Ein Fest für Europa

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 19. Mai 2019

Freiburg

Der Sonntag In Freiburg wehren sich heute Menschen mit Kultur und Reden gegen einen Rechtsruck.

Wahlumfragen prognostizieren rechten und rechtspopulistischen Parteien bei der Europawahl am kommenden Sonntag einen starken Stimmenzuwachs. Dagegen machen Aktivisten heute in zahlreichen deutschen Städten mobil. In Freiburg beteiligen sich fast 70 Vereine, Initiativen, Organisationen und Verbände.

Die Symbolik war für Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn einfach überwältigend, als am 9. Mai dieses Jahres in Freiburg eine noch scharfe Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen wurde. Also just am Europatag, der an die berühmte Rede des französischen Außenministers Robert Schuman erinnert, in der er seine Vision einer neuen Art der politischen Zusammenarbeit in Europa darlegte.

"Wir kommen gerade in eine gefährliche Tendenz in Europa, dass wir gegeneinander und nicht mehr miteinander diskutieren", sagt Horn. "Es ist für mich zutiefst erschreckend, dass in zehn europäischen Ländern Rechtspopulisten an der Macht sind." Das und der Blick auf die Kriege der Vergangenheit in Europa sollten uns wachrütteln, sagt er.

Horn ist heute einer von acht Rednern bei der Kundgebung mit Kulturprogramm unter dem Titel "Ein Europa für alle". Zu den weiteren Rednern gehören unter anderem Freiburgs renommierter Rüstungskritiker Jürgen Grässlin, Integrationspreisträger Khaled Alsaleh, der frühere Europaabgeordnete Dietrich Elchlepp und Vertreter der Flüchtlingsrettungsorganisation Resqship Seenotrettung. "Die Entwicklung in vielen EU-Staaten macht mir Sorgen. Nicht Frieden und Abrüstung ist auf der Agenda, sondern Aufrüstung. Das ist desaströs. Das Geld muss in Bildung, Gesundheit und anderes Sinnvolles investiert werden", begründet Grässlin seine Teilnahme. Weitere Themen der Redner sind Klimaschutz und ein solidarisches Europa.

Monika Hermann vom interkulturellen Theater Freiburg, das die Veranstaltung mitorganisiert, sagt, dass vor allem ein Zeichen gegen den Rechtsruck und Rassismus gesetzt werden soll – und dafür, dass sich die Zivilgesellschaft in Freiburg nicht auseinanderdividieren lasse. Es häuften sich auch in Freiburg die Fälle, dass Frauen mit Kopftuch oder dunkelhäutige Menschen schräg angesehen oder sogar beschimpft und gestoßen werden, sagt Monika Hermann. "Diese ganze Hetzerei muss aufhören." Die Initiatoren vom Freiburger Verein interkulturelles Theater waren überrascht über die vielen Freiwilligen, die sich an der Vorbereitung der Kundgebung und der Kulturfestes beteiligten.

Die fast 70 Unterstützer der Veranstaltung reichen von linken Gruppen bis zu politisch neutralen in der Mitte der Gesellschaft wie dem Stadtverband der Caritas. Von Pulse of Europe unterscheidet sich "Ein Europa für alle", dass Vertreter der Zivilgesellschaft statt Parteien im Vordergrund stehen. Aber selbstverständlich sei man Pulse of Europe sehr verbunden, sagt Monika Hermann.

Los geht es heute um 12 Uhr auf dem Platz der Alten Synagoge. Nach dem Verlesen eines Aufrufs startet eine Demonstration Richtung Hauptbahnhof und Fahnenbergplatz zurück zum Platz der Alten Synagoge. Unterwegs soll es Straßentheater und musikalische Begleitung geben. Die Reden beginnen um 14.30 Uhr. Die einzelnen Beiträge sollen nicht länger als fünf Minuten dauern. Dazwischen gibt es zahlreiche Auftritte von Musikern. Es spielen und singen unter anderem Fatcat, Qult, Ma Petite Cherie, der Südüfer-Chor, Soul Family und Twäng. Die Veranstaltung soll bis 21 Uhr dauern. Monika Hermann rechnet mit "5 000 oder mehr Besuchern". Weitere "Ein Europa für alle"-Veranstaltungen gibt es heute unter anderem in Berlin, Leipzig, Köln und Stuttgart. "Ein Europa für alle ist mir ein Herzensthema, ich gehe mit meiner ganzen Familie hin", sagt Martin Horn. "Von Freiburg-Munzingen sind es nur vier Kilometer bis zum Rhein. Eine grenzüberschreitende Politik statt durch Militär und Polizei gesicherte Grenzen ist unser ureigenstes Interesse."