Vermisste Wanderin

"Es spricht einiges dafür, dass die junge Frau den Weg verlassen hat"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 27. September 2020 um 16:00 Uhr

Südwest

Der Sonntag Vor zwei Wochen verschwand die 26-jährige Studentin Scarlett S. scheinbar spurlos auf einem Wanderweg. Im Schwarzwald lief darauf eine großräumige Suche an – bislang ohne Erfolg.

Am Donnerstagmorgen, den 10. September, ging die 26-jährige Studentin Scarlett S. vor ihrer geplanten Wanderung in einem Supermarkt in Todtmoos einkaufen. Eine Überwachungskamera filmte die junge Frau aus Nordrhein-Westfalen dort mit ihrem großen Wanderrucksack zwischen den Regalen. Anschließend begab sich die Frau auf die sechste und letzte Etappe des Schluchtensteigs von Todtmoos nach Wehr. Die fünf Etappen von Stühlingen bis Todtmoos hatte sie bereits hinter sich gebracht.

Von unterwegs schickte die junge Frau noch Fotos an ihre Familie. Das war das letzte Lebenszeichen der Studentin. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Eine Freundin, mit der Scarlett S. am darauffolgenden Freitag verabredet war, wartete vergebens. Am Tag darauf erstattete die Familie bei der zuständigen Polizei in Paderborn Vermisstenanzeige. Im Schwarzwald lief darauf eine großräumige Suchaktion von Polizei, Bergwacht, Feuerwehr und Rotes Kreuz an. Zwei Tage lang suchten die Helfer systematisch die Schlussetappe des Fernwanderwegs ab. Die Bergwacht Schwarzwald nahm sich sogar die gesamte Strecke des 119 Kilometer langen Schluchtensteigs vor. Zur Unterstützung kamen eine Drohne und 35 Spürhunde zum Einsatz. Die Suche dauerte bis am späten Montagabend. Dann wurde sie ergebnislos abgebrochen. Es gebe kaum mehr Hoffnung, teilte die Polizei mit.
Hintergrund: Von der vermissten jungen Wanderin aus Nordrhein-Westfalen, die auf dem Schluchtensteig unterwegs war, fehlt weiterhin jede Spur. Die Polizei veröffentlichte die letzten Aufenthaltsorte.

Am Ende der Woche gab es noch einmal ein kleines Fünkchen Hoffnung. Nach dem Hinweis, dass die Kräfte zwei versteckte, verschlungene Pfade übersehen hatten, suchten sie diese auch noch ab. Doch fündig wurden sie nicht. Die junge Frau bleibt vermisst. Selbst ein Hubschrauber mit einem Spezialgerät, das Handys in Funklöchern orten kann, brachte keinen Erfolg.

Adrian Probst, Landesvorsitzender der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister in St. Blasien, erinnert sich an nur einen vergleichbaren Fall in den vergangenen Jahren. 2015 hatte sich ein 74-jähriger Mann aus Schallstadt zum Heidelbeeren pflücken in den Schwarzwald verabschiedet. Als er am Abend nicht zurück kam, suchte die Bergwacht zuerst mit zwei Fahrzeugen die Wege ab, zwei Stunden später wurden 100 Suchkräfte, Polizei und ein Hubschrauber angefordert. Eine Woche dauerte die Suche. Der Mann gelte bis heute als vermisst, sagt Adrian Probst.

Anrufe bei der Bergwacht

Bei der Bergwacht gehen jährlich zahlreiche Anrufe wegen vermissten Menschen ein. In den meisten Fällen handelt es sich aber um keine Notlagen. Wer sich im Schwarzwald verlaufe, greife heute schnell zum Handy und alarmiere die Bergwacht, sagt Probst. Als es noch keine Mobiltelefone gab, mussten sich die Menschen selbst helfen und fanden nach einer gewissen Zeit den Weg zurück oder ein Haus oder andere Wanderer.

