BZ-SERIE "SELBERMACHEN" (TEIL 10)

Häkeln und Stricken sind längst nicht mehr altbacken

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Mi, 23. September 2015

Südwest

Zwischen dem kleinen Finger und dem Ringfinger führe ich den Faden von hinten ein, dann vorne um den Ringfinger und den Mittelfinger, oben um den Zeigefinger herum und unter dem Daumen durch, wickle ihn um den Daumen und halte ihn hier fest."

Veronika Hug erklärt in einem Youtube-Video, wie Stricken geht. Langsam und ruhig sind die Bewegungen, wenn die 50-Jährige ihren Zuschauern zeigt, wie man eine Masche aufnimmt. Mehr als 6000-mal wurde das Video "Stricken lernen für Anfänger" bereits angeklickt, Tendenz steigend – und das Video ist nur eines von vielen. "Ich habe gerade mein 1000. hochgeladen", sagt Veronika Hug aus Appenweier. Ihr Youtube-Kanal "Redaktion  Hug" hat bereits  über 55 000 Abonnenten.

Diese Zahl zeigt, wie angesagt Stricken und Häkeln derzeit sind. Schon längst hat das Handarbeiten einen Imagewandel vollzogen: Was früher altbacken und großmütterlich wirkte, kann heute individuell und stylish aussehen. Zwar liegen die Anfänge der großen Do-it-yourself-Welle, die vor ein paar Jahren aus den USA nach Deutschland schwappte, ein paar Jahre zurück. Doch die Begeisterung ist geblieben – vor allem bei jungen Leuten. In den Buchläden stapeln sich Bücher zum Thema Handarbeit, auf Blogs im Internet finden sich DIYs (die Abkürzung für Do it yourself, zu Deutsch: Mach’ es selber) für Hipsterstirnbänder oder Loopschals, in den Strickcafés tummeln sich die Kreativen, die Nachfrage nach Kursen ebbt nicht ab. Auch bei den Promis wird fleißig gestrickt: Moderatorin Sarah Kuttner tut es, Starköchin Sarah Wiener oder die Schauspielerin Wolke Hegenbarth. Der Hype ums Haptische kennt kein Ende.

Dieser Meinung ist auch Manuela Weikum, die den Laden "Nadel & Faden" in Freiburg auf der Haid betreibt. Seit 20 Jahren hat sie ihr Geschäft, vor acht Jahren eröffnete sie als eine der Ersten in Deutschland ihr Strickcafé und "surfte mit auf der großen DIY-Welle". Jeden zweiten Samstag im Monat treffen sich bei ihr Strickende und Häkelnde, um gemeinsam ihrem Hobby zu frönen. Am 17. Oktober veranstaltet sie außerdem die lange Nacht des Strickens – und ganz normale Strick- und Häkelkurse hat sie ebenfalls im Angebot. Warum sich so viele fürs Handarbeiten begeistern? Für Manuela Weikum liegen die Vorteile auf der Hand: "Es ist unheimlich entspannend und außerdem noch gut fürs Gehirn." Von Stuhlhussen, Kosmetiktaschen über Tücher, Schals bis hin zu Pullis und Kleidern: Manuela Weikum kann jede Textilie herstellen – und das auf viele verschiedene Arten. Inspirationen holt sie sich auf den großen Handarbeitsmessen oder auf Youtube: "Besonders von den Brasilianerinnen schaue ich mir gerne Tricks ab", sagt Weikum.

Hype ums

Haptische

Auch Veronika Hug sieht Youtube als Erweiterung ihrer Möglichkeiten, nicht als Konkurrenz: "Es ist einfach ein Kanal, der dazugekommen ist", sagt Hug, die auch schon gut 30 Bücher und zahlreiche Zeitschriften zum Thema Handarbeit herausgebracht hat. Sie strickt, seit sie 15 ist, und wusste lange vor der großen Do-it-yourself-Welle, wie faszinierend Handarbeit sein kann. "Ich finde es immer noch toll, wenn aus einem Wollknäuel nach einer Weile ein ganz eigenes Teil wird", sagt Hug.

Dass sich plötzlich so viele Menschen – und vor allem junge – für ihre große Leidenschaft interessieren, freut sie. "Es ist vor allem die Haptik, die Menschen fürs Stricken begeistert", sagt Hug. Wer nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, freue sich, wenn er etwas mit den Händen machen könne, so ihre Theorie. Und dank des Internets kommen auch die auf ihre Kosten, die keine Strickcafés in ihrer Nähe haben. Oder eine Mutter oder Tante, die ihnen das Häkeln beibringt.

Do-it-yourself-Blogs liegen voll im Trend: Was früher Handarbeitsbücher waren, sind heute Blogs aus Amerika, England oder Deutschland, die den Printprodukten meist in nichts nachstehen. "A Beautiful Mess" aus Missouri, "I Spy DIY" aus New York, "Wool and the Gang" aus England und "We are Knitters" aus Spanien – es hat sich eine Szene gebildet, die der Tradition des Strickens und Häkelns huldigt. Fremdsprachenkenntnisse sind hier natürlich erforderlich.

Seit 2007 betreibt auch Rike Pachollek aus Kirchzarten ihr Blog "rosa p." und hat sich in der DIY-Szene einen Namen gemacht. Ob Granny-Square-Decke, Topflappen oder Pulswärmer: Die Erklärungen der Handcrafterin (Neudeutsch für Handarbeiterin) sind anschaulich und verständlich. Auch mehrere Bücher hat sie veröffentlicht: "Ich habe es geschafft, meine Leidenschaft zum Lebensunterhalt werden zu lassen", sagt Pachollek.

Der vielleicht schönste Nebeneffekt des DIY-Trends: Blogs und Youtube lösen VHS-Kurse oder Handarbeitsbücher nicht ab, sie ergänzen sie. Ältere Menschen geben ihr Wissen an junge Kreative weiter – oder sie starten ein gemeinsames Projekt: So hat sich Veronika Hug mit den Jungs von Hatnut zusammengetan, um mit ihnen für Youtube das Hatnut-Abc zu drehen.

Vor fünf Jahren gründeten die Tübinger Sportstudenten ihre Firma Hatnut und verpassten dem Häkeln ein neues Gesicht. Mit ihren bunten und sportlichen Mützen trafen sie den Nerv der (DIY-)Zeit. Männer, die häkeln? Das hatte man noch nicht gesehen. "Mittlerweile haben wir schon vier Bücher rausgebracht", sagt Sebastian Mertens, der die Hatnuts in Freiburg vertritt. Neben dem Häkeln und Stricken haben sie sich auch Knooken – Stricken mit einer Häkelnadel – beibringen lassen. "Manuela Weikum von ,Nadel & Faden‘ hat es uns gezeigt", so Mertens. Am Ende ist die Welt der DIY-Szene dann doch ganz klein.

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