Psychiatrie Emmendingen

ZfP-Patient klaut Mitbewohner den Schlüssel – und flieht vor Prozess

Peter Sliwka, Patrik Müller (aktualisiert um 17.30 Uhr)

Von Peter Sliwka, Patrik Müller (aktualisiert um 17.30 Uhr)

Do, 03. Dezember 2020 um 17:30 Uhr

Emmendingen

Ein 63-jähriger Patient des Zentrums für Psychiatrie hätte heute wegen Vergewaltigung vor Gericht stehen sollen. Doch er floh. Gefährlich, sagt die Klinik, sei der Mann aber nicht.

Die Flucht wurde am Donnerstagvormittag öffentlich. Da sollte sich der Mann am Landgericht Freiburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am Abend des 12. Juli 2019 im Park des Zentrums für Psychiatrie an einer ebenfalls dort untergebrachten damals 51-jährigen Frau "sexuelle Handlungen" vorgenommen zu haben – gegen ihren Willen. Doch die Anklage wurde nie verlesen.

Mann lebte in offener Wohngruppe

Der 63-jährige lebte zuletzt in einer offenen Wohngruppe im Zentrum für Psychiatrie. Er durfte das Klinikgelände nicht verlassen, hatte aber "unbegleitete Ausgänge" zu den Therapien, wie Ralf Zehnle am Donnerstagmittag sagt, Medizinischer Direktor der Forensischen Psychiatrie. Diese Ausgänge hatten entgegen einer ersten Darstellung der Polizei vom Donnerstagmorgen nichts mit der Flucht zu tun. "Er hat einem schlafenden Mitpatienten den Schlüssel entwendet", sagt Zehnle. Diesem seien aufgrund seiner Therapiefortschritte weitergehende Lockerungen gewährt worden.

Klinik: Patient ist für Allgemeinheit keine Gefahr

Gefährlich für die Allgemeinheit, sagt Zehnle, sei der Flüchtige nicht. Er verweist auf dessen Alter, aber auch auf körperliche Begleiterkrankungen wie eine deutliche Gehstreckenverkürzung, Herz- und Lungenprobleme. "Wir vermuten, dass es sich um eine Kurzschlussreaktion handelte, dass er eine irrationale Angst vor der Gerichtsverhandlung hatte."

Das Landgericht Stuttgart hatte den Mann 1999 wegen versuchter Vergewaltigung, Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Haftstrafe verurteilt und zugleich die Sicherungsverwahrung beantragt. "Er war damals schon entsprechend vorbestraft", sagt Melanie Rischke, Sprecherin der dortigen Staatsanwaltschaft. Der Straftäter kam ins Freiburger Gefängnis. Im Jahr 2014 schickte ihn die Strafvollstreckungskammer ins Zentrum für Psychiatrie.

Richter verlängerten erst die Sicherungsverwahrung

"Er wird seit Jahren im Maßregelvollzug behandelt und hatte auch den Status erreicht, dass man Lockerungen gewährt", sagt ein Sprecher des Freiburger Landgerichtes auf BZ-Nachfrage. Solche Lockerungen gehören in heutigen psychiatrischen Kliniken zum therapeutischen Konzept. Das können begleitete Einkaufstouren sein, aber auch Wochenendurlaube – oder das Leben in einer offenen Wohngruppe.

Straftäter in Sicherungsverwahrung haben ihre Strafe verbüßt. Gerichte überprüfen regelmäßig, als wie gefährlich sie noch gelten. Beim Flüchtigen war dies zuletzt im Juli passiert. Die Richter hatten damals beschlossen, ihn in Sicherungsverwahrung zu behalten. Die nächste Entscheidung sollte im April gefällt werden.

Im jetzigen Fall wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor, im Juli 2019 mit einer Mitpatientin auf eine hinter Büschen schwer einsehbare Wiese gegangen zu sein. Dort soll er verlangt haben, dass sie sich ausziehe, und sie dann zu Boden gestoßen haben. Die Richter wollen den Prozess am 15. Dezember fortsetzen – wenn der Angeklagte gefasst ist.