Engel a cappella

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Do, 19. Mai 2022

Bad Krozingen

Konzert zweier Chöre aus Freiburg begeistern in St. Alban.

. Unter dem Motto "Die flüsternden Stimmen der Engel" gastierten das William Byrd Ensemble und das John Sheppard Ensemble aus Freiburg dieser Tage in der Pfarrkirche St. Alban. Auf dem Programm standen Alte Musik, romantische Chorsätze und zeitgenössische Kompositionen für A-cappella-Gesang. Zahlreiche Freunde der Vokalmusik hatten sich eingefunden, um den "Engelstimmen" zu lauschen.

Hintergrund für das gemeinsame Konzert der beiden international renommierten Ensembles ist das Deutsche Chorfest, das vom 26. bis 29. Mai in Leipzig stattfinden wird. Im Rahmen dieser Veranstaltung nehmen beide Ensembles an einem Wettbewerb teil. Das Konzert in St. Alban war sozusagen eine Generalprobe. Und die Hörer konnten sich davon überzeugen, dass die beide Chöre reelle Chancen haben, bei diesem Wettbewerb gut abzuschneiden. Denn was sie an diesem Sonntagnachmittag geboten bekamen, war A-cappella-Gesang auf höchstem Niveau.

William Byrd Ensemble
Den ersten Auftritt bestritt das William Byrd Ensemble unter der Leitung von Cornelius Leenen mit einem Zyklus sakraler Kompositionen aus den Epochen der Renaissance und des Frühbarocks. Der Auftakt mit "O magnum mysterium" von Tomas Luis de Victoria bestach mit lupenreiner Intonation und feingeschliffener Dynamik. Diese gestalterische Finesse setzte sich auch in den folgenden Darbietungen fort. Ergreifend war Felice Anerios "Christus factus est" interpretiert. Die tröstlichen und zugleich flehenden Momente in Heinrich Schütz" "Herr, auf Dich traue ich" bestachen nicht minder als die mystisch-verklärte Stimmung, die mit dem Vortrag von Robert Ramseys "Sleep, fleshly birth" evoziert wurde.

In einem weiteren Zyklus präsentierte das William Byrd Ensemble zeitgenössische sakrale Sätze. Auch hier gelang es dem Chor, die atmosphärischen Besonderheiten jeder Komposition mit sorgfältiger Hingabe herauszustellen. Die andächtige Trostbotschaft in Bob Chilcotts "God so loves the world" nach dem Text in Johannes 3 Vers 16 überzeugte ebenso wie das flehentliche Gebet, das William Waltons dramatische "Litany" erfordert. Trauer und Freude kamen im Vortrag von Oliver Messiaens "O sacrum convivium" gleichermaßen zum Ausdruck, während die Interpretation von György Orbáns Satz "Daemon irrepit callidus" die Hörer auf eine gewagte Gratwanderung zwischen höllischen und himmlischen Empfindungen mitnahm.

John Sheppard Ensemble
Das John Sheppard Ensemble unter der Leitung von Bernhard Schmidt hatte sich ganz auf Darbietungen aus der Romantik verlegt. In einem ersten Zyklus erklangen sakrale Kompositionen, die an Intonationsschärfe und dynamischer Feinarbeit den Darbietungen des William Byrd Ensembles in nichts nachstanden. "O du, der du die Liebe bist", ein Satz von Niels Wilhelm Gade, beeindruckte mit lyrischen Glücksmomenten und weicher Kantabilität. Feierlich intoniert wurde Bruckners "Ave Maria", versetzt mit Kontrasten, die sich zwischen marianischer Verklärung und furiosem Aufschreien zu Jesus bewegten. Aus Charles Hubert Hastings Parrys "Songs of Farewell" Nr. 3 bot das Ensemble den Satz "Never wheater-beaten sail" dar – auch hier spürte man die Präzision in den elegischen und aufregenden Akzenten. Majestätisch präsentierte der Chor das "Gloria" aus der "Cantus Missae" in Es-Dur von Josef Gabriel Rheinberger.

Der letzte Programmblock wurde ebenfalls vom John Sheppard Ensemble gestaltet, wobei die Sängerinnen und Sänger sich immer wieder neu formierten und kleine szenische Gesten einfügten. Beginnend mit Mendelssohn-Bartholdys anrührend vorgetragenem Lied "Ruhetal" aus op. 59 war auch dieser Zyklus eine Demonstration genialen A-cappella-Könnens. Johannes Brahms" "Nachtwachen I und II" nach Gedichten von Friedrich Rückert betörten mit ausgefeilter Dynamik und lichtvollen Klangfarben. Ein Schmankerl für die Hörer stellte die reizvolle Interpretation von Max Regers Vertonung des Liedchens "Wenn ich ein Vöglein wär" dar. Die letzten beiden Sätze, "In der Nacht" von Heinrich von Herzogenberg" und das volksliedhafte "Die Capelle am Strand" von Wilhelm Berger beeindruckten mit ihren andächtigen und bewegenden Akzenten.

Zum Finale gab es als gemeinsame Zugabe der beiden Ensembles Mendelssohns "Er hat seinen Engeln befohlen" zu hören, womit sich der thematische Kreis des Programms schloss. Ein atemberaubendes Konzert.