Die wirklichen Vermisstenfälle definieren sich durch einen Suchauftrag der Polizei. Nach einer Statistik der Bergwacht kommt das jährlich zwischen fünf und vierzig Mal vor – und geht in den allermeisten Fällen gut aus. Die Bergwacht unterscheidet drei Kategorien: Menschen mit Suizidabsicht, die nicht gefunden werden wollen, Wanderer, die sich verlaufen haben, aber in keiner medizinischen Notlage sind und Verunglückte, die sich in einer hilflosen Lage befinden. "Da erlebt man alles", sagt Probst.

"Die Wutachschlucht bei Dunkelheit ist sehr gefährlich" die Bergwacht
Tödliche Unfälle im Schwarzwald sind zwar selten, sie kommen aber vor. 2014 stürzte ein 66-jähriger Wanderer von einem nassen und schlammigen Pfad 40 Meter in die Tiefe und war tot. Das Opfer konnte zwar schnell geborgen werden, weil die Absturzstelle durch Begleiter bekannt war; die Bergung konnte aber nur mit großem Aufwand und mit Seilsicherung vorgenommen werden, berichteten die Retter der Bergwacht damals. Als sich einen Monat später zwei Frauen in der Wutachschlucht verirrten und es dunkel wurde, forderte die Bergwacht sie auf, nicht weiter zu gehen, sondern bis zum Eintreffen der Retter auszuharren. "Die Wutachschlucht bei Dunkelheit ist sehr gefährlich", warnte die Bergwacht.

Eine Suchaktion abzubrechen, sei immer eine schwere Entscheidung, sagt Bergwacht-Landesvorsitzender Probst. Irgendwann müsse man sich aber eingestehen, dass ein Weitersuchen keinen Sinn mehr mache. Nach zwei oder drei Tagen stelle sich bei den Suchkräften auch ein Stimmungswandel ein: Jetzt gehe es nicht mehr darum, einen Menschen zu retten, sondern einen Toten zu finden. "Da lässt automatisch der Wille nach", so Probst. Hinzu komme körperliche und seelische Erschöpfung nach der langen und konzentrierten Suche im unwegsamen Gelände.

Keine auffälligen Beobachtungen

Nach dem Abbruch der Suche nach Scarlett S. übernahm die Polizei in Paderborn vor einer Woche wieder die Ermittlungen. Aufgrund der Fahndungsaufrufe der Polizei in Bad Säckingen und Paderborn hatten sich einige Zeugen gemeldet, die Scarlett S. auf dem Weg oder morgens oder abends in den Etappenzielen gesehen hatten. So etwa Wanderer, die die Gesuchte am Abend vor ihrem Verschwinden in einem Imbiss in Todtmoos antrafen. Die Polizei nahm mit allen Zeugen Kontakt auf und befragte sie zu ihrer Begegnung mit Scarlett S. Auffällige Beobachtungen waren keine darunter. Somit gibt es keine Hinweise auf eine Straftat und damit waren die Ermittlungen auch in Paderborn zu Ende.

Der Schluchtensteig ist ein beliebter und in dieser Jahreszeit häufig genutzter Wanderweg. Wenn jemand auf dem Hauptweg verunglückt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er entdeckt wird. "Es spricht einiges dafür, dass die junge Frau den Weg verlassen hat", sagt daher Adrian Probst. Dann brauche es nur eine blöde Stelle und es passiere was. "Das Gebiet ist nicht ungefährlich", sagt auch Mathias Albicker vom Polizeipräsidium Freiburg, "ein Unglücksfall scheint wahrscheinlich."

Probst rät Wanderern auf dem Schluchtensteig zu einer guten Planung, die auch die Witterungsverhältnisse miteinbezieht, zu einem aufgeladenen Mobilfunkgerät und er empfiehlt dringend, Dritten vorher mitzuteilen, was man vorhat. Die Punkte eins und drei hat die geübte Wanderin Scarlett S. beherzigt. Ob ihr Handy zum Zeitpunkt ihres Verschwindens noch einen geladenen Akku hatte, ist fraglich. Trotz der geringen Hoffnung, die junge Frau noch lebend zu finden, hält Probst an seinem Leitspruch fest: Die Vermissten gelten so lange als lebend, bis sie gefunden werden.
Polizei: Die vermisste Frau führt einen auffällig roten Trekking-Rucksack mit. Möglicherweise ist dieser jemanden aufgefallen. Hinweise werden unter 07761/934500 entgegengenommen.