Schmutziger Dunschdig

Fasnet: Wie fühlen sich die Hochschwarzwälder Bürgermeister ohne richtige Entmachtung?

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

Do, 11. Februar 2021 um 07:19 Uhr

Titisee-Neustadt

Normalerweise übernehmen die Narren ab dem heutigen Schmutzigen Donnerstag die Macht auf den Rathäusern. In diesem Jahr bleiben die Bürgermeister im Amt. Eine Umfrage im Hochschwarzwald.

Jahr für Jahr war am Schmutzigen Donnerstag klar: Die Narren übernehmen bis Aschermittwoch die Macht auf den Rathäusern, für die Bürgermeister hieß es "Schlüssel abgeben". Eng und feucht-fröhlich ging es dabei meistens zu – in Zeiten von Corona ein Ding der Unmöglichkeit. Wie es den Hochschwarzwälder Bürgermeistern damit geht, dass sie zum ersten Mal nicht entmachtet werden können, was mit dem Rathausschlüssel passiert und welche Alternativen sie sich überlegt haben, zeigt eine Umfrage unter den zehn Rathauschefs.

Titisee-Neustadt
"Es ist natürlich sehr schade, dass die schönste Zeit des Jahres dieses Mal nicht so gefeiert werden kann, wie sonst. Wir haben uns aber mit den heimischen Zünften ein Ausweichprogramm überlegt", sagt Bürgermeisterin Meike Folkerts. Über @folkerts_meike – ihren Instagram-Kanal – oder später auf Abruf kann der Online-Narrenempfang verfolgt werden. "Mit viel Wehmut und Gedanken an die tollen Feste und Traditionen wird bei uns in diesem Jahr weitergearbeitet. Wir haben viele Projekte, die wir weiter voranbringen wollen, es gibt also genug zu tun. Mit jedem Blick auf den Narrenbaum vor dem Rathaus fällt das natürlich etwas schwerer als sonst", sagt die Bürgermeisterin. Noch stehe der Rathausschlüssel sicher bei ihr im Schrank, " ich habe da aber so eine Befürchtung, dass sich das am Donnerstag schon ändern könnte". "Der Närrin in mir fällt das Arbeiten natürlich schwer. Seit ich denken kann, gehört die Fasnet zu den Highlights des Jahres."

St. Märgen
Ein kleines digitales Narri-Narro plant Bürgermeister Manfred Kreutz. Vermutlich werde coronakonform auch ein kleiner Narrenbaum zusammen mit den Betzitglunki aufgestellt. "Ansonsten arbeiten wir ganz normal, Pflegepersonal kann auch keine Fasnet machen", findet Kreutz. Es sei durchaus ein seltsames Gefühl, dass das liebgewonnene Ritual dieses Jahr ausfalle. "Doch dafür gibt’s nächstes Jahr die doppelte Ration Wein, Saft und Brezeln", kündigt er an.

Hinterzarten
"Wir arbeiten dieses Jahr in der gesamten Fasnetzeit normal. Es wird Berliner geben für die Mitarbeiter, die nicht im Homeoffice sind", sagt Bürgermeister Klaus-Michael Tatsch. "Ich werde versuchen, die Arbeit der Narren hier im Rathaus zu übernehmen, vielleicht mache ich dazu eine Online-Schaltung zu den Hinterzartener Narren für meine Unterstützung." Der Schlüssel bleibe, wo er ist, "wird aber entstaubt und poliert, damit er im nächsten Jahr wieder glänzend übergeben werden kann".

Friedenweiler
"Grundsätzlich ist am Donnerstag nun leider ein ganz normaler Arbeitstag. Meine Kollegen werden auf ihren Posten sein. Damit wir die Fasnacht nicht ganz vergessen, werde ich meine Fasnachtsleiter im Büro aufstellen. Sie steht normalerweise zu Fasnacht in unserer Wohnung. An die Leiter werden die Masken meiner Zünfte gehängt plus die mittlerweile beachtliche Sammlung von Zwanziger-Orden", sagt Bürgermeister Josef Matt. Er werde versuchen, pünktlich um 11.11 Uhr eine Videoschalte "mit meinen Fasnachtsprotagonisten auf den Weg zu bringen. Dann werden wir uns mit einem Bier zuprosten. Das Bier möchte ich am Mittwochabend vor die jeweilige Wohnungstür stellen. Das wird es dann gewesen sein. Es gibt eine Hoffnung: Am Aschermittwoch goht’s wieder degege".

Eisenbach
"Schade, tatsächlich wird es für mich ein normaler Arbeitstag zum ersten Mal in doppelter Weise – einmal, da ich erst seit letztem Jahr im Juni Bürgermeister der Gemeinde Eisenbach bin und bei meiner ersten Fasnet in dieser Funktion keine närrische Entmachtung in gewohnter Weise durchgeführt wird", sagt Bürgermeister Karlheinz Rontke. "Mal schauen, ob wir in diesem Jahr gemeinsam miteinander regieren oder ob mir die Narren Urlaub geben." Es gebe in Eisenbach eine kleine, coronakonforme Entmachtung, "indem ich den Schlüssel am Seil aus dem Fenster des Bürgermeisterzimmers zu unserem Narrenvater Manuel Peghini herunterlasse".

