Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

First Responder helfen, bis der Krankenwagen kommt

Silas Schwab

Von Silas Schwab

Mi, 09. Oktober 2019 um 15:14 Uhr

Löffingen

Markus Kech aus Löffingen ist einer von etwa 80 "Helfern vor Ort" im Landkreis. In Situationen, in denen jede Minute zählt, sind sie oft schneller zur Stelle als der Rettungsdienst.

Oft geht es ganz schnell. Ein bisschen Unwohlsein, ein kurzer Schmerz und schon geht es um Leben und Tod. Gerade bei einem Herzinfarkt kann jede Minute entscheidend sein. Sobald ein Notruf abgesetzt wurde, piept es deshalb am Hosenbund oder auf dem Nachttischen von sieben Frauen und Männern in Löffingen: Die sogenannten Helfer vor Ort werden gerufen. Unter ihnen ist Markus Kech, der die Leidenschaft zum Retten mit 43 Jahren und mehr als 100 Einsätzen zu seinem Beruf machen will.

In sieben bis acht Minuten vor Ort

Innerhalb von 15 Minuten sollen Rettungswagen in Baden-Württemberg im Notfall eintreffen. In einigen Fällen ist das zu spät, in manchen geht es sogar noch deutlich länger. Ist der Löffinger Rettungswagen bereits woanders im Einsatz, kann es dauern, bis die Retter aus Neustadt oder Bonndorf anrücken. Aus diesem Grund wurden in Löffingen vor sieben Jahren die sogenannten First Responder ins Leben gerufen. Sie sind meist schon nach sieben bis acht Minuten vor Ort. Inzwischen werden sie zur leichteren Verständlichkeit Helfer vor Ort genannt. "Im Grunde wollen wir die Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft, sinnvoll überbrücken", erklärt Markus Kech die Rolle dieser Retter. Einfach, schnell, unkompliziert – das sind Worte, die Kech häufig findet, wenn er über die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes und der Helfer vor Ort spricht. Das ist sie aber nicht immer.
Helfer vor Ort

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald hat das Deutsche Rote Kreuz sieben Helfer-vor-Ort-Gruppen. Diese sind Teil der Ortsvereine in Buchenbach, Eichstätten, Hexental, Stegen, Lenzkirch, Löffingen und Vogtsburg. Insgesamt sind rund 80 Helfer vor Ort rund um die Uhr auf Abruf als Retter unterwegs. Wer mitmachen möchte, benötigt die entsprechende Helfergrundausbildung. Die Ansprechpartner der Ortsvereine und die Servicestelle Ehrenamt in der Freiburger Geschäftsstelle des DRK freuen sich über Interessierte, die die Helfer-vor-Ort unterstützen wollen. Nähere Infos erteilt Nabila Munz, 0711/5505-248, n.munz@drk-bw.de

Alle Helfer vor Ort sind mit Piepsern ausgestattet. Ist der Löffinger Rettungsdienst schon unterwegs und ein Notruf trifft ein, werden sie alarmiert und treffen sich auf der Wache bei der Kirche. "Wir wohnen alle hier im Umkreis – das geht schnell." Zu zweit oder dritt fahren sie los, ausgestattet wie der Rettungsdienst, nur ohne EKG, Beatmungsgerät und Medikamente. Jährlich kommen sie auf 70 bis 80 Einsätze. Manchmal sind es drei an einem Tag, manchmal gibt es wochenlang keinen einzigen. In seltenen Fällen sind alle Helfer verhindert, dass sie ausrücken, ist keine Pflicht. "Nachts denken wir nicht groß drüber nach und rennen los, aber bei der Arbeit oder wenn ich mit den Kindern allein daheim bin, geht es halt auch mal nicht", sagt Kech. Gewissensbisse seien da fehl am Platz. "Sonst bekommt man irgendwann Burnout."

