Tanztheater

Das Freiburger Aktionstheater Panoptikum probt in der Lokhalle an einem großen Tanztheaterstück

Julia Littmann

Von Julia Littmann

So, 21. August 2022 um 10:00 Uhr

Freiburg

International, anspruchsvoll und lehrreich ist die neue Tanzproduktion von Panoptikum. Hier kommen junge Tänzerinnen und Tänzer aus elf europäischen Ländern zusammen.

Mit dem Wischmopp in der Hand beginnt Regieassistentin Cosima Dudel ihren Arbeitstag bei den Proben zu "People Power Partnership". Selbst studierte Tänzerin, auch zuvor schon Mitwirkende an Produktionen des Aktionstheaters Panoptikum, hat sie für das neue vielgestaltige Stück die Seiten gewechselt ins Produktionsteam.

Das morgendliche Zupacken tut sie mit allen, die schon vorm Aufwärmtraining in der Lokhalle ihre eher banalen Pflichten erfüllen. Zu viert wird – zum Beispiel – die Bühne draußen nach einer durchregneten Nacht sorgfältig tanzbar abgetrocknet. Alle 34 Tänzerinnen und Tänzer, die hier nachher für die Premiere am 9./10. September proben, sind im "Job-Plan" eingetragen. "Wir wollen, dass alle, die hier mitwirken, auch begreifen, was alles zu so einem großen Ganzen gehört", erklärt Theatermacher Matthias Rettner, "zum Gelingen gehört auch das Drumherum, wer selber dazu beiträgt, begegnet allem mit Respekt."

Respektvoll und aufmerksam

Respekt und Aufmerksamkeit für die Anderen, das nennen auch die Schwedin Julia Kristofferson, 23, und die Portugiesin Sofia Santos, 22, ein ganz zentrales Anliegen, das weit über die hochprofessionelle tänzerische Arbeit hinausweist. Auch sie haben Tanz studiert und erkunden seit Jahren die internationale Tanzszene. Dass hier Arbeit an einer Produktion mit einem dreitägigen Team-Building begonnen hat, berührt alle sehr, erzählen sie – und Julia Kristofferson ergänzt: "Kunst hat mit Liebe zu tun, mit Hinwendung und Verbindung. Nicht im Sinne einer Komfortzone, sondern als sicherer Ort, in dem auch stattfinden kann, dass man scheitert. Dass Liebe abhanden kommt, dass man streitet. Das ist Leben. Und das ist Kunst."

Ein vielfältig grenzüberschreitendes Projekt

Menschen aus sehr, sehr unterschiedlichen Situationen und Regionen kämen in diesem riesigen Projekt zusammen, um ein großes Gemeinsames zu schaffen, sagt Sofia Santos: "Mit dem Blick darauf, den wir hier haben, ist das nicht nur eine enorme künstlerisch-tänzerische Erfahrung, sondern auch ein unschätzbarer Gewinn für unsere Haltung – wir bekommen eine Idee davon: So wollen wir auch in Zukunft arbeiten, ohne dieses Konkurrierende, das alles kreative Miteinander erstickt!" Für Regisseurin Sigrun Fritsch weist das Projekt auch in anderer Hinsicht in die Zukunft: "Es ist vielfältig grenzüberschreitend – und zwar nicht nur geografisch, sondern auch künstlerisch." Während nämlich Tanz quer durch Europa längst sehr weiträumig gedacht und gemacht werde, hinke Deutschland noch weit hinterher: der akademisierte Tanz, Ballett, Jazzdance auf der einen Seite, der banalisierte Urban Dance auf der anderen – nicht wirklich anerkannt und angekommen in der sogenannten Hochkultur. In Frankreich, so die Regisseurin, hat man schon vor 20 Jahren den Hiphop in die Opernhäuser geholt.

34 Tänzerinnen und Tänzer

In der Lokhalle sammeln sich an diesem Morgen alle 34 Tänzerinnen und Tänzer um den Choreografen Janis Putnins aus Riga, üben Schrittfolgen, schnell und langsam, weich und kantig, drehen, stehen, lockern sich. Mit ihnen übt, wer kann, auch Kien Trinh, ebenfalls Choreograf in dieser Produktion, und auch Cosima Dudel ist dabei: Später auf der Bühne wird sie, wo nötig, einspringen. Mit ihren 24 Jahren ist die Freiburgerin von klein auf tänzerisch unterwegs. Parallel zu den aktuellen Proben und der Arbeit als Regieassistentin muss sie noch eine andere Aufgabe bewältigen: Ende August wird sie online die letzte ihrer Bachelorprüfungen für Tanz im holländischen Tilburg ablegen.

Die hat Ellinor Ødegård Staurbakk, 25, längst hinter sich. Auf den Lofoten in Norwegen aufgewachsen, hat sie Tanz in Spanien studiert und in England mit dem Master abgeschlossen. Sie liebt die Fokussierung im Ballett, die kleine Soloproduktion, und ist doch Fan von People Power Partnership: "Jeder von uns kann an seiner Technik feilen, du kannst alles trainieren – aber die Inspiration, die aus dieser großen Verschiedenheit aller Tänzer kommt, ist unfassbar!"

Gut zu sehen bei der Probe auf der Bühne. Szene 7, "destruction", Zerstörung. Über der großen Bühne im 45-Grad-Winkel fast gleich groß: eine Spiegelfläche. Der Spiegel ist mehr als nur Projektionsfläche, er reflektiert, was auf der Bühne an Bewegung und Stillstand stattfindet, stellt es auf den Kopf und ist Gegenüber. Die Körper auf der Bühne sortieren sich zu einer geschmeidigen Schlange, zu einem pulsenden Organismus, mal harmonisch, dann wie aus dem Tritt – die Dissonanz, die "Zerstörung", destruction, hohe Konzentration, viel Fokus auf Abfolgen, Schritte, Griffe.

Einige tun das fast anstrengungslos. Zum Beispiel Gil Batista, 24, aus Lissabon. Er kommt vom Streetdance. Das streng Choreografierte macht ihm Mühe, sagt er. Die um ihn rum scheinen ihn als Orientierung zu fühlen. Die Intuition trägt ihn. "Wir sind alle so unterschiedlich", sagt Julia Kristofferson, "aber wir haben den Tanz gemeinsam. Das Gemeinsame macht uns erfolgreich." Am 9. September ist in Freiburg auf dem Platz der Alten Synagoge zu sehen, was die Akteurinnen und Akteure erarbeitet haben.

Alle Infos zu dem Projekt gibt’s auf: http://www.people-power-partnership.eu

Power to the people

Am aktuellen Tanztheaterprojekt "People Power Partnership" des Freiburger Aktionstheaters Panoptikum haben 104 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren aus elf Ländern Europas teil: Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Portugal, Rumänien, Spanien, Tschechien. Das Projekt ist 2020 mit einer ersten Phase gestartet, in der sich je zwei Gruppen mit acht jungen Mitwirkenden aus zwei Teilnehmerstädten für kleine Produktionen und Performances trafen. Seit Juli proben Gruppen aus je vier Städten einen Monat lang in Freiburg. Die jetzt proben, tanzen auch die Premiere am 9./10. September jeweils um 21.30 Uhr auf dem Platz der Alten Synagoge in Freiburg. Der Eintritt ist frei – das soll allen Teilhabe ermöglichen: Power to the People! Danach startet ein Tourjahr durch alle Teilnehmerstädte.