BZ-Hautnah über Viruserkrankungen

Freiburger Infektiologe rechnet nicht mit der Entwicklung einer Pandemie

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Do, 20. Februar 2020 um 21:33 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Experten der Virologie und Infektiologie haben haben bei einer BZ-Hautnah-Veranstaltung in der Uniklinik Freiburg über das neue Coronavirus informiert. Und über das bekannte Grippevirus.

Ein Coronavirus bestimmt seit Wochen die Nachrichtenlage. Groß war deshalb das Interesse an der jüngsten BZ-Hautnah-Veranstaltung zu dem Thema am Mittwochabend. Vier Experten aus den Bereichen Virologie und Infektiologie informierten die mehr als 200 Besucher am Freiburger Universitätsklinikum auch über einen anderen Erreger, der den Deutschen eigentlich mehr Sorge machen sollte: das Grippevirus.

Das neue Coronavirus ist ein "emergent virus", wie Viren bezeichnet werden, die neu auftreten, sich rasch ausbreiten und somit im Bewusstsein der Menschen besonders präsent sind. Vor denen ist infolgedessen die Angst besonders groß, zumal sich auch in Deutschland bereits 16 Menschen infiziert haben. Winfried Kern, Leiter der Abteilung Infektiologie des Universitätsklinikums, hatte aber auch beruhigende Nachrichten.

81 Prozent der Fälle könnten einen milden Verlauf nehmen

Zum einen ist es der Wissenschaft in recht kurzer Zeit gelungen, das Coronavirus zu identifizieren und zu isolieren. "Auf der ganzen Welt finden bereits Untersuchungen an genau diesem Virustyp statt." Zum anderen wurde die Sterblichkeit von SARS-CoV-2, wie der Virus mittlerweile genannt wird, anfangs überschätzt, was typisch für einen neu auftretenden Erreger sei.

Von schweren und tödlichen Verläufen seien vor allem Über-60-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen betroffen, derzeit gehe man davon aus, dass die Erkrankung in 81 Prozent der Fälle einen milden Verlauf nimmt. "Ich rechne Stand heute, dass sich keine Pandemie entwickeln wird", so Kern.

Gewissermaßen schon gewöhnt hat man sich in Deutschland an die Virusgrippe, weshalb diese im Gegensatz zum neuen Coronavirus gerne unterschätzt wird. Um die Gefahr der Grippe zu verdeutlichen, lenkte der Kinderarzt Philipp Henneke, Sektionsleiter für Pädiatrische Infektiologie an der Freiburger Universitätsklinik, das Augenmerk zur Überraschung des Publikums auf die Vereinigten Staaten. Dort gibt es gerade eine dramatische Grippewelle mit bislang 14 000 Toten und 26 Millionen Erkrankten, die von der Öffentlichkeit hierzulande kaum beachtet wird.

Grippeimpfung besser als ihr Ruf?

Von Hartmut Hengel, dem Ärztlichen Direktor des Instituts für Virologie, gab es eine Einführung darüber, wie Viren funktionieren. Er erinnerte noch einmal an die vor rund 100 Jahren als "unglaubliche Pandemie" aufgetretene Spanische Grippe, die ein bis heute spürbares Trauma in Europa hinterlassen habe. 40 Millionen Tote hinterließ sie, mehr als der Erste Weltkrieg. "Viren sind im Gegensatz zu Bakterien keine Lebewesen, sie müssen sich die zelluläre Organisation von ihren Wirtszellen borgen, sich ihre Voraussetzungen für Vermehrung rauben", so Hengel. Wichtig sei die Disposition eines Erkrankten, sie entscheide ob ein Virus harmlos oder gefährlich werde.

Die Möglichkeiten der Intensivmedizin bei schweren Verläufen einer Viruserkrankung stellte Johannes Kalbhenn vor, geschäftsführender Oberarzt für Intensivtherapie an der Uniklinik. Vor allem den Lungen drohe Gefahr und dies wiederum vor allem bei älteren oder adipösen Menschen, Schwangeren und Menschen mit Vorerkrankungen. Ab einem gewissen Maß an Lungenschädigung gelinge Patienten die Abatmung von Kohlendioxid nicht mehr, der Tod sei am Ende ein Tod aus Sauerstoffmangel. Als letztes Hilfsmittel in schwerst verlaufenden Fällen stellte Kalbhenn die Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) vor, eine intensivmedizinische Technik, bei denen eine Maschine die Atemfunktion von Patienten übernimmt. Ein hoher Aufwand, der sich aber oft lohne, die Überlebenswahrscheinlichkeit lasse sich in solchen Fällen von 60 auf 75 Prozent steigern. Ärzte können in solchen Fällen die Hilfe seines Teams anfordern.

In der Fragerunde der von BZ-Redakteurin Katharina Meyer moderierten Veranstaltung ging es auch um die Grippeimpfung. Philipp Henneke meinte, diese sei besser als ihr Ruf. Insbesondere älteren Menschen und Menschen, die in Kontakt mit Risikogruppen arbeiten, sei sie anzuraten. "Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Impfung, die den Ausbruch von Krebs um die Hälfte reduzieren würde: Was würden Sie dann tun?", erhielt Henneke Unterstützung von Hartmut Hengel.

Ein gutes Zeugnis stellte im Gegensatz zu anderen Experten Winfried Kern den vieldiskutierten Atemmasken aus. Sie hätten eine Effizienz von rund 95 Prozent, auch die einfacheren von ihnen könnten zumindest die Tröpfchen abhalten, in welchen die Viren oft übertragen werden. Natürlich müsse die Bevölkerung eines Landes wie Deutschland angesichts der schwachen Verbreitung nun nicht maskiert herumlaufen. Aber insbesondere jene, die irgendwo auf der Welt bereits infiziert sind – sei es nun mit dem Corona- oder dem Grippevirus – würden als Maskenträger alle anderen Menschen schützen.