Mathe lernen am Computer

Elisa Miebach

Von Elisa Miebach

Mi, 15. Juli 2015

Freiburg

Freiburger Studenten entwickeln E-Learning-Projekt für junge Flüchtlinge.

Als Baboucarr Boye vor elf Monaten von Gambia nach Deutschland kam, brauchte er für die Rechnung "1x1" seinen Handytaschenrechner. Mittlerweile liest er Divisionsaufgaben mit vierstelligen Zahlen auf Deutsch von seinem Tablet vor und löst sie dann schriftlich auf dem Papier. Beschriebe ein Graph seinen Lernerfolg, wäre die Kurve vor allem im vergangenen Monat stark angestiegen.

Seit Anfang Juni kommen die Studenten Arno Angerer und Daniel Meling mit ihrem Team zweimal pro Woche ins Flüchtlingswohnheim in der Bissierstraße. Im Gepäck haben sie drei Tablets, einen kleinen grauen Server und eine besondere Lernsoftware. "Die Idee, wie ich eine Strategie zum E-Learning für Flüchtlinge in Freiburg entwickeln kann, kam mir im April wie ein Geistesblitz unter der Dusche", erzählt Angerer.

Schon seit seinem Besuch bei einer Freundin in Uganda im vergangenen Jahr beschäftigt er sich mit der Frage, wie auch Menschen ohne Internetzugang von Online-Angeboten profitieren können. "Das Lernprogramm aus dem Internet war da, gebrauchte Tablets konnten wir auch organisieren – der Knackpunkt war die Software, die beides verbindet", so Angerer.

So schrieb er an die kalifornische "Foundation for Learning Equality", deren Vision es ist, Zugänge zu qualifizierter Bildung für jeden zu schaffen.

Die Stiftung stellte Angerer kostenlos ihre Software zur Verfügung, mit der sich die heruntergeladenen Lerninhalte aus dem Internet auf den Tablets darstellen lassen. "Alle Inhalte sind hier gespeichert", sagt Angerer und hält ein kleines Kästchen hoch, das nicht größer ist als seine Hand: "Dieser Mini-Computer verbindet auch die Tablets untereinander." Rasperry Pi heißt der einfach gebaute Rechner – ein Wortspiel aus der Zahl Pi und dem englischen Wort für Himbeerkuchen. Er lässt sich bei Bedarf sogar mit einem Solar- Akku aufladen.

Lernvideos und Übungen aus dem Internet

Auf mehr als 6600 Lernvideos und noch viel mehr Übungen haben Baboucarr Boye und seine Mitschüler jetzt Zugriff. "Die Software ist selbsterklärend und kann eigenständig oder begleitend zum Schulunterricht benutzt werden", sagt Angerers Kollege Daniel Meling: "Noch schöner ist es natürlich mit persönlicher Unterstützung."

Das Team besteht aus sechs aktiven Mitgliedern, darunter Studenten der Bildungs- oder Wirtschaftswissenschaften genauso wie ein ausgebildeter Programmierer. "Wir sind gut aufgestellt, laden aber alle, die Lust haben sich zu engagieren, herzlich ein mitzumachen", so Angerer. Er selbst wird im Herbst zu einem sechsmonatigen Praktikum bei der Foundation for Learning Equality in Kalifornien aufbrechen, doch er ist überzeugt, dass das Projekt weiterlaufen wird.

Der schwierigste Moment für ihn war der erste Besuch im Flüchtlingsheim: "Ich hatte Angst, dass es vielleicht gar nicht angenommen wird. Doch das war völlig unberechtigt", so Angerer. Lamin Fattiye, der neben ihm sitzt, lächelt: "Ich finde das Programm super", sagt der 20-Jährige aus Gambia, der etwas später kommt, da er noch einen Termin mit seiner Lehrerin hatte. Wie sein Freund Baboucarr Boye besucht er die Römerhof- Schule, an der Asylsuchende den Hauptschulabschluss nachholen können.

"Die Lehrerin hat uns schon gelobt, dass wir viel besser in Mathe geworden sind", sagt Fattiye: "Mein Traum ist es, Krankenpfleger zu werden. Dafür will und muss ich lernen!"