Schluchsee
Närrisch geschmückt ist das Schluchseer Rathaus schon seit einigen Tagen: "Die Kindergartenkinder aus der Notbetreuung haben fleißig gebastelt und eine Erzieherin hat die Deko an einem Nachmittag im Rathaus aufgehängt", berichtet Bürgermeister Jürgen Kaiser, für den der Schmutzige Donnerstag "ein ganz normaler Arbeitstag" wird – zum ersten Mal. Dem bekennenden Schluchseeglunki "blutet zwar das Herz". Doch Sicherheit gehe vor: "Und deshalb lassen wir es dieses Jahr komplett, bevor wir uns möglicherweise immer an der Grenze zu dem bewegen, was erlaubt ist und was nicht." Natürlich fehle ohne die Fasnet etwas, "denn wir haben in Schluchsee an Fasnet eine tolle Stimmung und ein tolles Miteinander – und freuen uns jetzt einfach auf das nächste Jahr".

Löffingen
In Löffingen werde der "Schmutzige" nie ein ganz normaler Arbeitstag sein, sagt Bürgermeister Tobias Link. Die Laternenbrüder planen eine virtuelle Entmachtung des Bürgermeisters – "natürlich mit Schlüsselübergabe, sodass ich mich durchaus bis zum Aschermittwoch als entmachtet fühlen werde". Ihm werde das unbeschwerte Zusammensein fehlen. "Ich bin jedes Jahr erstaunt, wie kreativ Bürgerinnen und Bürger bei der Ausgestaltung von Wagen und Kostümen sind. Ich bin sehr froh, dass ein Bunter Abend am Freitag ab 20.11 Uhr online veranstaltet wird und hoffe, dass dieses Format auf viel Interesse stößt." Es sei schon ein komisches Gefühl, an diesen Tagen normal zur Arbeit zu gehen.

Breitnau
Der Narrenbaum werde vermutlich am Donnerstag coronakonform vor dem Rathaus aufgestellt, berichtet Bürgermeister Josef Haberstroh. "Und ich werde für meine Rathausmannschaft etwas Gebäck einkaufen und auf den Schreibtischen verteilen." Doch sonst arbeiten sein Team und er an den närrischen Tagen "ganz normal im Rathaus" und der Rathausschlüssel bleibt im Schrank – in der Hoffnung, dass all das, was in diesem Jahr nicht möglich ist, in einem Jahr wieder geht.

Feldberg
"Mir gen in d’Fasnet Rothus Corona Quarantäne – heißt: mir sin do – auf hochdeutsch: Es wird dieses Jahr im Rathaus ein ganz normaler Arbeitstag sein", sagt Bürgermeister Johannes Albrecht. Die Narren in der Gemeinde nutzten sicherlich verschiedene Online-Fasnet-Plattformen, um "e klei weng On-Lein-Fasnet z’fiere. I lueg e mol, wa do alles so chumt". In Feldberg soll der Schlüssel an einer Lein(e) vom Rathaus an die Bären um 11.11 Uhr heruntergelassen werden – "sozusagen der Startschuss für die grenzenlose coronakonforme On-Lein-Fasnet rund um den Feldberg". Ihm fehle der Umzug der Kinder zum Rathaus, das Narrenbaumstellen, die Fütterung des Narrensamens. "Ich erinnere mich an meine Kindheit zurück, wie wichtig die Fasnet für mich war. Wir gingen damals sogar närrisch verkleidet Skifahren, was dieses Jahr leider auch nicht möglich ist. Vielleicht sehen wir einige närrische Schlittenfahrer, Langläufer oder Schneemänner."

Lenzkirch
"Wir haben uns an diesem Tag bereits für eine Online-Konferenz des Wirtschaftsministeriums zum Thema Mobilfunk/5G angemeldet", berichtet Bürgermeister Andreas Graf. "Dies wäre an einem normalen Schmutzigen Donnerstag undenkbar gewesen." Im Rathaus versüßen sie sich die Arbeit mit Berlinern und Scherben, die Fahne wird hängen, viele Mitarbeiter kommen in Verkleidung. "Nun muss ich leider bis Aschermittwoch alles selber machen. Üblicherweise wandern alle Akten während der Fasnet in die Schränke und nach dem Motto Aus den Augen – aus dem Sinn bleiben sie dort bis Aschermittwoch, in der Hoffnung, dass sich manches von alleine erledigt." Während der Furtwanger Bürgermeister den Rathausschlüssel bereits per Post an die Narren verschickt hat, "verschicken wir in Anbetracht der Haushaltslage derzeit nur noch Steuerbescheide", sagt Graf schmunzelnd. Natürlich fehle etwas, denn "die Tradition der Fasnet ist immer im Blut".