Freiburger Abendgymnasium

Wo Schülerinnen und Schüler nach der Arbeit die Schulbank drücken

Simone Höhl

Von Simone Höhl

Fr, 18. Mai 2018

Freiburg

Tag für Tag, vier Jahre lang: Auf dem Freiburger Abendgymnasium, das vor 60 Jahren gegründet wurde, lernen 80 Schüler fürs Abitur.

FREIBURG. Es gibt Leute, die genießen nach der Arbeit ihren Feierabend. Und es gibt Leute, die gehen stattdessen auf das Gymnasium. Fünf Abende in der Woche, vier Jahre lang. Die Schülerinnen und Schüler sind oft müde, aber immer hochmotiviert. Zurzeit stecken 20 von ihnen mitten in den Abiturprüfungen. Weit über 1000 haben in den vergangenen 60 Jahren am Freiburger Abendgymnasium schon bestanden.

Noch ist es ruhig an diesem Nachmittag im Abendgymnasium. In der Klasse von Andreas Thörel sind nur drei Stühle besetzt, die meisten Schülerinnen und Schüler arbeiten noch. Jessica Janke und Phillip Müller setzen sich für ein Foto zu Thörels Trio, das sich auf die mündliche Geschichtsprüfung vorbereitet, und schnuppern noch mal "Abiluft". Sie wissen noch gut, wie das war. Müller hat von 8 bis 16 Uhr als Fachinformatiker gearbeitet und ging dann zur Schule – ohne Zwischenstopp auf dem Sofa: "Der größte Fehler, den man machen kann", sagt der 27-Jährige. Jessica Janke (29) arbeitete 80 Prozent als Redaktionsassistentin und hatte bestimmt mal Hänger, meint sie: "Aber man weiß ja, warum man’s macht." Die beiden wollten lernen. Und sie lernten dabei sich kennen und wurden ein Paar. Inzwischen studiert Jessica Janke Biologie und Phillip Müller Informatik.

"Ich habe nie gedacht, dass ich freiwillig zum zweiten Mal Goethes Faust lese", erzählt die 29-Jährige und lacht. Unterrichtet wird täglich von 16 bis 21.45 Uhr, am Anfang und Ende nur Wahlfächer, erklärt Herbert Babinsky. Der 76-Jährige leitet das Abendgymnasium seit zehn Jahren. Fast die Hälfte der 35 Lehrer sind Pensionäre. "Das macht nur, wem’s Spaß macht, demotivierte Kollegen gibt es hier nicht", sagt Franz-Karl Opitz, eigentlich seit 2011 in Ruhestand. Er hat großen Respekt vor seinen Schülern, die oft auch Familie haben. Sie müssen zwar kaum Hausaufgaben machen, aber auf Klausuren lernen und die gleichen Abiaufgaben wie Regelschüler lösen.

Andreas Glunz kennt die Doppelbelastung, der ausgebildete Lehrer arbeitet hauptberuflich als Webprogrammierer und meint: "Es gibt ja auch Schulferien." Ja schön, sagt Müller: "Und dann wird einem klar, dass man trotzdem arbeiten muss." Am Anfang geht es lang, bis sich die Schüler an den neuen Rhythmus gewöhnen, sagt Babinsky. Zehn Prozent brechen ab, meist gleich: "Wer von September bis Weihnachten bleibt, der zieht’s durch." Weitere zehn Prozent verlassen die Schule nach der Zwölften mit der Fachhochschulreife.

Die Schule mietet zehn Klassenzimmer der Richard-Fehrenbach-Schule beim Hauptbahnhof. Sie ist ein Kind der Volkshochschule, Rotteck-Lehrer waren 1958 die Väter. Babinsky und sein Vize Glunz bereiten die Jubiläumsfeier im Herbst vor. Anfangs gab es nicht einmal 30 Schüler, seither haben 1200 bis 1500 Schüler Abitur gemacht, überschlägt Babinsky. Heute sind es 80 in den Klassen 10 bis 13 – die Jüngsten sind 18 Jahre alt und der Älteste ist 62. Erst Mitte der zwölften Klasse dürfen sie aufhören zu arbeiten, aber wenige tun es. Pro Schuljahr zahlen sie 325 Euro.

Müller und Janke stiegen in Klasse 11 ein. Nach dem Abi hat er es vermisst, sich mal mit ganz anderen Leuten über ganz andere Themen zu unterhalten. "Und man ist tatsächlich in ein Loch gerutscht." Auf einmal hatten die beiden viel Freizeit. "Ich glaube, Netflix wurde unser neuer Freund", erinnert sich Jessica Janke und meint: "Ich würd’s jederzeit wieder tun."

Mehr Informationen unter http://www.abendgymnasium-freiburg.de