Schweiz

Gelände des Akw Leibstadt ist für Atommüll-Umpackstation im Gespräch

Kai Oldenburg

Von Kai Oldenburg

Sa, 18. Mai 2019 um 11:20 Uhr

Aargau

Die Schweiz sucht nach Standorten, um Atommüll von Castor- in Endlager-Behälter umzupacken. Falls die Wahl auf Leibstadt fällt, wäre das Akw-Gelände auch nach der Abschaltung für viele Jahre eine atomare Anlage.

Die Suche der Schweiz nach einem geeigneten Standort für Atommüll ist in der entscheidenden Phase. Noch werden drei Standort-Regionen (Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürcher Nordost) auf ihre Tauglichkeit für ein Tiefenlager für schwach-, mittel- und hochradioaktiven Abfall untersucht. Parallel dazu werden drei weitere Standorte untersucht, an denen später möglicherweise der Schweizer Atommüll von Castor-Behältern in Endlager-Behälter umgefüllt wird: das das Gelände der Atomkraftwerke Leibstadt und Gösgen sowie das Zwischenlager in Würenlingen.

Käme die Brennelemente-Verpackung nach Leibstadt, wäre das Akw-Gelände auch nach der Abschaltung des Reaktors (voraussichtlich 2045) für viele Jahre eine atomare Anlage. Bis Ende vergangenen Jahres sahen die Pläne so aus, dass in unmittelbarer Nähe eines möglichen Tiefenlagers auch eine sogenannte Oberflächenanlage entstehen soll. In diese heißen Zellen, von Atomkraftgegnern Atomfabriken genannt, soll der Atommüll umgeladen und für die Endlagerung in etwa 600 Metern Tiefe vorbereitet und dorthin auf den Weg gebracht werden. Das Umverpacken der alten Brennelemente und die Vorbereitungen für den Versand in ein Tiefenlager gelten als die gefährlichste Phase zwischen Ausbau der verbrauchten Brennelemente aus einem Atomkraftwerk bis zur Lagerstätte unter der Erde.

Prüfung soll bis Ende 2019 abgeschlossen werden

Der Wunsch, externe Standorte für die Verpackung des Atommülls zu suchen, sei aus den Regionen gekommen, so Patrick Studer, bei der Nagra verantwortlich für die Medienarbeit. Dies geschehe aktuell. Die Prüfung der technischen Machbarkeit soll bis Ende 2019 abgeschlossen sein. "Die Ergebnisse werden Anfang 2020 in die Partizipation eingespeist." Die Regionalkonferenzen (mit deutscher Beteiligung) hätten danach bis Anfang 2021 Zeit, Stellung zu beziehen.

Ob unter anderem das Betriebsgelände des Atomkraftwerks Leibstadt tatsächlich geeignet ist, um dort eine Verpackungsanlage einzurichten, könne erst nach Abschluss der Untersuchungen gesagt werden. Nagra-Sprecher Patrick Studer merkt aber an, dass in Leibstadt schon jetzt abgebrannte Brennelemente des dortigen Reaktors für den Weitertransport ins Zwischenlager (Zwilag) Würenlingen verpackt würden. Deshalb könnten dort durchaus Synergien genutzt werden, um am Schweizer Rheinufer gegenüber von Dogern und Waldshut den Atommüll aller Schweizer Kernkraftwerke für den Weitertransport zu verpacken.

Eine Abkoppelung der Verpackung von den sogenannten Oberflächenanlagen hätte aus Sicht der Nagra aber auch Nachteile. "Dieses Verfahren hat mehr Transporte zur Folge", erklärt Patrick Studer im Gespräch mit unserer Zeitung. "Das könnte einer der Nachteile sein." Atommüll aus den Kraftwerken Gösgen (Kanton Solothurn), Mühleberg (Kanton Bern) und Beznau (Kanton Aargau) müsste zunächst nach Leibstadt gefahren, dort umverpackt und dann auf die nächste Reise geschickt werden.

CDU-Abgeordneter und Waldshuter Initiative wehren sich

Bislang werden folgende Standorte für Oberflächenanlagen (atomare Anlagen) untersucht: Das Zwischenlager in Würenlingen (für ein Tiefenlager Jura Ost), die Gemeinden Weiach und Haberstal (Nördlich Lägern) sowie Rheinau und Marthalen (Zürich Nordost).

Neben dem CDU-Bundestagsabgeordneten Felix Schreiner ("Der Vorschlag Leibstadt ist für mich schlicht inakzeptabel.") wehrt sich auch die Waldshuter Initiative Zukunft ohne Atom (ZoA) gegen die jüngsten Überlegungen in der Schweiz. In eine Pressemitteilung schreibt ZoA: "Diese Pläne müssen vom Tisch."

Der Zeitplan: 2024 soll die Nagra das Rahmenbewilligungsgesuch einreichen. Das Gesuch beinhaltet einen Standort für ein Tiefenlager sowie für eine Oberflächenanlage (gegebenenfalls mit abgekoppelter Verpackungsstation). 2029 soll die Schweizer Bundesregierung über den Standort eines Tiefenlagers entscheiden. Anschließend stimmt das Parlament ab. 2031 könnte es eine Volksabstimmung in der Schweiz geben. Das Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle soll 2050 und jenes für hochaktive Abfälle 2060 in Betrieb gehen.