20. Jahrhundert

"Es gibt weiterhin Rätsel" – Mediziner und Historiker zu Grippe-Pandemien

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

So, 15. März 2020 um 09:54 Uhr

Gesundheit & Ernährung

BZ-Plus Der Mediziner und Historiker Wilfried Witte hat sich intensiv mit den Grippe-Pandemien des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Im BZ-Interview spricht er über Besonderheiten der damaligen Pandemien.

Es gab im 20. Jahrhundert drei große Grippepandemien mit verheerenden Folgen: Allein der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 fielen weltweit geschätzt zwischen 20 und 50 Millionen Menschen zum Opfer. Es gibt gravierende Unterschiede, schon medizin- und sozialgeschichtlich, aber auch Gemeinsamkeiten mit der derzeitigen Corona-Pandemie, etwa was die Stigmatisierung der Infizierten betrifft.

BZ: Herr Witte, im 20. Jahrhundert gab es die Spanische Grippe 1918, weitere große Grippepandemien folgten 1957 und 1968. Waren diese drei vergleichbar mit der Corona-Pandemie?
Witte: Das wird man erst mit zeitlichem Abstand zum epidemischen Auftreten von Covid-19 vollständig beantworten können. Bei der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 konnte man relativ klar beobachten, dass die Grippe in verschiedenen Wellen, also mit zeitlichen Unterbrechungen, aufgetreten ist. Die Spanische Grippe wird als der Prototyp einer desaströsen Pandemie angesehen: Bei der zweiten Welle starben sehr viele Menschen. Ungewöhnlich dabei war die Altersverteilung: Es sind nicht nur ganz junge und sehr alte Menschen an akutem Lungenversagen gestorben, was dem klassischen Modell der relativen Immunschwäche entspricht, sondern auch viele 25- bis 35-Jährige. Das passte in kein Erklärungsmodell.

BZ: Wie ging es dann weiter?
Witte: Dem Verdacht, den man schon 1918 hatte, dass es sich ursächlich um eine bakterielle Infektion handelte, ist man weiter nachgegangen, weniger in Deutschland, mehr in den angelsächsischen Ländern. Das hatte viel damit zu tun, dass 1892 ein Schüler Robert Kochs das vermeintlich verursachende Bakterium entdeckt hatte. In anderen Ländern wurde weiter geforscht, im Jahr 1933 wurden in Großbritannien die Influenza-Viren entdeckt.

Völlig anders als heute gab es überhaupt keine große Beunruhigung in der Bevölkerung

BZ: Was war mit der Pandemie in den 50er-Jahren?
Witte: Die sogenannte Asiatische Grippe von 1957/58 war die erste Grippe-Pandemie, die man als virologische Erkrankung, die weltumspannend, also pandemisch ...

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