Libanon

Explosionen in Beirut: "Es war wie eine Atombombe"

Martin Gehlen und AFP

Von Martin Gehlen & AFP

Mi, 05. August 2020 um 07:26 Uhr

Panorama

Zwei gigantische Explosionen erschüttern die libanesische Hauptstadt – sie sind bis in das 240 Kilometer entfernte Zypern zu hören. Die Katastrophe trifft ein Land, das tief in einer Krise steckt.

Hochhäuser schwankten, Balkone krachten zu Boden, Fenster rissen aus ihren Verankerungen. Auf der Stadtautobahn entlang der Corniche von Beirut türmten sich zerbeulte Autos mit aufgerissenen Türen und aufgeblasenen Airbags. Weite Teile des Hafens und seiner Umgebung waren übersäht mit Ziegeln, Betonteilen und zerborstenen Containern. Zwei gigantische Explosionen erschütterten am Dienstagnachmittag die libanesische Hauptstadt, die bis in das 240 Kilometer entfernte Zypern zu hören waren. Handyvideos zeigten eine riesige Staub- und Feuerwalze, die sich über die umliegenden Wohnviertel wälzte. "Es war wie eine Atombombe", sagte ein Augenzeuge, ein 43-jähriger Lehrer.

Nach offiziellen Angaben vom Mittwochmorgen kamen bei dem Unglück mindestens 73 Menschen ums Leben, weitere Leichen werden unter den Trümmern vermutet. Rund 4000 Menschen wurden verletzt. Laut Ministerpräsident Hasan Diab waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat detoniert. Das Material sei seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht gewesen. Der Sicherheitschef der Regierung, Abbas Ibrahim, sagte, das Ammoniumnitrat sei seinerzeit beschlagnahmt worden. Diab kündigte an, die Verantwortlichen würden "zur Rechenschaft" gezogen. Weshalb das Ammoniumnitrat explodierte, war jedoch völlig unklar. Die Substanz kann zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Ungeachtet dessen sprach US-Präsident Donald Trump von einem "furchtbaren Angriff" mit einer "Art von Bombe". Er berief sich dabei auf Angaben von US-Generälen. Weder vom Pentagon noch den libanesischen Behörden kamen jedoch irgendwelche öffentlichen Hinweise darauf, dass es sich um einen Anschlag gehandelt haben könnte.

YouTube: Video-Aufnahmen zeigen die Explosionen in Beirut



Blutüberströmte Passanten irrten unter Schock durch die Straßen. Zahlreiche Besatzungsmitglieder von im Hafen liegenden Schiffen wurden durch die Druckwelle herumgeschleudert und verletzt. In dem hafennahen Einkaufsviertel Hamra blieb kaum ein Geschäft, Café oder Restaurant unbeschädigt. Gebäudeteile lösten sich, reihenweise gingen Schaufenster zu Bruch. Autos wurden von Trümmern getroffen.

Die Katastrophe trifft den Libanon zu einem Zeitpunkt, an dem das Land in der schwersten Wirtschafts- und Staatskrise seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 steckt. Der Zedernstaat, einst gepriesen als "die Schweiz des Orients", ist bankrott. In seinem maroden Bankensystem sind mindestens 80 Milliarden Dollar versickert, wahrscheinlich sehr viel mehr. Der Wert der libanesischen Lira fällt seit Monaten ins Bodenlose, die Gehälter haben mittlerweile 80 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt. Breite Teile der Bevölkerung haben wegen der Inflation ihre Ersparnisse verloren. Die Hälfte aller Libanesen lebt an der Armutsgrenze. Immer mehr Geschäfte müssen schließen.

Der Libanon hat auch ein massives Corona-Problem

Krankenhäuser können ihr Personal nicht mehr bezahlen, während die Zahl der Corona-Infektionen seit Anfang Juli rasant steigt. Weite Teile des Landes sind jeden Tag bis zu 20 Stunden ohne Strom. Selbst die Hauptstadt Beirut liegt abends weitgehend im Dunkeln. Stinkende Müllberge stapeln sich in den Straßen. Die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) stecken in einer Sackgasse, weil sich Beiruts politische Klasse nicht auf ein Reformprogramm einigen kann.

Zudem will das "Sondertribunal für den Libanon" (STL) in Den Haag diese Woche Freitag nach sechs Jahren Prozess das Urteil im Hariri-Prozess verkünden. Vor 15 Jahren wurde der Milliardär und langjährige Ministerpräsident Rafik Hariri in Beirut durch eine Zwei-Tonnen-Lastwagenbombe getötet, die eine ganze Häuserzeile in Schutt und Asche legte. Mit ihm starben damals 21 Menschen, 226 wurden verletzt. Angeklagt sind vier Tatverdächtige der Hisbollah. Alle sind untergetaucht, niemand ist bis heute gefasst. Und so könnten die Urteile angesichts der aufgewühlten Lage im Land die Spannungen zwischen der schiitischen Hisbollah und den sunnitischen Libanesen neu entfachen.