Gendergerechte Sprache

Gendern soll im Unterricht besprochen werden, aber nicht mit Festlegungen auf willkürlich kreierte Normen

Helga Kotthoff

Von Helga Kotthoff (Sprachwissenschaftlerin)

Sa, 04. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Werden aus Schülern Schüler*innen?", Agenturbeitrag (Land und Region, 19. Juni)

Schon lange haben wir verstanden, dass das Referieren auf Personen sich nicht auf das Maskulinum beschränken lässt, wenn auch auf nichtmännliche Menschen Bezug genommen wird. Da kann das alte stilistische Prinzip "variatio delectat" gelten. Ja, weil Abwechslung Freude bereitet, sei dem Landesschülerbeirat empfohlen, sich primär mit Texten zu beschäftigen, wenn ihnen der Einbezug von Frauen und Nichtbinären am Herzen liegt.

Das Netzwerk LSBTTIQ hat leider simple Vorstellungen von isoliert stehenden Wörtern, die dann eine Realität kreieren sollen. Unsere schriftlichen und mündlichen Äußerungen gehen aber meist sogar über Sätze hinaus. In einem längeren Text können wir beispielsweise zwischen Referenzen auf die Freiburgerinnen und Freiburger oder die Leute in Freiburg wechseln; wir können auch mal von den Freiburger/innen oder den Freiburger!innen schreiben oder sonst ein Zeichen bemühen. Ein geschlechterübergreifendes Maskulinum zwischendrin ist dann auch vertretbar. Abweichungen von heterosexuellen Normen werden allerdings in der Regel bei Personenreferenzen nicht miterfasst, egal, welche Form bemüht wird.

Ob beliebige Zeichen wie das berühmte Sternchen bestimmte Personenvorstellungen hervorrufen, ist bis dato nicht erforscht und nicht sehr wahrscheinlich. Gendern kann und soll natürlich im Unterricht besprochen werden, aber nicht mit Festlegungen auf willkürlich kreierte, neue Normen.

Helga Kotthoff, Sprachwissenschaftlerinund Verfasserin einer Einführung in die Genderlinguistik (2018), Freiburg