Apnoetauchen

Freitaucher Nikolay Linder aus Reute knackt Rekord

Patrik Müller

Von Patrik Müller

So, 26. April 2020 um 19:36 Uhr

Reute

In der Sat-1-Sendung "Luke! Die Schule und ich" war Nikolay Linder aus Reute zu Gast. Der Tauchern hing dabei 4 Minuten und 51 Sekunden kopfüber in einem Wassertank – ein neuer Rekord.

Der Taucher Nikolay (Nik) Linder aus Reute hat einen Weltrekord geknackt: Er hat in der Sat-1-Sendung "Luke! Die Schule und ich" am Freitag den längsten "Apnoe-Tauchgang mit dem Kopf nach unten hängend" absolviert. Insgesamt hing er 4 Minuten und 51 Sekunden an den Beinen und hatte den Kopf in einem Wassertank. Patrik Müller sprach mit ihm.

BZ: Herr Linder, Sie haben knapp fünf Minuten unter Wasser die Luft angehalten. Kopfüber. Das klingt wirklich eklig.
Linder: Das ist auch eklig: Das Blut schießt in den Kopf, man hört sein Herz stärker und es tut im Rücken weh – man wird ja an den Füßen festgebunden und in die Höhe gezogen. Das kann man trainieren, zum Beispiel mit einer Sprossenwand oder an der Couch. Aber es ist im Vergleich zum normalen Luftanhalten schon deutlich schwieriger.

BZ: Warum tun Sie sich sowas an?

Linder: Die Idee, kopfüber zu tauchen, entstand durch eine Guinness-Rekord-Show in Italien im Jahr 2015. Die Macher sind an mich herangetreten und haben gefragt, ob so etwas machbar sei. Ich habe gesagt, das sei es. Solche Anfragen bekomme ich häufiger. Oft geht es in Richtung Mensch gegen Tier: Tauche ich länger als ein Pinguin? Als ein Seelöwe? Meistens zerschlägt sich das. Bei der Guinness-Show habe ich in der Annahme zugesagt, dass ich danach nie wieder von denen höre. Dann wurde es konkret – und ich habe beim Üben gemerkt, wie unangenehm diese Position wirklich ist.
Nikolay (Nik) Linder (44) ist gebürtiger Stuttgarter, seit zwölf Jahren lebt er in Reute. Der ehemalige Versicherungskaufmann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

BZ: An was denken Sie, wenn Sie minutenlang unter Wasser sind?
Linder: Es ist ein mentales Spiel: Ich versuche, alles auszublenden, die Geräusche, die Aufregung. Ich scanne meinen Körper. Versuche, den Nacken-Schulterbereich zu entspannen. Irgendwann kommen dann die Zwerchfellkontraktionen; Der Körper hätte gerne mehr Luft. Dann rede ich mir gut zu: Mensch, es läuft doch toll.

BZ: Nach wie vielen Minuten kamen diese Kontraktionen jetzt?
Linder: Ich glaube, das war nach zwei Minuten und 15 Sekunden. Die kommen aber immer relativ früh. Mein Rekord liegt bei 6 Minuten und 22 Sekunden ohne Atmen. Selbst Weltrekordhalter, die mehr als zehn Minuten die Luft anhalten können, haben nach drei oder vier Minuten Kontraktionen. An einem entspannten Tag, in perfekten Momenten der Ruhe, schaffe ich es es, dass dieser Punkt bei mir nach etwa drei Minuten kommt.

BZ: Haben Sie während Ihres Rekordversuchs eigentlich auf die Uhr geguckt?
Linder: Nein. Ein Kollege von mir, André Grabs aus Gundelfingen, war dabei. Er hat mir immer wieder durch leichten Druck am Körper Signale gegeben, wie weit ich bin, zum ersten Mal nach drei Minuten. Als der Rekord geknackt war, hat er drei oder vier Mal auf einmal gedrückt.

"Ich habe viele Rückmeldungen von Familien bekommen, bei denen die Kinder ganz begeistert waren."

