärt der Fachmann. "Eine liegt in der nicht mehr geeigneten Lebensraumstruktur." Das Auerhuhn ist auf lichte Wälder mit alten Bäumen und dazwischenliegenden Blößen angewiesen. Für seine Ernährung benötigt es unter anderem Heidelbeersträucher. "Die Heidelbeere wächst hier zwar überall flächig", deutet Hennegriff in den Wald, "aber die Sträucher sind zu hoch für die Vögel. Schaut mal." Der Geograph setzt die Präparate zwischen die Heidelbeeren. Den Jugendlichen wird schnell klar, worauf Hennegriff hinaus möchte. "Wir müssen die Sträucher kürzen", ruft jemand auf Ukrainisch aus der Gruppe.

Dass die Heidelbeersträucher so stark in die Höhe wachsen, führen Wissenschaftler auf den stark angestiegenen Stickstoffeintrag aus der Luft und die höheren Temperaturen aufgrund der Klimaerwärmung zurück. Die zu hohen Heidelbeeren schaden dem Auerwild aber auch noch auf andere Weise. "In den hohen Sträuchern können sich Beutegreifer wie beispielsweise der Fuchs gut verstecken und unbemerkt anschleichen", erzählt die Waldpädagogin den interessierten Jugendlichen.

Dann bereitet die Waldpädagogin alles für die Vesperpause vor. Sie richtet die Feuerschale, das Feuerholz und stellt die Teekannen bereit. "Die Schülerinnen und Schüler dürfen gleich selbst das Feuer anmachen und Tee kochen. Sie sind ja nicht nur zum Arbeiten in den Wald gekommen. Wir möchten ihnen ein schönes Erlebnis in der Natur und in der Gruppe bieten. Eine Auszeit für die Seele."

Gegen Mittag bessert sich das Wetter. Nun ziehen die Jugendlichen los, mit Handschuhen, Bügelsägen und Astscheren. Sie haben sichtlich Freude an der Arbeit. Sie kürzen Heidelbeersträucher, befreien die markierten Flächen von Nadelbaumaufwuchs und Reisig und konzentrieren das Schnittgut auf kleinen Haufen. "Die Reisighaufen dienen den Küken als Zufluchtsort", erklärt Hennegriff. Einen Teil des Reisigs nehmen die Schülerinnen und Schüler mit nach Lahr. Sie möchten Kränze und Weihnachtsdekoration für die Schule daraus basteln.

Am Nachmittag macht sich die Gruppe wieder auf den Heimweg. Am Mooskopfturm genießen die Jugendlichen zum Abschluss die wunderbare Aussicht über die herbstlichen Schwarzwaldberge, bevor der Bus wieder hinab nach Lahr fährt.