Vor fünf Jahren wurde Kech in die kleine Gruppe der Helfer vor Ort aufgenommen. Über die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft hatte ihn seine Freundin zum DRK gelotst – und das, obwohl er sich nach dem Schulabschluss gegen einen Zivildienst und für den Dienst an der Waffe entschieden hatte. "Blut kann ich nicht sehen – dachte ich mir damals." Dann kam aber alles anders: Er machte den Sanitätshelfer, hängte den Rettungshelfer an und setzte noch den Rettungssanitäter drauf. Alles parallel zum Vollzeit-Job und der Familie. Ob das nicht ein unglaublicher Zeitaufwand war? "Ja, schon. Aber wer will, der kann", sagt er. Im September wechselt er von seinem Job als Schreiner in Donaueschingen fest in den weißen Wagen mit dem roten Kreuz nach Löffingen. Eine späte Berufung für den gebürtigen Löffinger.

"Man darf so etwas nicht in sich reinfressen, dann kann man diesen Job nicht machen." Markus Kech
An seine ersten Einsätze erinnert sich Kech noch gut. Sein Puls habe gerast, wenn der Piepser runterging. Er sei nervös gewesen und froh, einen erfahrenen Kollegen an der Seite zu haben. "Die erste Reanimation werde ich nie vergessen", schildert er. Das Funkgerät zeigte das Stichwort des Einsatzes schon an: Reanimation. Die Straße des Einsatzes kannte Kech zwar, er musste aber trotzdem nochmal in der Karte nachschauen. Mit einem Kollegen fuhr er los. Sie waren früh am Einsatzort, konnten es aber nicht mehr schaffen. Der Patient starb. Danach wurde darüber gesprochen. "Man darf so etwas nicht in sich reinfressen, dann kann man diesen Job nicht machen", weiß Kech. Das war nicht seine letzte erfolglose Reanimation. Wie viele es waren, kann er nicht sagen. "Ich habe nicht mitgezählt." Kech kommt damit relativ gut klar, ohne kühl oder emotionslos zu wirken. "Mit Niederlagen muss man klarkommen", beschwört der Rettungssanitäter. Besonders helfen ihm Gespräche mit den Kollegen, aber auch ein Kriseninterventionsteam steht den Rettern zur Seite.

Im Schnee brauchte der Rettungswagen 45 Minuten

Die Helfer vor Ort kommen in fast allen Fällen als Erste zum Patienten. "Unsere Hauptaufgabe ist dann, zu beruhigen." Sie ergreifen erste Maßnahmen, machen die Atemwege frei, stillen Blutungen und nehmen erste Daten auf. Meist ist die Zeit schnell vorbei, bis der Rettungsdienst eintrifft. "Wir haben unser Schema, das arbeiten wir ab – nur selten müssen wir auch mal warten", sagt Kech. Die längste Wartezeit hatten sie mal im Winter, als der Rettungswagen erst nach 45 Minuten kam. Nicht auszudenken, was ohne die Helfer vor Ort mit dem Patienten passiert wäre. Wenn der Krankenwagen eintrifft, übergeben die Helfer vor Ort umgehend an den diensthabenden Rettungsdienst. Je nachdem, wo der Patient liegt, sind sie ganz froh, die ehrenamtlichen Helfer als Unterstützung zu haben. In jedem Fall froh sind die Angehörigen der Patienten und die Patienten selbst. "Wenn man die Leute später im Städtle trifft und positive Rückmeldungen bekommt, weiß man warum man das macht", sagt Markus Kech. Oft hört er: "Gott sei Dank, seid ihr so schnell da gewesen." Aber die größte Motivation, "das sind eigentlich nur fünf Buchstaben: Danke".

Als Bereitschaftsleiter des Ortsvereins kämpft Kech auch mit den Nachwuchssorgen, besonders bei den Helfern vor Ort. Der Aufwand sei mit acht Doppelstunden Unterricht und Übungen alle zwei Jahre, nicht besonders groß – der Dank dafür umso größer. "Man darf nicht immer fordern, sondern muss der Gesellschaft auch mal was zurückgeben."