Auszeichnung

Jesuitenpater Klaus Mertes erhält die Ehrendoktorwürde

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 12. Mai 2019

Freiburg

Der Sonntag Klaus Mertes stand am Anfang der Aufklärungsbemühungen um sexuellen Missbrauch in der Kirche. Dafür wird er nun mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

In der Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche und deren Ursachen ist der Jesuit Klaus Mertes eine bedeutende und nachdenkliche Stimme. Der Direktor des Kollegs in St. Blasien stand am Anfang der Aufklärungsbemühungen. Am Mittwoch wird er den Ehrendoktor der Freiburger Universität erhalten.

Wenn die Theologische Fakultät der hiesigen Universität eine Persönlichkeit wegen besonderer Verdienste zum Ehrendoktor küren will, braucht sie dafür nicht nur die Zustimmung des Hochschulsenats, sondern auch das Placet des Freiburger Erzbischofs. Dass Stephan Burger keine Einwände hat, den Jesuitenpater Klaus Mertes derart zu ehren, mag heute selbstverständlich dünken. Pikant bleibt: Vor einigen Jahren hatte man im Freiburger Ordinariat den aus Bonn stammenden inzwischen 64-jährigen Ordenspriester noch von der Gästeliste anlässlich des Papstbesuches gestrichen. Klaus Mertes war damals republikweit bereits prominent, denn als Rektor des Canisius-Kollegs, einem Jesuitengymnasium in Berlin, hatte er einstige sexuelle Missbrauchsfälle an seiner Schule publik gemacht. So wurde er einerseits zum Auslöser einer Aufklärungswelle, hatte aber andererseits – kirchenintern als "Nestbeschmutzer" beschimpft – nicht wenig auszuhalten.

Die Zeiten haben sich so weit zumindest geändert, dass Pater Mertes nun von vielen Bischöfen nicht nur gehört wird, sondern auch hochgeschätzt ist. Dabei hat er sich zum beredten wie beharrlichen Kritiker der kirchlichen Hierarchie entwickelt, der sich nicht scheut, dem Episkopat kundzutun: "Die katholische Kirche hat eine Institutionskrise, eine Bischofskrise und eine Strukturkrise."

Dies zu ignorieren wäre wohl einfacher, gäbe es die Missbrauchsfälle nicht. Wer mit Mertes darüber spricht, kann zu Einsichten gelangen, wie weit, kompliziert und widersprüchlich dieses Thema allerdings ist: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen oder Erwachsenen ist nicht nur ein in der katholischen Kirche verbreitetes verbrecherisches Phänomen, sondern überall dort, wo Sexualität tabuisiert wird und Machtstrukturen aufgebaut sind, die Übergriffe sowie deren Vertuschung begünstigen.

Die Kirche bot dafür ein besonders günstiges Terrain, weshalb der Aufklärer aus St. Blasien nicht müde wird, Strukturveränderungen zu fordern, die Kontrolle und Demokratie anstelle Hierarchien und Gehorsam setzen: "Aus der Sicht des Evangeliums sind die Machtstrukturen der Kirche geradezu häretisch", so der Jesuit unlängst in einem Interview mit einem religiösen Radiosender.

Historisch gesehen, sagt Pater Mertes, wäre es jedoch ein Irrtum, das Phänomen sexueller Missbrauch im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart für besonders ausgeprägt zu halten: "Das gab es im gleichen Ausmaß bereits in der Antike und in der gesamten Zeit danach."

Wo Machtstrukturen den sexuellen Missbrauch begünstigen, sei es oft der "Narziss", der den Missbrauch begeht, so Klaus Mertes: "Das ist der zumeist beziehungsunfähige Typus, der die Abhängigkeit anderer Menschen braucht, um sich selbst zu erfahren." Dies ist eine der erschütterndsten Erkenntnisse in der Missbrauchsdebatte: Die Täter sind eben oft keine dunklen und rohen Gestalten, sondern angesehene Persönlichkeiten, die durch besondere Leistungen und Ausstrahlung gewinnend auf ihre Mitmenschen wirken. Dies macht das Thema noch brisanter. Und deshalb warnt Pater Mertes vor platter moralischer Schwarz-Weiß-Malerei und Selbstgerechtigkeit in der Debatte: "Wer denkt, sexueller Missbrauch sei nur das Problem der anderen, hat davon nichts verstanden."

Die Ehrendoktorwürde der Freiburger Uni nimmt er mit Freude an: "Darin bekundet sich auch mein Dank gegenüber der Theologie, denn aus dem Evangelium heraus versuche ich zu verstehen, worin das Abgründige des Missbrauchs liegt."
Pater Klaus Mertes wird die Ehrendoktorwürde der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität am 15. Mai, 18 Uhr, im Paulussaal in der Dreisamstraße 3 verliehen. Die Laudatio hält der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet

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