Weltausstellung

Freiburg auf der Expo: Green City – grüner wird’s nicht

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Fr, 30. April 2010 um 11:18 Uhr

Freiburg

Freiburg präsentiert sich ein halbes Jahr auf der Weltausstellung in Schanghai. Den Besucher hat es vor allem eins zu bieten: Das Leben in der "Green City". Freiburg selbst hofft auf vor allem millionenfache Werbung.

Man muss sich das so vorstellen: Das Gelände der Weltausstellung in Schanghai ist 5,2 Quadratkilometer groß – so groß, dass man in den Hubschrauber steigen müsste, wenn man es einmal ganz überblicken wollte. Auf diesem riesigen Gelände gibt es eine scheinbar endlose, eingezäunte Zone, fünf immer noch unglaublich große Unterzonen, und darin viele, viele Zweck- und Ausstellungsbauten, in denen Länder, Städte und Organisationen ausstellen. Und in Unterzone E steht ein ehemaliges Kraftwerk, wo man in der dortigen Halle B 2 direkt am Ausgang von morgen an zu jeder vollen Stunde "Kuckuck" hören wird: Im Stimmengewirr der Menschen aus aller Herren Länder macht das kleine Freiburg mit einem kleinen Vogel auf sich aufmerksam.

Kleiner Mosaikstein im Riesenpuzzle

Freiburg (220 000 Einwohner) bei der Expo in Schanghai (20 Millionen Einwohner), das ist ein sehr kleines Mosaiksteinchen in einem sehr großen Puzzle. Erstaunlich, dass das im internationalen Vergleich winzige Städtchen überhaupt eingeladen wurde. Und doch: Vor ziemlich genau zwei Jahren kam eine Anfrage vom chinesischen Expo-Koordinationsbüro. Ob sich Freiburg, die selbst ernannte "Green City", nicht um eine Teilnahme 2010 bewerben wolle? Das Expo-Büro hatte sich nach Städten auf der ganzen Welt erkundigt, die Ideen und Modelle für die Stadtentwicklung der Zukunft beisteuern könnten, getreu dem Motto der Weltausstellung: "Better city, better life" – Bessere Stadt, besseres Leben. Und da erschien den chinesischen Experten der Freiburger Ökomodellstadtteil Vauban interessant genug, zumal sich die Stadt und die Solarregion bereits bei der Expo 2000 in Hannover vorgestellt hatten. "Die damalige Präsentation hat einen enormen Schub mit weltweitem Interesse am Solarstandort Freiburg nach sich gezogen", erinnert sich Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon.

22.000 Besucher pro Tag am Freiburger Stand?

Freiburg bewarb sich also für die Expo 2010, wurde angenommen und füllt nun zusammen mit 54 anderen Kommunen aus der ganzen Welt die "Urban Best Practice Area", den Bereich, in dem ausgesuchte Städte aus aller Welt zeigen, was sie in Sachen Nachhaltigkeit zu bieten haben. "Das ist Gold wert", frohlockt Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann von der Freiburg Wirtschaft Touristik Messe (FWTM), die den Auftritt organisiert: 20 000 Menschen, hofft er, schauen dann täglich am Stand vorbei, vier Millionen in sechs Monaten. Zur gesamten Expo werden übrigens 70 Millionen Menschen erwartet.

Grün, Grün, Grün

Was ihnen Freiburg zu bieten hat? Nun, erstmal Grün. Grün nämlich ist der 273 Quadratmeter große Stand, den die "Green City" Freiburg mit fünf Kuben bestückt hat. In jedem Kubus – einer Art begehbarer Box – wird ein Freiburger Thema aufgearbeitet. Im ersten: der Modellstadtteil Vauban mit Baugruppen, Passivhäusern und autoreduziertem Wohnen. Im zweiten: die "Green City" als Stadt der Wissenschaft (mit Universität) und Stadt der Forschung (mit dem Fraunhofer ISE Institut). Im dritten Kubus dürfen sich die Sponsoren und Partner darstellen; die Firma Testo aus Lenzkirch etwa macht ein Quiz, bei dem die Besucher Bilder aus der Wärmebildkamera zuordnen können.

Kubus vier heißt "Green Buildings", da geht es um ökologisches Bauen, und im fünften und letzten Kubus zeigt das Land Baden-Württemberg, das Freiburg offiziell in Schanghai vertritt, Themen wie nachhaltige Produktion. Diese fünf – selbstverständlich recyclebaren – Kuben stehen auf einem angedeuteten Stadtgrundriss, der das historische Thema der europäischen Stadt mit Gassen, Straßen und Plätzen aufgreift. Die Mitte bildet – ähnlich einem Brunnen als Treffpunkt auf der Piazza – ein Kommunikationszentrum.
Und live und in Echtzeit miterleben können die Besucher in China, wie im Freiburger Stadtteil Rieselfeld das erste mehrstöckige Mehrfamilienhaus der Bundesrepublik in Passivhausstandard und in reiner Holzbauweise entsteht – per Webcam aus dem Mooswald.

