Aktion Weihnachtswunsch

Fachklinik bei Steinen hilft suchtkranken jungen Menschen aus ganz Deutschland

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Mi, 08. Dezember 2021 um 12:57 Uhr

Steinen

Jungen Menschen aus ihrer Sucht zu helfen und ihnen neue Lebensperspektiven aufzuzeigen: Das ist das Ziel der Fachklinik Haus Weitenau. Die BZ unterstützt die Einrichtung schon seit vielen Jahren.

Seit vielen Jahren unterstützt die Badische Zeitung im Rahmen ihrer weihnachtlichen Aktion "Hilfe zum Helfen", die Fachklinik Haus Weitenau nahe Steinen. Die Klinik genießt überregional einen ausgezeichneten Ruf als bundesweit eine der wenigen stationären Einrichtungen zur Rehabilitation suchtkranker Jugendlicher."Wenn jemand einen suchtkranken Jugendlichen hat, dann denkt er an die Fachklinik Haus Weitenau", sagt Psychotherapeut Andreas Kleiner, der Leiter des Hauses.

52 Patienten kann er in der von einem imposanten Kirchturm und den historischen Gebäuden des einstigen, fast 1000 Jahre alten Klosters Weitenau geprägten Reha-Einrichtung unterbringen. So manch einen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat die Deutsche Rentenversicherung aus Leipzig oder Berlin schon in den südlichen Schwarzwald, an die Austraße 2-5, so die postalische Anschrift, geschickt.

Bis ans andere Ende der Republik ist also der Ruf gedrungen, dass hier an der Landesstraße 135, die nach Schlächtenhaus und dann hinauf zur Scheideck führt, hervorragende Arbeit geleistet wird, um junge Menschen von ihrer Alkohol- und Drogensucht weg und über ein breitsortiertes Therapieangebot möglichst zu einem selbstbestimmten Leben zu führen, auf dass sie in der Gesellschaft einen Platz finden.

Konzentration auf Jugendliche war ein neuer Ansatz

Anfang der 2000er Jahre fiel die Entscheidung des schon damals für seine Suchttherapie bekannten Hauses, sich fortan verstärkt auf die Betreuung suchtkranker Jugendlicher zu konzentrieren. "Ein solches Profil gab es damals noch nicht, sagt Klinikchef Kleiner. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut steht der Fachklinik seit sieben Jahren vor und arbeitet dort bereits im 20. Jahr.

Die Arbeit ist mit den Jahren immer noch ein wenig anspruchsvoller geworden, weiß Kleiner. Wer als Jugendlicher mit einer Suchterkrankung – zumeist geht es um Alkohol oder Drogen – im Büro des Klinikleiters landet, schleppt in der Regel schon einiges mit sich in seiner jungen Biographie. Am Beginn des Weges in eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit stehen nicht selten überforderte, selbst abhängige oder zur Liebe unfähige Eltern – aus allen Gesellschaftsschichten übrigens. Auch seelische Probleme zählen zu den Gründen, weshalb ein junger Mensch zur Flasche oder zum Rauschgift greift. Die Sucht ist dann, so Kleiner die "verfehlte Strategie" um mit diesen Schwierigkeiten klarzukommen. Am Ende stehen oft ein Schulabbruch, ein Leben auf der Straße und ziemlich viel Hoffnungslosigkeit. Der Therapeut weiß auch, dass es für den junger Mann/die junge Frau, die zum ersten Mal vor ihm sitzt, bereits einige mobile Hilfsangebote gab.

Die stationäre Einweisung ist schließlich stets die Ultima Ratio, wenn die mobile Hilfe an Grenzen gelangt. Und er weiß, dass die Sucht in der Regel Begleiterscheinungen hat: Depressionen, ADHS, posttraumatische Belastungsstörungen, eine fehlende Impulssteuerung und ein deutlich erhöhtes Aggressionspotenzial.

Im Haus Weitenau sind die jungen Menschen – rund 80 Prozent sind männlich – in zwei Abteilungen, eine für die 15 bis 21-Jährigen, die andere für 21 bis 30-Jährigen untergebracht. Bis zu neun Monate haben sie Zeit, an ihrem ganz speziellen Weg aus der Sucht zu arbeiten. Und 67 Mitarbeitende, die in der Fachklinik beschäftigt sind, arbeiten kräftig daran mit, dass in diesem "Schon- und Schutzraum", jeder Einzelne ein persönliches Konzept entwickelt, um künftig mit seiner Situation besser und vor allem ohne Suchtmittel zurechtzukommen.

