Kunst

Karl-Rahner-Haus in Freiburg zeigt Werke des vergessenen Grafikers Bruno Schley

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

Mo, 15. Juni 2020 um 15:47 Uhr

Freiburg

Obwohl Freiburg eine zentrale Rolle in seinem Lebenswerk spielt, wäre Bruno Schley fast vergessen worden. Dass der Grafiker nun eine späte Würdigung erfährt, ist dem Musiker Uli Führe zu verdanken.

Dass ein Künstler nach seinem Tod komplett in Vergessenheit gerät, ist im digitalen Zeitalter kaum möglich. Irgendwo gibt es Spuren, Notizen, fällt ein Name, wird eine Arbeit gewürdigt, erinnert man sich. Doch der Grafiker Bruno Schley, geboren am 6. Oktober 1895 in Rastatt und 1968 verstorben in Freiburg, wäre beinahe im Nebel der Geschichte seiner über alles geliebten Heimatstadt verschwunden. Dass es nicht dazu kam, ist Uli Führe zu verdanken, der tatsächlich nur eine Tür öffnen musste, um den größten Teil des künstlerischen Lebenswerks und eine bewegende Biografie wieder sichtbar zu machen.

Über 5000 Grafiken von Bruno Schley lagerten in einem Schrank

Uli Führe ist Komponist, Liedermacher und Stimmbildner aus Buchenbach bei Freiburg. Mit Bruno Schleys Sohn Martin Schley, geboren 1950, ist er seit den 1980er Jahren freundschaftlich verbunden. Sie inszenieren Glossen und Hörspiele für den Südwestrundfunk, stehen gemeinsam mit Mundartprogrammen auf der Bühne. Manchmal besuchen sie sich auch zuhause. Und dort entdeckte Führe etwas, das ihn neugierig machte: Im Wohnzimmer der Schleys hing eine farbige, kleine Grafik an der Wand. Ein Wasserspeier an der Fassade des Freiburger Münsters, eine faszinierende, eigentümliche Mischung aus kubistischen und expressionistischen Elementen.

"Ich war völlig perplex über die hohe Kunst in einem Privathaushalt, hatte sowas sonst nur in Museen gesehen", erinnert sich Uli Führe. Überrascht war er auch von der nüchternen Antwort des Freundes, der erklärte, dass sein Vater Kunstmaler und Gebrauchsgrafiker war. Es sollten zehn Jahre vergehen, bis das Gespräch über den unbekannten Vater fortgesetzt wurde. "Ich wollte wissen, ob es noch mehr Arbeiten von ihm gibt und er erlaubte mir, einen alten Schrank zu öffnen", erzählt Führe. Über 5000 Grafiken von Bruno Schley lagen dort, weitgehend ungeordnet, in Mappen – ein überwältigender Fund, der den Entdecker sprachlos machte. Mit Erlaubnis der Familie begann er vor acht Jahren, die einzelnen Blätter zu fotografieren, zu dokumentieren und in Themenbereiche zu gliedern. Mit dem Gedanken, vielleicht einmal ein Buch daraus zu machen. Ein von Bruno Schley selbst um 1950 verfasster kurzer Lebenslauf half ihm dabei.

Münsterturm ist in Schleys Grafiken fast omnipräsent

Buch-, Stein-, Kupfertiefdruck und verschiedene Reproduktionstechniken lernt Druckerlehrling Bruno Schley während des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 bei Poppen & Ortmann, arbeitet ab 1919 als freischaffender Künstler. "Zeichnen und Malen betrieb ich mit Leidenschaft und die Freizeit, die mir neben meiner beruflichen Tätigkeit übrig blieb, verwendete ich in der Hauptsache dazu, viel in der Natur zu zeichnen", schreibt der Grafiker. Er nimmt Unterricht in figürlichem Zeichnen, tauscht sich mit dem damaligen Münsterbaumeister über gotische Architektur aus. Der Turm des Münsters ist in seinen Grafiken fast omnipräsent und wie durch eine fotografische Linse wird man als Betrachter in Details von Bleistift-, Tusche- und Federzeichnungen hineingezogen.

"Diese Studien nach der Natur zeigen schon ganz früh eine erstaunliche Souveränität im Umgang mit Licht und Schatten, überhaupt mit der Raumillusion", sagt Jan Blaß, bildender Künstler aus Kirchzarten, den Uli Führe 2018 um künstlerische Expertise und Mitarbeit und an seinem Mammutprojekt gebeten hat. "Von der naturalistischen Bleistiftzeichnung bis zum abstrakten Statement zur atomaren Bedrohung und Kuba-Krise ist hier alles zu finden", skizziert Blaß die Bandbreite von Schleys künstlerischem Schaffen. Doch Freiburger Impressionen und die des Umlandes bilden den Schwerpunkt seines Werks.

Bruno Schley wird nicht müde, Gebäude und Plätze in immer neuen Perspektiven zu zeigen, Stimmungen einzufangen, Schwingungen aufzunehmen, das Leben auf den Straßen, kleine und große Ereignisse zu skizzieren. Der alte Friedhof zwischen den beiden Weltkriegen gehört dazu. Nach einem persönlichen Schicksalsschlag ist er auch Rückzugsort für den seit Kindestagen linksseitig teilweise gelähmten und daher nicht zum Wehrdienst eingezogenen Künstler: Am 8. Februar 1945 wird Schleys Haus bei einem Luftangriff zerstört, Bruno Schley wird mit seiner Frau und seinem Kind verschüttet. Mit dem Kopf schlägt er sich eine Öffnung durch den Schutt und wird befreit, ist danach aber traumatisiert. Sein Glaube gibt ihm Halt, er wird bis zu seinem Tod keine sonntägliche Frühmesse verpassen und sich zunehmend mit kirchlichen Themen beschäftigen.

Schley hat Freiburg auch aus finanziellen Gründen selten verlassen

Mehr als 500 teils großformatige Blätter mit expressiven Christusmotiven hat Schley hinterlassen. Sie stehen in spannungsvollem Kontrast zu Werbemotiven, etwa für Oberpaur, Dietler, Ganter und die Zeitschrift der Münsterbauhütte und Plakaten für die Faustfestspiele in Staufen. Doch Schleys Liebe gilt Freiburg, einer Stadt, die er wohl auch aus finanziellen Gründen nie verlässt. Weiter als bis Baden-Baden und Heidelberg wird er zeitlebens nie reisen.

"Ohne es zu wissen, hat er durch unermüdliche Streifzüge in Freiburg eine grafische Stadtgeschichte durch das 20. Jahrhundert erschaffen", sagt Uli Führe. 1890er Jahrgänge wie Schley erlebten schwindelerregende geschichtliche Umbrüche, das Kaiserreich, zwei Weltkriege, den Kalten Krieg und den Beginn der Revolte von 1968: "Das hat er aufgenommen und grafisch für uns festgehalten. Ich wüsste niemanden, der das in der Region ebenso getan hat", sagt Führe.

Im vergangen Jahr beschlossen Führe und Blaß, Bruno Schley zumindest posthum zu würdigen. "Es war uns ein Anliegen und eine Ehre, das tun zu dürfen", sagt Jan Blaß. Nachdem das Freiburger Stadtarchiv und das Augustinermuseum auf Anfragen nicht antworteten, kann man einen großen Querschnitt von Bruno Schleys Werken nun im Karl-Rahner-Haus in Freiburg sehen. Uli Führe und Jan Blaß führen persönlich durch die Ausstellung.