Sauberes Wasser fasziniert Chinesen

Aber man will auf der Expo nicht nur informieren, sondern auch unterhalten – und Freiburger Lebensgefühl nach China bringen. Dafür ist auch das Gesamtkonzept des Freiburger Künstlers Harald Herrmann zuständig. Er lässt auf vier Plasmabildschirmen einen 18minütigen, in kurzen Sequenzen geschnittenen Film mit "Freiburger Impressionen" laufen, bei denen immer wieder sauberes Wasser rinnt – in China ein Faszinosum. Ein Projektionstisch mit Freiburger Ansichten steht für die Besucher parat, der Hintergrund des Standes zeigt riesige Ansichten des Günterstaler Stadtwaldes.

"Die geografische Lage bestimmt das Bewusstsein", so begründet Harald Herrmann das zentrale Motiv im Freiburg-Stand: den Wald. Aus Freiburger Sicht hat man ihn in vier Himmelsrichtungen. "Das ist ein unglaublicher Reichtum" und er wird, davon ist Herrmann überzeugt, seine seelentröstende Wirkung auf die Chinesen nicht verfehlen.

"Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald"

Und nicht zuletzt hat die Fotografin Astis Krause 215 Menschen aus Freiburg und der Region mit landestypischen Attributen fotografiert: einem Bollenhut, einer Kuckucksuhr, einem Münstermodell, einem Photovoltaikmodul oder einem Windrädle. Die Fotos werden auf einem Lichtband zu sehen sein, das rund um die Außenwände des Standes läuft. Heimat soll an diesem Stand nichts Tümelndes sein, sondern etwas in die Zukunft Gewandtes. Der Clou allerdings ist die Kuckucksuhren-Installation"Coo-Coo-Choir", die die vorbeiflanierenden Expo-Besucher zum Hinhören animieren soll: Acht altehrwürdige oder auch poppig-bunte Kuckucksuhren werden zu jeder vollen Stunde eine bestimmte Melodie spielen – zum Beispiel das deutsche Volkslied "Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald", das chinesische Volkslied "Mo Li Hua" oder "CooCoo Phasing", eine moderne Komposition der Musikhochschule Freiburg.

Wenn es morgen offiziell zum ersten Mal "Mo Li Hua" ruft, fängt die Arbeit der Standmitarbeiter erst richtig an. Zehn junge Chinesinnen und Chinesen – die meisten von ihnen studieren Germanistik an der Fudan-Universität in Schanghai – haben im Februar einen dreiwöchigen Crashkurs in Freiburg gemacht, um Fragen der Expo-Besucher beantworten zu können. Sogar beim Fasnetmendig-Umzug liefen sie kulturübergreifend bei einer chinesischen Tanzgruppe samt Drache und Löwe mit – mehr Freiburg-Erfahrung geht eigentlich nicht. Zusammen mit fünf weiteren Studierenden aus Deutschland, die Chinesisch sprechen, werden sie jetzt am Expo-Stand stehen und lächeln – sechs Monate lang, elf Stunden am Tag. Der Chef des Messestandes, Lian Chen, hat für allfällige Besucher eine Dreizimmerwohnung in der Nähe gemietet. Schülerreisen sind geplant, mehrere offizielle Delegationen haben sich bereits angekündigt, ganz zu schweigen von all den Neugierigen, die das Expo-Spektakel in den kommenden Monaten zum Anlass nehmen werden, um nach China zu reisen.

Kosten spalteten den Gemeinderat

Was die Mitarbeiter am Stand den staunenden Besuchern erzählen könnten, aber wahrscheinlich nicht werden, ist, dass die Expo-Teilnahme Freiburgs in Freiburg entschieden wurde, wie alles in Freiburg entschieden wird: nur mit vielen Diskussionen. Da war erstmal der Gemeinderat, der die Expo zwar toll findet, nicht aber, dass mitzumachen auch Geld kostet. 300 000 Euro bewilligte das Stadtparlament schließlich nach kontroversen, fraktionenspaltenden Debatten, die restlichen 440 000 Euro – dreieinhalb Mal mehr als gedacht – musste die FWTM eher mühsam bei Sponsoren zusammenklauben. Dann war da die 15-köpfige "Kreativgruppe", die sich zusammen mit Fachleuten und Verwaltungspersonal Gedanken um die Themen in den Kuben machen sollte: Hart prallten da die Vorstellungen der eher künstlerisch Kreativen mit den Vorstellungen der verwalterisch Tätigen aufeinander. Garniert wurde dieser Zusammenprall der Kulturen von Protesten Freiburger Kunstschaffender, die einen eigenen Kunst-Kubus forderten, was der Wirtschaftsförderer entnervt zurückwies: Dafür gebe es nun wirklich keinen Etat.

Anderthalb Jahre lang wurde so geplant, gestritten, getüftelt. "Es war", bekennt Künstler Herrmann, "ein Sprung ins Haifischbecken. Da wurde oft um Kleinigkeiten gerungen. Entstanden ist ein Kompromissgebilde." Er kennt auch Beispiele, wo man einer kleinen Gruppe von Planern Vertrauensvorschuss gibt und das Projekt am Ende eine klarere Handschrift trägt.

Aber das ist vergossene Milch, wie man so sagt – und nun ist es vollbracht. "Das wird die längste, intensivste und insgesamt bedeutendste Darstellung der Stadt Freiburg auf internationalem Parkett", jubelt Dallmann. Morgen geht’s los, die Kuben sind bestückt, die Mannschaft steht, und selbst in den Kuckuck setzt man kühnste Hoffnungen: "Damit schaffen wir’s bis ins chinesische Fernsehen."

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