Höreinschränkungen

Freiburger Verein hilft tauben Kindern, Implantate zu erhalten

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 25. März 2020 um 19:28 Uhr

Freiburg

Es fühle sich an, wie vom Schwarzweiß- auf Farbfernsehen umzusteigen, sagt eine Trägerin eines Cochlear Implantats. Der Förderverein "Taube Kinder lernen hören" hilft Betroffenen seit 25 Jahren dabei.

Als vor 25 Jahren alles anfing, wandte sich Roland Laszig gezielt an Menschen mit Geld. Er war damals der Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Universitätsklinik und wollte mit einem Förderverein das ein Jahr zuvor gegründete Implant Centrum gut ausstatten, das die Behandlung mit Ohrprothesen, den Cochlear Implantaten, anbietet. Zurzeit planen die Vereinsmitglieder wegen der zugespitzten Corona-Situation ihre Benefizaktionen per Online-Austausch, die interne Jubiläumsfeier Anfang April entfällt.

Erfolgsgeschichten haben sie einige zu präsentieren. Zum Beispiel die von Ann-Kathrin Rauch: Sie gehörte 1989 zu den durchschnittlich rund zwei von 1000 Kindern, die in Deutschland schwerhörig oder gehörlos geboren werden. Dank der guten und frühen Förderung ihrer Eltern, die als Ärzte schnell erkannten, was mit ihrer Tochter los war, lernte sie sprechen und konnte eine Regelschule besuchen. Doch auf dem Gymnasium wurde es schwierig: Sie verstand nur die Hälfte von allem, wenn sie den anderen von den Lippen ablas, sie fühlte sich ausgeschlossen.

"Mein Leben hat sich verändert, so ähnlich als wäre ich plötzlich vom Schwarzweißfernseher zum Farbfernseher gewechselt." Ann-Kathrin Rauch
Damals bekam sie ihr erstes Cochlear Implantat. "Mein Leben hat sich verändert, so ähnlich als wäre ich plötzlich vom Schwarzweißfernseher zum Farbfernseher gewechselt", sagt sie. Zehn Jahre später, mit 20, folgte das zweite Implantat, damals studierte sie bereits im zweiten Semester Medizin in Freiburg. Seit dem zweiten Implantat leidet sie weniger unter Störlärm, außerdem hört sie nun schärfer. Ihre Erfahrungen haben Ann-Kathrin Rauch stark geprägt: Inzwischen ist sie selbst Ärztin an der Freiburger HNO-Klinik, an der sie behandelt wurde, im kommenden Jahr wird sie ihre Facharztausbildung abschließen.

Das Gehör verloren als Antibiotika-Nebenwirkung

Auch für Christian Seiler waren seine Cochlear Implantate wichtige Einschnitte: Er verlor sein Gehör als Baby 1992 als Nebenwirkung einer Antibiotika-Behandlung. 1995 wurde er im Implant Centrum behandelt, damals war Antje Aschendorff, die stellvertretende Leiterin der HNO-Klinik, noch Assistenzärztin und erinnert sich: "Er war er ein kleiner Stöpsel", sagt sie und lacht. 25 Jahre später kommt Christian Seiler immer noch regelmäßig zur Behandlung vorbei, denn die Cochlear Implantate müssen lebenslang mindestens einmal im Jahr überprüft werden. Auch Christian Seiler bekam zuerst nur ein Implantat und einige Jahre später das zweite. Das half, dass er sich deutlich besser und länger konzentrieren konnte, sagt er. Inzwischen ist er Erzieher und arbeitet in einem SOS-Kinderdorf.

In den 25 Jahren seit der Gründung des Fördervereins hat sich viel verändert: Die Kinder von damals wurden erwachsen, dadurch stieg der Anteil der Erwachsenen unter den Patienten. Inzwischen sind auch immer mehr Ältere dabei, zwischen 10 und 15 Prozent sind älter als 70 Jahre. Wenn Altersschwerhörigkeit nicht mit einem Hörgerät behandelt werden kann, drohen Rückzug, Isolation, Depressionen und ein höheres Demenzrisiko, sagt Antje Aschendorff. Doch weiterhin sind rund 30 bis 40 Prozent derjenigen, die ein Implantat bekommen, Kinder.
Förderverein Taube Kinder lernen hören

Gegründet: 1995
Mitglieder: 159
Angebot: Organisation von kulturellen Veranstaltungen wie Literatur-, Musik oder Golfbenefizaktionen; mit den Erlösen werden die Ausstattung des Implant Centrums und auch Forschungsprojekte unterstützt.
Mitgliedsbeitrag: 60 Euro/Jahr, für Familien 75 Euro, für Firmen ab 500 Euro in beliebiger Höhe.
Kontakt und Informationen über taube-kinder-lernen-hoeren.de

Vor allem für sie wollte Roland Laszig 1995 die Bedingungen verbessern. Seitdem kamen rund sieben Millionen Euro Spenden zusammen. Zum Verein gehören viele mit Einfluss, wie an der Spitze Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer oder DFB-Präsident Fritz Keller. Manchmal stellt Roland Laszig, der inzwischen im Ruhestand ist, klar, worum es ihm geht: Nicht um Luxus, sondern um ein angenehmes Ambiente, betont er. Die Krankenkassen bezahlen zwar die medizinischen Eingriffe, bei denen Kindern und Erwachsene, die nicht oder kaum hören können, die Implantate eingesetzt werden. Doch mit der Unterstützung des Fördervereins gelinge es, die Patientinnen und Patienten statt in der üblichen belastenden Klinikatmosphäre wie in einem Mittelklasse-Hotel zu versorgen. Das sei besonders wichtig, weil sie lebenslang auf die Behandlung angewiesen seien.

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