Breitgefächertes Angebot von Theater bis zur Therapie

Das Angebot im so idyllisch gelegenen Haus Weitenau ist dabei bemerkenswert. Da ist – ein Alleinstellungsmerkmal für Einrichtungen dieser Art – die Schule auf dem Klinikgelände. Hier kann vor Ort der Hauptschulabschluss nachgeholt werden. Hilfestellung gibt es sogar bis zum Abitur. Und wer die Schule einmal abgebrochen hat, kann sich mit dem Lernen, dem frühen Aufstehen, dem pünktlichen Erscheinen im Unterricht wieder anzufreunden – schon das ist Teil der Therapie. Dann ist die Werkstatt, in der anhand diverser Maschinen die handwerklichen Fähigkeiten entwickelt werden können.

Wir sind ziemlich handlungsorientiert." Klinikleiter Andreas Kleiner

In einem Gewächshaus hinter dem Kirchturm lässt sich ausprobieren, ob die Arbeit mit Pflanzen hilfreich ist, um das zu entwickeln, was jeder Mensch braucht für ein selbstbestimmtes Leben: innere Zufriedenheit. Es gibt eine Küche und eine Hauswirtschaftsschule.

"Wir sind ziemlich handlungsorientiert", sagt Klinikleiter Kleiner. Hinzu kommen Ansätze aus der Theatertherapie (Psychodrama), Reiten, diverse sportliche Aktivitäten, aber auch die klassische Psychotherapie. Das Volleyballfeld neben dem Gewächshaus erfreut sich enormer Beliebtheit und hat erst jüngst – auch mit 7000 Euro aus der BZ-Weihnachtsaktion – eine nagelneue Flutlichtanlage erhalten.

Ein wichtiger Baustein in diesem Angebot sind auch die diversen Praktika, die die jungen Gäste in den Betrieben des Landkreises absolvieren können. Klinikleiter Andreas Kleiner ist unendlich dankbar für die enorme Unterstützung aus der Wirtschaft vor Ort und für die Geduld, die so mancher Ausbildungsleiter für die nicht immer ganz einfach gestrickten Praktikanten aufbringen.

Das Leben ist zunächst streng strukturiert

Sechs Monate verbringen die Jugendlichen in der Regel an der Austraße, ihr Leben ist zunächst recht streng strukturiert, die Tagesabläufe sind klar gegliedert – wichtig für Menschen, denen es ein ganzes Leben lang an Struktur gefehlt hat. Anschließend geht es in eine Adaptionseinrichtung nach Maulburg, wo in WGs gelebt, selbstständig in die Praktika gegangen wird, ein Leben in größerer Selbstständigkeit ausgetestet werden kann. Im besten Falle hat der junge Mensch am Ende genug an psychischer Kraft, aber womöglich auch Lebensfreude entwickelt, um für die ihm noch bevorstehenden Lebensjahrzehnte besser gewappnet zu sein. Manch einen seiner Klienten sieht Andreas Kleiner auch wieder, einige schaffen vielleicht beim ersten Mal nicht einmal die neun Monate im Haus Weitenau. Alles nicht schlimm, findet Andreas Kleiner – wenn sich der junge Mensch nur nicht aufgibt.
Spenden

Sparkasse Lörrach-Rheinfelden IBAN: DE25683500480001008820
Volksbank Dreiländereck
IBAN: DE 95683900000000003131

Haus Weitenau:

Träger der Fachklinik ist der baden-württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation. Kostenträger ist die Deutsche Rentenversicherung. Einweisungen erfolgen auch über die Krankenkassen, Sozialhilfeträger und Jugendhilfen. Die 52 Plätze sind in der Regel ausgebucht, die allermeisten Patienten (80 Prozent) sind männlich.

Kontakt: Ramona König, Telefon 07627/7085-111. Mail: ramona-kö[email protected] oder [email protected]

Homepage: http://www.bw-lv.de