Sicherheit

Fragen und Antworten: Wie verläuft der Rückbau des Akw Fessenheim?

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mi, 16. Oktober 2019 um 12:59 Uhr

Südwest

Schon in vier Monaten geht Reaktor 1 in Fessenheim endgültig vom Netz. Ende Juni soll das Akw abgeschaltet sein. Welche Sicherheitsaspekte sind dabei zu beachten, und was bleibt nach dem Abriss?

Ende Juni soll das Akw Fessenheim vollständig abgeschaltet sein. Bislang ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen, wie der Betreiber Electricité de France (EdF) vorbereitet, was danach folgt. Über den Abriss und Sicherheitsfragen haben deshalb Vertreter von EdF und der französischen Atomkontrollbehörde (ASN) bei einer öffentlichen Sitzung der Überwachungskommission Fessenheim (Clis) debattiert.

Was hat es mit den konkreten Abschaltterminen auf sich?

Am 27. September legte sich EdF endlich fest und hat die Stilllegung des Akw Fessenheim für den 22. Februar und den 30. Juni 2020 angekündigt. Diese Termine sind keineswegs beliebig. Sie orientieren sich an den Betriebszyklen der beiden Reaktoren. Prinzipiell könnten sie sich um wenige Tage verschieben. "EDF hat jedoch ein Interesse daran, den Zeitplan einzuhalten, unter anderem, weil mehr Beschäftigte vor Ort benötigt werden, so lange noch Brennmaterial gelagert wird", sagt Pierre Bois von der ASN Straßburg.

Was bleibt nach dem Rückbau?

Ende September hat der Betreiber auch einen Rückbauplan abgegeben, 59 Seiten stark, der bis zur endgültigen Stilllegung 2020 überarbeitet und erweitert wird. Diese Fassung muss dann auch vom zuständigen Ministerium genehmigt werden. Aus dem vorliegenden Papier geht unter anderem hervor, dass EdF nach der Zerstörung der Gebäude Teile der Fundamente im Boden belassen und auffüllen will. Ein Vorschlag, der bei Atomkraftgegnern auf heftige Kritik stößt.



André Hatz von Stop Fessenheim forderte in der Sitzung am Dienstag, dass restlos alles beseitigt, die Natur in den Ursprungszustand (soweit möglich) zurückversetzt werden müsse. Pierre Bois von der Atomkontrollbehörde war in diesem Punkt zurückhaltend. Die ASN hat zu den Dokument noch nicht abschließend Position bezogen.

Welche Risiken bestehen auf dem Akw-Gelände nach der Abschaltung?

EdF will das bis zur Abschaltung benötigte Brennmaterial innerhalb von drei Jahren nach der Abschaltung abtransportiert haben. Einen Zeitplan, den die ASN für ehrgeizig, jedoch für machbar und wünschenswert hält. Bis 2025 sollen dem Rückbauplan zufolge 99,9 Prozent aller radioaktiven Quellen evakuiert sein und der eigentliche Rückbau kann beginnen. EdF kalkuliert mit 380.000 Tonnen Altmaterial. Zu 94 Prozent handele es sich dabei um Stahl und Beton. Die verbleibenden rund 6 Prozent seien nicht hoch radioaktiv. Sie bewegen sich in den unteren bis mittleren Kategorien für verstrahltes Material.

Wie werden die Abklingbecken gesichert?

Sind die Reaktoren erst einmal abgeschaltet, geht die größte Gefahr von den Abklingbecken aus, wo das zuletzt gebrauchte Brennmaterial unter Wasser bis zum Abtransport gelagert wird.

Die französische Atomkontrollbehörde hat vor allem den ersten Monat der Lagerung im Blick. In diesem Zeitraum sei die Strahlung noch relativ hoch, so Pierre Bois, der Abfall aber auch der stärkste im Gesamtverlauf des Aktivitätszerfalls. Bei der Sicherung der Abklingbecken, betonte Bois am Dienstag mehrfach, werde die ASN keine Zugeständnisse machen. Wasser- und Stromzufuhr müssten gegen äußere Einwirkungen abgesichert sein.

Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer begrüßte, dass EdF in Fessenheim die gleichen Standards erfüllen muss wie künftig an anderen Standorten. Inhaltlich definiert sind diese jedoch nicht. Wichtig sei, forderte sie deshalb, dass dies zeitnah geschehe. Nach Fukushima hatte die ASN ihre Anforderungen erhöht. EdF hat im gesamten Nuklearpark jedoch nur provisorische Verbesserungen umgesetzt.

Hat La Hague genug Platz für den Atommüll aus dem Elsass?

Für die Brennstäbe aus Fessenheim werden die Kapazitäten der Wiederaufbereitungsanlage ausreichen, sagt Bois von der ASN. Mit Engpässen sei jedoch in Zusammenhang mit der (möglichen) Stilllegung anderer französischer Reaktoren zu rechnen, deren Laufzeiten in den kommenden Jahren an ihr Ende gelangen.

Wird EdF den Rückbau wissenschaftlich nutzen?

EdF setzt sich zum Ziel, die Reaktoren nach einer vorbereitenden Phase von fünf Jahren binnen 15 Jahren zu zerlegen. Unabhängige Experten fordern für Block 1 einen Rückbau unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten und warnen vor zu viel Eile. Das französische Forschungsinstitut für nukleare Sicherheit (IRSN) nimmt für sich in Anspruch, dies versicherte Pierre Bois in der Sitzung der Überwachungskommission Fessenheim, dass nach der Abschaltung umfangreiche Tests durchgeführt werden können. Die Wissenschaftler wollen insbesondere den Stahlbeton am Reaktorgebäude untersuchen. Die Ergebnisse könnten Rückschlüsse auf die Alterung jüngerer Reaktoren des französischen Nuklearparks geben, die demnächst ihre vierte Großinspektion durchlaufen und neu genehmigt werden müssen.

Unlängst wurden Verfahrensfehler bei der Bearbeitung der Schweißnähte großer Akw-Bauteile öffentlich. Auch die Dampferzeuger in Block 2 sind betroffen. Warum lässt die ASN den Reaktor nicht stoppen?

"Ein unmittelbares Risiko ist nicht zu befürchten", sagt Pierre Bois. Erste Tests hätten Anlass zur Entwarnung gegeben.
Wegen Herstellungsmängeln an einem von drei Dampferzeugern in Reaktor 2 – der nun wieder betroffen ist – hatte die ASN 2016 die Betriebsgenehmigung für Reaktor 2 aufgehoben. Hier kommen also zwei Probleme zusammen.

Die Bedenken bezüglich der Haltbarkeit der Schweißnähte sind beim Hersteller Framatome in Zusammenhang mit Modellrechnungen für eine Überarbeitung des Herstellungsverfahrens aufgetaucht. Dahinter steckt, dass es bei monumentalen Teilen für Atomkraftwerke schwierig ist, die Nahtstellen gleichmäßig zu erhitzen, wenn mehrere Komponenten verbunden werden sollen. Framatome, eine EDF-Tochter, hatte die Probleme selbst veröffentlicht.

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