Erinnerung

Wie ist es, im Schatten des ehemaligen KZ in Dachau aufzuwachsen?

Manuela Müller

Von Manuela Müller

Sa, 25. April 2020 um 18:57 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Demütigung, Folter, Ermordung – wer den Namen Dachau hört, denkt an KZ. Vor 75 Jahren wurde das Lager befreit. Die Vergangenheit haftet der Stadt noch immer an. Wie ist es, dort aufzuwachsen?

"Wenn man sagt, dass man aus Dachau kommt, ist es immer, als wäre der Film für einen Moment angehalten worden." Das sagt Margit Meyer. Sie ist Kunstlehrerin am Josef-Effner-Gymnasium in Dachau. Nicht nur sie empfindet das so. Jeder, der im Landkreis Dachau aufgewachsen ist oder dort länger lebt, kennt diesen Moment des Stutzens. Auch ich, geboren 1978 in Dachau.

Mein Elternhaus liegt 20 Kilometer entfernt. Die Landstraße nach Dachau schlängelt sich durch Dörfer und passiert Einödhöfe, einen Supermarkt, einen Bolzplatz, Einfamilienhäuser und große Gärten am Ortsrand, Mehrfamilienhäuser und Geschäfte an der Hauptstraße, Tankstelle, Gasthaus, Bäcker, Kirche – zwanzig Autominuten lang typisches oberbayerisches Hinterland, im Speckgürtel der Landeshauptstadt München. Auf den hügeligen Feldern wachsen Mais, Getreide, Sonnenblumen.

Dachau – das Wort schockiert. Auch heute noch
In Dachau biegt man vor der Papierfabrik links ab. Dann, nach dem Flüsschen Amper, meine Schule, das Josef-Effner-Gymnasium. Fährt man weiter, kommt hinten links nach einigen hundert Metern eine lange Mauer – die der Gedenkstätte. Dort war früher der Eingang, an der Ostseite des ehemaligen Konzentrationslagers, kaum zwei Kilometer von der Schule. Die dunkle Geschichte unserer Stadt war uns immer präsent.

Dachau – das Wort schockiert. Auch heute noch, 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers nordwestlich von München am 29. April 1945 durch amerikanisches Militär. Es erschreckt junge und alte Menschen, Deutsche und Nichtdeutsche. Es ist ein Synonym für Demütigung, Folter und Ermordung von Menschen, die den Nationalsozialisten widersprachen, anders dachten oder nicht in ihr Weltbild passten.

Doch ist Dachau auch eine ganz normale Stadt – mit hübscher Altstadt, einem ansehnlichen Schloss samt üppigem Rosengarten, dem Blick auf die Silhouette Münchens, die Alpen am Horizont und mit einem Wochenmarkt wie aus dem Bilderbuch.

Aber wer Dachau hört, der denkt KZ. Das ist der Makel, den jeder aus dem Landkreis kennt. Weil jeder schon mal den beredten Schreck im Blick des Gegenübers gesehen hat: O je, Dachau. Was macht das mit einem? Oder was kann man daraus machen?

Wie ist es, in Dachau aufzuwachsen?
Mancher ignoriert die Geschichte seiner Heimatstadt, andere verdrängen sie. Mich haben die Erzählungen schon als Kind interessiert. Etwa das Gerücht, man müsse in Norditalien aufpassen, dass einem das Nummernschild nicht geklaut wird. Angeblich hängten Neofaschisten das Kennzeichen DAH in den Nachkriegsjahrzehnten gern daheim neben die Hitlerbüste und die SS-Devotionalien. Oder meine Oma, die partout nicht im ...

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