Geschichte, die unter die Haut geht

Klaus Fischer

Von Klaus Fischer

Sa, 09. Januar 2021

Ettenheim

Die Ettenheimer Gruppe des historischen Vereins Mittelbaden wurde 100 Jahre alt / Geschichtsforschung vor Ort und wie man junge Menschen hierfür begeistert.

"Lokale Geschichte geht unter die Haut. Deswegen kann sie auch starke Reaktionen hervorrufen. Sie kann verstören, begeistern oder man kann über sie streiten. Und sie kann wissenschaftliche Debatten in Gang setzen. Lokale Geschichtsforschung hat eben viele Facetten", sagt Thomas Dees. Der Pädagoge, Jahrgang 1956, ist seit 2012 Vorsitzender der Mitgliedergruppe Ettenheim im Historischen Verein für Mittelbaden. Die Ettenheimer Gruppe ist inzwischen 100 Jahre alt, gegründet wurde sie im Frühjahr 1920.

So richtig gefeiert wurde das Jubiläum nicht. "Obwohl wir uns mit Geschichte und damit auch mit Tradition beschäftigen, eine Jubiläumsfeier im traditionellen Stil hatten wir nie im Sinn." Kein Festbankett, keine Ehrungen. Eine gewöhnliche Hauptversammlung war im Oktober geplant mit einem Vortrag von Jörg Sieger. "Letzteres gehört in unserem Verein bei Hauptversammlungen immer dazu," sagt Thomas Dees.

Jubiläumsfeier musste wegen Corona abgesagt werden

Doch selbst Gewohntes war im Jubiläumsjahr nicht möglich. Nur wenige Stunden vor der Versammlung am 18. Oktober sagte Dees das Treffen ab: Corona. Das Risiko war ihm zu groß. Die meisten der Mitglieder gehören mit deutlich über den 60 der Risikogruppe an. "Da erschien es mir geboten, die Versammlung abzublasen und ins nächste Jahr zu verschieben", sagt Dees.

Als 64-Jähriger darf sich der Vorsitzende noch zu den Jungspunden im Verein zählen. "Wir sind schon eine Riege der ergrauten Männer und Frauen. Das sehe ich perspektivisch für die Arbeit des Vereins auch als ein großes Problem. Wir haben bisher noch kein Rezept gefunden, wie wir jüngere, und dazu zähle ich schon die Gruppe der unter Fünfzigjährigen, an unseren Verein heranführen und sie integrieren können. Vielleicht hat es auch damit etwas zu tun, dass historisches Arbeiten in der Regel eine Sache von Individuen und Individualisten ist. Historische Forschung – ganz besonders im lokalen Umfeld – ist eben kein Teamsport. Da haben es Sportvereine leichter. Deshalb gelten wir vermutlich für jüngere Menschen per se als nicht so attraktiv", sagt Dees. Dass dabei auch Schule eine Verantwortung trägt, lässt der Realschullehrer nicht unausgesprochen. Im Bereich der Museumspädagogik habe sich in der jüngeren Zeit zwar schon sehr viel getan, es gebe viele attraktive Angebote vom Kochen wie im Mittelalter bis zum Herstellen von Spielzeug aus den Jahrhunderten. Auch Führungen durch die historische Altstadt für Grundschüler bis zu Gymnasiasten gehörten dazu. Aber in Zeiten von Social Media fehle noch das geeignete Material, um auch junge Erwachsene zu erreichen. "Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wirkt die Macht der Bilder. Die fehlt uns in der lokalen Geschichtsforschung noch. Denn Interesse für Geschichte als solche ist bei den Jungen durchaus da, wenn ich etwa an die Gespräche und Diskussionen in der Schule nach TV Sendungen wie Terra X denke." Im virtuellen Bereich müsse lokale Geschichte noch nacharbeiten, so Dees.

Das sieht der Vorsitzende als aktuell eine der zentralen Aufgaben. "Unsere herausragenden lokalen Geschichtsforscher wie Bernhard Uttenweiler, Josef Naudascher, Hubert Kewitz, Dieter Weis, Karl-Heinz Debacher oder Franz Michael Hecht haben die spannenden Ergebnisse ihrer Heimatforschung in Büchern festgehalten, weil sie sagten: Bücher haben Bestand. Um Jüngere in der Breite zu erreichen müssen wir umdenken, digital denken", sagt Dees.

Historischer Verein muss lernen,

digital zu denken

Jörg Sieger habe hier eine erste Marke gesetzt mit seiner Historischen Datenbank Ettenheim. "Etwas Vergleichbares in seiner Dimension gibt es nach meiner Kenntnis noch in keiner Gemeinde der Größe von Ettenheim", sagt Dees. Die Datenbank werde von Sieger kontinuierlich weiter fortgeschrieben.

Aber das Internet erlaube nicht nur, ein größeres Netz für die Forschung zu werfen, es könne auch helfen, Lokalgeschichte transparenter zu machen und auch mehr Menschen, vor allem auch jüngere zu erreichen, so der Vorsitzende Thomas Dees: "Darauf müssen wir uns in den nächsten Jahren stärker einlassen, um das Interesse an der Arbeit der Heimatforschung über die nächsten Generationen zu erhalten."