BZ: Was ist so ein Rekord eigentlich wert in einer Disziplin, die kaum jemand betreibt?
Linder: Das ist eine gute Frage. Ich habe auch schon Rekorde beim Tauchen unter Eis aufgestellt, das ist in der Szene schon angesehener als so eine Showgeschichte. Andererseits bringt so eine Fernsehsendung Aufmerksamkeit und führt Menschen an den Sport heran. Ich habe viele Rückmeldungen von Familien bekommen, bei denen die Kinder ganz begeistert waren. Und irgendwann, wenn die Corona-Krise vorbei ist, schlägt sich das ja vielleicht auch in Kursteilnahmen nieder.

BZ: Viele Eltern würden jetzt wahrscheinlich sagen: Mein Kind soll lieber zum Fußball, das ist nicht so gefährlich.
Linder: Apnoetauchen kommt leider immer wieder in Verruf, weil Leute alleine trainieren und ertrinken. Grundsätzlich ist es aber nicht gefährlich. Man lernt in den Kursen auch Rettungsübungen – und dass man nie, wirklich nie alleine tauchen soll. Wenn man sich daran hält, ist der Sport wahrscheinlich sogar noch ungefährlicher als Fußball. Ich wäre begeistert, wenn meine Kinder irgendwann einsteigen. Es ist ein Sport, bei dem man viel über seinen Körper lernt.

BZ: Andererseits gibt es eine Disziplin namens No Limit, bei der die Taucher versuchen, so tief wie möglich kommen.
Linder: Wenn meine Kinder das machen, fände ich das eher nicht gut. Unfälle passieren da nicht im Promillebereich, sondern im Prozentbereich. Der Ansatz, mit hohem technischen Aufwand in die Tiefe zu donnern, widerspricht meiner Meinung auch dem meditativen, reduzierten Ansatz des Sports. Für mich wäre es nichts. Ich habe ja sogar mit Eistauchen aufgehört, weil ich mich irgendwann für eventuelle Nachahmer verantwortlich gefühlt habe.

BZ: Wo trainieren Sie in Zeiten von Corona eigentlich? In der Badewanne?
Linder: Ich jogge viel mit meiner Frau, fahre Fahrrad und mache Atemübungen, bei denen man die Zeit immer langsam steigert. Das geht auch im Trockenen.

"Atemübungen, die wirklich jeder machen kann, helfen auch dabei, die Lunge effizienter zu nutzen und trainieren sie."

BZ: Sie sind Profitaucher, geben Kurse auf der ganzen Welt. Und eigentlich wären Sie jetzt auf Bali.
Linder: Der Reisekalender für dieses Jahr war ziemlich voll, ich hatte Buchungen für Gruppentauchgänge mit Walen und Haien. Ich bin skeptisch, ob das in diesem Jahr noch klappt mit Flugreisen. Wirtschaftlich ist das natürlich blöd. Aber es ist auch ganz schön, Zuhause zu sein. Es entschleunigt. Trotzdem wäre es gut zu wissen: Hey, im Juni oder im Juli geht wieder was.

BZ: Atmung ist momentan ein großes Thema. Ist es in Zeiten von Corona ein Vorteil, die Luft anhalten zu können?
Linder: Auf jeden Fall. Man lernt auch, viel durch die Nase zu atmen – bei der Nasenatmung wird die eingehende Luft besser gefiltert. Atemübungen, die wirklich jeder machen kann, helfen auch dabei, die Lunge effizienter zu nutzen und trainieren sie. Das Organ wird so auch viel resistenter.
Der Rekord

Seinen ersten Rekord in der Disziplin "längster Apnoetauchgang - mit dem Kopf nach unten hängend" hat Nik Linder zum ersten Mal bei der Guiness World Record Show in Mailand im Jahr 2015 aufgestellt: 4 Minuten, 29 Sekunden. Der Iraner Siobhan Bahri kam im Jahr 2017 dann auf 4:40. Jetzt ist Linder wieder der Rekordhalter – mit einer Zeit von 4:51. Sein Tauchgang ist unter http://mehr.bz/linder im Netz zu sehen.