Glosse

Es lebe die Blase – hoch lebe sie und laut!

Martina Philipp

Von Martina Philipp

Mi, 03. März 2021 um 15:48 Uhr

Liebe & Familie

Ein Hochlied auf ein bisschen Leben in der Nachbarschaft. Auf die Tauben auf dem Dach, auf die entfesselten Kinder auf dem Bolzplatz, auf die Prolls, die spätabends corona-nonkonform rumproleten.

Angenommen, man hat sich ziemlich viele Gedanken zu einem gesellschaftspolitischen Thema gemacht und trägt diese in einer kleinen Runde staatstragend vor. Und angenommen, jemand aus der Runde hat schlecht geschlafen, weil ihn die Vögel auf der Birke vorm Fenster am frühen Morgen geweckt haben, dann kann er sich herrlich ein bisschen abreagieren, in dem er auf den kurzen Vortrag leicht gelangweilt erwidert: "Nun ja, in deiner Blase mag das vielleicht so sein."

Das mit der Blase hört man dieser Tage öfter, und damit ist explizit nicht das dehnbare, muskuläre Hohlorgan in uns allen gemeint, sondern meist – ein bisschen verächtlich – eine kleine, nicht repräsentative Wohlstandsblase, in der sich jemand befinden soll, der keine Ahnung vom wahren Leben hat.

Das ist ein bisschen unfair, dieser Tage kommt man ja kaum rum. Blasenhopping ist nicht. Auch blasenintern passiert meist nicht viel, wer zieht schon freiwillig um in einer Pandemie. Und so hat man, während man seit einem Jahr viel Zeit daheim verbringt, seine Nachbarinnen und Nachbarn unheimlich lieb gewonnen nach dem Motto "Geteilter Lockdown ist halber Lockdown" oder so ähnlich.

Die Tauben auf dem Dach, die entfesselten Kinder auf dem Bolzplatz, die Prolls, die spätabends corona-nonkonform rumproleten, und Frau B., die oft auch schon früh wach ist – herzliche Grüße! – , vermitteln einem das Gefühl: Das Leben geht weiter.

In Japan gibt es scheinbar eine Karte, die auf Orte im Land hinweist, an denen beispielsweise viele muntere Kinder leben oder Eltern, die "stundenlang am Zaun tratschen". Ein Mann hat diese Seite Berichten zufolge mit rund 6000 solcher Orte eingerichtet, um Ruhesuchenden zu helfen. Kritiker finden das intolerant und nicht gerade förderlich für den nachbarschaftlichen Frieden. Krisengeschädigt möchte man rufen: Geschätzte Nachbarinnen und Nachbarn, grillt, spielt Flöte, singt, richtig oder falsch. Die eigene kleine Blase, sie lebe hoch, sie lebe laut.