Kräuter

Giersch kann Petersilie ersetzen – und wird von Schnecken in Ruhe gelassen

Andrea Drescher

Von Andrea Drescher

Fr, 29. Mai 2020 um 14:59 Uhr

Bollschweil

Petra Rehm-Hug aus Horben kümmert sich um den Kräutergarten des Bildungshauses Kloster St. Ulrich. Ihr Lieblingskraut ist der mitunter als Unkraut verpönte Giersch.

Kräuter sind in. Es gibt Seminare, Vereine und sogar ganze Dörfer, die sich mit diesen Pflanzen befassen. Welche in der Region wachsen und wie sie sich verarbeiten lassen, versucht die BZ in einer Serie zu ergründen. Heute: der Kräutergarten in St. Ulrich.

Es ist noch etwas kühl an diesem Morgen im Kräutergarten des Bildungshauses Kloster St. Ulrich. Doch erste Kräuter sprießen schon – und müssen damit rechnen, gleich zurechtgestutzt zu werden. Denn Petra Rehm-Hug, die den Garten betreut, hat gerade sehr viel Zeit: Wegen der Corona-Pandemie finden am Bildungshaus weder Kräuterseminare noch -führungen statt, und die Ferienwohnungen auf dem heimischen Hof in Horben, den sie mit ihrem Mann betreibt, kann sie derzeit nicht vermieten. Petra Rehm-Hugs Lieblingskraut wächst an der Mauer – der Giersch, bei Gartenbesitzern eher als wucherndes Unkraut verpönt.

Aber die Fachfrau mag, dass "er so aromatisch ist". Das sei ganz praktisch, denn Giersch wachse von alleine und werde – im Gegensatz zur Petersilie – von Schnecken in Ruhe gelassen. Und: "Man kann alles daraus machen", wie sie sagt, etwa Kräuterquark oder Gierschsenf. Mit dem Verarbeiten von Kräutern kennt sich die 50-Jährige aus. Sie hat darüber ein Buch geschrieben, das 2019 Verlag erschienen ist – Titel: "Haltbare Kräuterprodukte".

Von der Kommunikationselektronikerin zur Kräuterpädagogin

Dabei ist Petra Rehm-Hug in Sachen Kräutern eher eine Spätberufene. Auslöser war, dass sie vor Jahren im Garten ihrer Schwiegermutter nachfragte, was dort so alles wachse, und keine befriedigende Antwort erhielt. Also kaufte sie sich ein Bestimmungsbuch – und war auch damit nicht zufrieden. Sie beschloss, bei der Volkshochschule ein Kräuterseminar zu besuchen, und war gleich nach der ersten Führung sehr angetan, auch weil sie "zum ersten Mal Spitzwegerichknospen gegessen" hat. Was, so gibt sie zu, ein bisschen Überwindung gekostet habe. "Angefressen", wie sie nun war, entschied Petra Rehm-Hug, eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin zu machen – ein ziemlicher Kontrast zu ihrem ursprünglichen Beruf: dem der Kommunikationselektronikerin, den sie, aus dem Raum Karlsruhe stammend, einst bei der Telekom gelernt hatte.

Von März 2012 bis April 2013 besuchte sie Wochenendseminare der offiziellen Ausbildung zur Kräuterpädagogin, die mit einer schriftlichen Prüfung endete. Seither bietet sie Kräuterführungen und -workshops an, verarbeitet Kräuter und engagiert sich im Verein Kräuter-Regio. Die Pflanzen haben sie auch zum Bildungshaus in St. Ulrich geführt. Hier bietet Petra Rehm-Hug in einem Referententeam aus vier Frauen Kräutergrundkurse an, wobei der inzwischen sechste wegen der Corona-Krise ausfallen musste. Jedenfalls sollte beim ersten Kurs ein Kräutergarten angelegt werden. Aber das dafür vorgesehene Areal war "ein riesiges Loch", so dass die bereits organisierten Kräuter daheim im Garten der Steinmühle eingepflanzt wurden. Dort wüchsen sie immer noch, sagt sie schmunzelnd.

Aber irgendwann war auch der Garten am Bildungshaus in St. Ulrich fertig angelegt. Da stellte sich natürlich die Frage, wer diesen pflegen könnte. Bernhard Nägele, Leiter des Bildungshauses, sei damit auf sie zugekommen, erzählt Rehm-Hug, "so bin ich zu dem Garten gekommen". Und zu jeder Menge Kräuter. Sie schätzt, dass es um die 50 verschiedenen sind.
Gewöhnlicher Giersch

Der Giersch wird auch Dreiblatt, Geißfuß, Ziegenkraut, Schettele, Zaungiersch, Baumtropf oder Wiesenholler genannt. Er gehört zur Familie der Doldenblütler. Giersch wurde zur Linderung der Schmerzen bei Rheumatismus, Gicht und Arthritis verwendet, worauf die Namen Podagrakraut oder Zipperleinskraut hinweisen, wirkt krampflösend, entgiftend und blutreinigend. Die Pflanze gedeiht auf nährstoffreichen, lockeren, tiefgründigen und humosen Ton- und Lehmböden und wird bis zu 100 Zentimeter hoch. Giersch kann als Salat oder Gemüse zubereitet werden. Als Salat eignen sich vor allem junge Blätter. Ältere Blätter eignen sich als Tee oder zum Kochen und Dünsten. Die bitteren Stiele sollten aber entfernt werden.

Das Buch: Petra Rehm-Hug, Haltbare Kräuterprodukte, Ulmer Eugen Verlag 2019, ISBN-13: 9783818606558, 128 Seiten, Preis: 16,95 Euro.

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